Wenn man das Gras in C-Dur wachsen hört

Das absolute Gehör und der Mythos der musikalischen Wunderkinder

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Ob Jimi Hendrix, Ludwig van Beethoven, Bach oder Frédéric Chopin, Michael  Jackson oder Falko, sie alle hatten ein absolutes Gehör. Sie gehörten zu denjenigen, die Töne auf Anhieb bestimmen konnten: Das quietschende Gartentor: Dis. Das Feedback auf dem Monitor: Gis. Das Telefongebimmel, bevor die Schwiegermutter naht: A. Sind Menschen, die das absolute Gehör besitzen, automatisch musikalische Wunderkinder? Hören wir mal gemeinsam hinter die Kulissen der Thematik:

Check it: Das absolute Gehör – eine Wunderfähigkeit?

  • Keine Angst vor übersinnlichen Fähigkeiten
  • Was überhaupt ist ein absolutes Gehör
  • Unterschiede durch Sprachkulturen
  • Vor- und Nachteile des Absolut-Hörens
  • Zwischen musikalischem Talent und Tonbestimmung

Das absolute Gehör – Grund für Paranoia?

Bereits die Bezeichnung „das absolute Gehör“ beeindruckt. Gerade weil Laien zuweilen nicht genau wissen, was überhaupt damit gemeint ist. Können Menschen mit diesen besonderen Lauschern wirklich alles hören? Ich meine, so durch Wände hindurch und das wachsende Gras? Da könnte man leicht Paranoia bekommen und sich von Hochleistungsohren verfolgt fühlen. Keine Angst, ganz so ist es nicht. Die Bezeichnung ist leicht irreführend und hat nichts mit übersinnlichen Fähigkeiten und Superkräften zu tun.

Was überhaupt ist ein absolutes Gehör

Von einem absoluten Gehör spricht man, wenn Menschen die Höhe beliebiger Töne bestimmen und in ein Tonsystem einordnen können, ohne dafür einen Referenz- oder Vergleichston zu benötigen. Das Erkennen von Intervallen – Tonabständen – gehört zum Unterricht in Musikschulen, auch zur Aufnahmeprüfung an Konservatorien. Der spezielle Aspekt für das absolute Gehör allerdings ist das Identifizieren ohne einen anderen vorgegebenen Ton, an dem man sich orientieren könnte.

Es geht also nicht darum, wirklich jeden Luftzug zu hören und von jeder Geräuschkulisse förmlich erschlagen zu werden. Und so kurios es anmuten mag: Das absolute Gehör ist eigentlich keine Leistung der Ohren, sondern des Gehirns. Die Fähigkeit assoziieren wir in unseren Breiten- und Sprachgraden automatisch mit Musik. Der Gedanke, das absolute Gehör könnte in einem völlig anderen Kontext entstehen und benötigt werden, kommt uns hierzulande nicht auf Anhieb.

Wenn du noch nicht gespielte Töne innerlich hörst
Wenn du noch nicht gespielte Töne innerlich hörst Foto: Shutterstock von Aleksandr Kondratov

Länderspezifische Unterschiede als Spiegelbild der Kultur

Dann der Schock der Erkenntnis: Wir Musiker stehen keinesfalls im Zentrum der Wichtigkeit. Stattdessen geht es grundlegend um Sprachen. Auf unserer schönen Welt gibt es sogenannte tonale Sprachen, hauptsächlich im asiatischen und afrikanischen Raum, etwa Thai, Mandarin, Vietnamesisch, Hochchinesisch, Bantu oder Swahili. Tonale Sprachen sind solche, bei denen identisch gesprochene Worte abhängig von der Tonhöhe eine unterschiedliche Bedeutung haben. Kleine Kinder werden beim Erlenen der verbalen Kommunikation demnach von Anfang an auf die tonabhängige Phonetik trainiert.

Absolutes Gehör untrennbar verbunden mit musikalischer Früherziehung

Hinzu kommt, dass bei der musikalischen Früherziehung zum Beispiel in Japan die Gehörschulung und das Tonarten-Training zum didaktischen Konzept gehören. Mit einer für hiesige Verhältnisse unfassbaren Erfolgsquote: Zwischen 80 und 100 Prozent all derer, die diese musikalische Früherziehung durchlaufen, haben anschließend ein absolutes Gehör, also die Fähigkeit Töne und Akkorde ohne Referenztöne zu identifizieren. Geschätzt besitzen 70 Prozent der japanischen Musiker ein absolutes Gehör.

Immenser Unterschied im nicht tonalen Sprachraum

Im europäischen Raum, auch beispielsweise in Amerika, Kanada usw. hingegen werden nicht tonale Sprachen gesprochen. Ob man „Mama“ im Subtonbass oder im Falsett ausspricht, ändert an der Bedeutung des Wortes zunächst nichts. Mama bleibt Mama. Auch ist die tonale Gehörschulung hier allenfalls in Ausnahmefällen Teil der musikalischen Früherziehung. Und so könnte es auch damit zusammenhängen, dass in Europa und Nordamerika pro 10.000 Menschen gerade mal einer ein absolutes Gehör besitzt.

