Before Beatlemania, There Was Lisztomania!

Franz Liszt, der erste Rockstar der Musikgeschichte?

(Foto: Shutterstock von Everett Collection, Andrei Kuzmik, AlxYago)

Was haben diese 3 populärsten Rocklegenden gemeinsam? Jimi Hendrix, Elvis Presley und die Beatles? Richtig, sie alle begeisterten die Welt mit ihren Ausnahmetalenten, ihrer unfassbaren Performance, ihren Gitarrenskills und mit ihren unzähligen schreienden, in Ohnmacht fallenden weiblichen Fans. Auch ein Franz Liszt, ein Pianist aus dem 19. Jahrhundert gehört auf die Liste der größten Rockstars aller Zeiten, wenn nicht sogar zu den Ersten. Moment mal…ein Pianist?

Extravaganz, Rebellion, Sexappeal und außergewöhnliche Klänge – Mit diesen Begriffen würde man wohl einen Rockstar beschreiben, würde man gefragt werden, wie man sich einen typischen Rockstar vorstellt. Lange Haare, einzigartige Bühnenpräsenz und Groupies sind weitere klassische Merkmale, die uns bei solch einer Frage einfallen. Genau genommen sind das all die Merkmale, die der erste größte Rockstar der Romantik innehat – Franz Liszt.

1811 – A star was born

Kurzgefasst: Liszt war ein musikalisches Supergenie und Klavier-Ausnahmetalent des 19. Jahrhunderts, mit dem auch das Konzept Superstar geboren wurde.

Die ausführliche Story: Der kleine Franz erblickte 1811 in Ungarn die Welt. Eine Wahrsagerin prophezeite seiner Mutter die Geburt ihres Kindes und bezeichnete dieses als „großen Kometen“, was sich einige Jahre später mit dem großen Kult um Franz Liszt bewahrheiten sollte. Geprägt durch Vater und Großvater, die beide ebenfalls Musiker waren, widmete sich Liszt dem Klavierspiel und gab in einem Alter von 9 Jahren bereits sein erstes öffentliches Konzert, bei dem er bejubelt und für sein Talent gefeiert wurde. Dieses gelungene Konzert war der erste große Step in seiner jungen Karriere, denn von da an unterstützte ihn der Vater mit allen Mitteln, die er auftreiben konnte, um das Wunderkind zu fördern.

Mit 11 Jahren zog Liszt mit seiner Familie nach Wien, wo er nicht nur bei Carl Czerny sein Klavierspiel perfektionierte, sondern auch Kompositionslehre und Harmonielehren-Unterricht bei Antonio Salierie absolvierte. Wien eröffnete Liszt neue Türen und so folgten viele Konzerte, die ihn immer berühmter machten, bis er sich, 1824 in einem Alter von 13 Jahren auf seine erste Europatournee begab.

Der faszinierende Entertainer

Was hatte dieser Junge an sich, dass er große Konzertsäle füllte und später sogar Kreislaufprobleme bei Frauen verursachte?

Liszt verzauberte mit seinem außergewöhnlichen Stil des Klavierspiels bereits als Kind sein Publikum. Seine Musik war nicht nur von seinem Vater und Urgroßvater geprägt, er schnappte viel mehr die Musik der Sinti und Roma in seiner ungarischen Geburtsstadt auf und verarbeitete diese in seinen Klavierstücken. Bekannt ist, dass er besonders große Hände gehabt haben soll und mit diesen vom C bis zum nächsthöheren G greifen konnte, was einer Oktave plus 5 Noten entspricht. Er spielte ein ständiges Auf- und Ab, schnelle Läufe, Arpeggios und ging dann plötzlich zu einer Technik über, bei der er das Handgelenk viel mehr einsetzen musste und bei der der gesamte Körper involviert war, was natürlich auf Dauer sehr anstrengend ist.

Liszt fesselte sein Publikum aber nicht nur mit seinem speziellen Talent und seiner außergewöhnlichen Virtuosität, er entertainte seine Zuschauer in vielen europäischen Konzertsälen mit seiner unglaublichen Bühnenpräsenz, seinen Händen und seiner Körpersprache. Seine langen Haare flogen wild durch die Gegend, was wir mit dem heutigen Headbanging gleichsetzen können. Beim Spielen setzte er aber auch seine wilde theatralische Gestik ein und erreichte eine Art Trancezustand, mit welchem er das Publikum völlig schockierte.

Der rebellische Frauenschwarm

Im 19. Jahrhundert war das Musikhören für die meisten Menschen eine sehr ernste Angelegenheit. Das Publikum wurde zur Ruhe und Konzentration erzogen. Liszt änderte das.

Erstmals ließ er keine Konzertsäle mehr bestuhlen und pflegte eine neue Präsentationsform, die seinem Drang nach Selbstdarstellung entsprach. Auch positionierte er den Flügel quer zum Publikum, so wie es heute noch gemacht wird. Das hatte den Vorteil, dass er nicht hinter dem Instrument verschwunden ist, sondern nun für alle sichtbar in Aktion treten konnte – ganz schön eigensinnig.

Die zerstörerische Art und Weise, wie Liszt spielte und auch seine extravagante, charismatische, visionäre und verführerische Seite, die ihm nachgesagt wird, führte zu vielen weiblichen Fans und unzähligen Affären – nicht ganz ohne Folgen. Seine Frau litt unter den Frauengeschichten ihres Mannes und verließ ihn nach dem dritten gemeinsamen Kind.

Die Hysterie um Liszt

Der Schriftsteller Heinrich Heine beschrieb‘ das Hype-Phänomen um Liszt 1844 mit dem Begriff „Lisztomanie“. Der Begriff kommt dir doch sicher bekannt vor, nur in einem anderen Kontext? Richtig, „Beatlemania“ – die weltweite Euphorie um die britische Band „The Beatles“. Ein Begriff, der 1963 rund um den Hype der Band entstand und an die „Lisztomanie“ aus dem 19.Jahrhundert angelehnt wurde. Ganz Europa war mit der Lisztomanie infiziert, alle folgten ihm wie einem Gott und kauften sogar Fanartikel. Nicht selten kam es vor, während oder nach Konzerten zu hysterischen Szenen. Wenn Liszt spielte, drängten sich seine weiblichen Fans auf die Bühne, belagerten Konzerthäuser und fielen nicht selten in Ohnmacht. Und warum? Weil Liszt der Erfinder des modernen Rezitals ist – ein Konzert bestehend aus nur einem Komponisten, der das gesamte Programm auswendig kann. Doch Liszt prägte nicht nur seine Zeitgenossen. Sein Ruhm ließ ihn zu einer Ikone der Popkultur werden. Mitte der 1970er Jahre wurde Liszt in einem Film zum intergalaktischen Rockstar, der von Roger Daltrey gespielt wurde, der Sänger von ‚the who‘. Außerdem gäbe es ohne Liszt wohl auch keinen Frank Sinatra und auch keinen Kanye West und viele andere Künstler und Künstlerinnen, die ihre Inspirationsquelle bei Liszt gefunden haben.

2009 widmete ihm die Band „Phoenix“ sogar einen ganzen Song „Lisztomania“, der zu einem ihrer größten Hits wurde.

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Phoenix – „Lisztomania“

Der tiefe Fall des Rockstars der Romantik

Große Rockstars assoziieren wir nicht selten mit Personen, die früher oder später durch ihr Verhalten negativ auffallen, Drogenprobleme haben und an schweren Depressionen leiden.

Über Liszt‘ Drogenkonsum ist nichts bekannt, doch es gab einen Schicksalsschlag, der Liszt‘ Leben völlig auf den Kopf stellte und ihn in ein tiefes, schwarzes Loch fallen ließ – der plötzliche Tod seines Vaters und enger Vertrauensperson im Jahr 1827. Daraufhin zogen er und seine Mutter in eine kleinere Wohnung zurück nach Paris, wo er Klavierunterricht gab, um für die beiden zu sorgen. Für zwei Jahre zog sich Liszt komplett aus der Konzertwelt zurück, auch aufgrund von Depressionen, verursacht durch den ersten furchtbaren Liebeskummer, vor dem ein Teenager in seinem Alter nicht verschont bleibt.

Triumphale Erfolge, schonungslose Kritik, Affären und ein Burnout kennzeichneten Liszt‘ Leben zwischen 1838 und 1848, weswegen er seine Virtuosen-Laufbahn an den Nagel hängte und seine Ruhephase dazu nutze, viele Klavierkonzerte und Sinfonien zu schreiben.

Der nun sehr religiöse und fast Priester-gewordene Liszt wendet sich in einem Alter von 50 Jahren von seinem alten Leben ab, geht nach Rom und lebt bis zu seinem Tod 1886 zurückgezogen als Geistlicher in einem Kloster.

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