Kritisches Zeitfenster, danach geht nix mehr

Immer wieder ist die Rede von einem „kritischen Zeitfenster“. Man geht davon aus, dass sich ein absolutes Gehör im Alter von bis zu sechs Jahren entwickelt und gefördert werden kann. Manche sind sogar der Meinung, das absolute Gehör sei als Grundvoraussetzung zum Erlernen der Sprache angeboren und verflüchtige sich alsbald wieder, so es  denn nicht trainiert wird. Einer Meinung sich die Fachwelt, dass man sich über dieses Zeitfenster hinaus das absolute Hörvermögen ohne Referenzton nicht mehr antrainieren kann. Was man später noch zu lernen imstande ist, ist das Hören in Intervallen.

Das ausprägende Zeitfenster ist begrenzt
Das ausprägende Zeitfenster ist begrenzt Foto: Shutterstock von bbernard

Kuriose Evolution: Unterschiedliche Ausprägung der Sinne

Die klassischen fünf Sinne des Menschen sind bekanntlich Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Tasten. Hinzu kommen weitere wie der Gleichgewichtssinn, der Temperatursinn und die  Körperempfindung. Besonders vergleichbar, weil Fragen aufwerfend, sind das Sehen und das Hören. Üblicherweise sehen wir Menschen Farben, die wir auch unmittelbar benennen können. Rot ist Rot; Weiß ist Weiß und so weiter. Das wirft Fragen auf, die kaum letztgültig beantwortbar sind: Weshalb können wir Farben weitestgehend zweifelsfrei definieren, die Töne aber nicht?  Der wichtigste Sinn des Menschen ist das Sehen. Das rächt sich in der begrenzteren akustischen Wahrnehmung.

Diverse Vorteile der Musiker mit absolutem Gehör

Absolut-hörende Musiker sind insbesondere dann im Vorteil, wenn sie ein monophones Instrument spielen. Und logischerweise ist auch die Stimme ein Instrument. Vernünftig ausgebildete Sänger mit absolutem Gehör haben keinerlei Probleme, Stücke auch ohne Begleitung in der korrekten Tonhöhe vom Blatt zu singen.

Tonal exakt singen ohne Begleitinstrument
Tonal exakt singen ohne Begleitinstrument Foto: Shutterstock von Mind Pro Studio

Kostengünstig: Stimmgerät in der Birne immer dabei

Beispielsweise Geiger oder Gitarristen sind imstande, ihr Instrument auch ohne Stimmgerät zu stimmen. Das Stimmgerät haben sie im Kopf. Eine besseres Transport-Case gibt es wahrscheinlich nicht. Hinzu kommt, dass solche Musiker sich Musikstücke besser merken und somit schneller einüben können.

Wunderkind Mozart als erster Musikpirat der Geschichte

Diese Gedächtnisleistung förmlich auf die Spitze getrieben hat 1770 ein gewisser Wolfgang Amadeus Mozart. Der eine oder andere hat den Namen schon mal gehört. Bei einem Aufenthalt in Rom soll er das „Miserere“ von Allegri, bis dahin ein streng gehütetes Geheimnis des Vatikans, gehört und anschließend aus dem Gedächtnis komplett aufgeschrieben haben. Damals war Mozart gerade 14 Jahre alt.

Allemal genial: Kompositionen trotz Taubheit

Interessant bleibt, dass es manche zeitlose Musik ohne das absolute Gehör nicht gegeben hätte. So litt der kongeniale Komponist Ludwig van Beethoven zunehmend unter Gehörverlust. Das sollte ihn nicht davon abhalten, weiterhin zu komponieren. Dank seines absoluten Gehörs hatte er die innere Vorstellungskraft von Tönen und musikalischen Zusammenhängen. Den Applaus bei der Uraufführung seiner neunten Sinfonie konnte er zwar sehen, aber leider nicht hören. Zu dem Zeitpunkt war er bereits taub.

Die nervtötende Kehrseite der Medaille

Stellt sich die Frage, ob das absolute Gehör ausschließlich positive Seiten hat. Nun ja, eine negative Kehrseite ist durchaus vorhanden, und das ist eine durchaus Kuriose. Musiker mit dieser Fähigkeit hören nicht nur die Töne im Verhältnis zueinander. Geradezu schmerzhaft nehmen sie wahr, wenn etwa die Instrumente im Bandgefüge verstimmt sind. Durchaus kann das in innerlichen Stress ausarten. Das sind dann jene Momente, in denen man die Gehörakrobaten nicht mehr bewundert, sondern vielmehr bemitleidet. Ein verstimmter Lauschangriff der besonderen Art.

Drahtseiltanz der Besserwissenden und Rechthabenden

Es ist wie überall, wenn jemand etwas Besonderes kann. Nicht selten, dass es in einer Band hoch hergeht und die streitbaren Fetzen fliegen. So ist beispielsweise der relativhörende Gitarrist von der korrekten Stimmung seines Instrumentes überzeugt. Der mit absolutem Gehör ausgestattete Keyboarder ist vollkommen anderer Meinung. Und selbstverständlich wird er das seinem Bandkollegen ungefragt aufs Brot schmieren. Das Problem: Der Saitenakrobat will nicht ständig kritisiert werden; der Keyboarder hat aber ebenso ständig Recht.

Nicht immer kommt das absolute Gehör gut an
Nicht immer kommt das absolute Gehör gut an Foto: Shutterstock von Ollyy

Wenn die Fähigkeiten zur quälenden Belastung werden

Nehmen wir ein anderes Beispiel: Bei Chören ist es nicht gewollt, aber keinesfalls ungewöhnlich, dass der gesamte Chor in der Tonhöhe abrutscht. Perfekt nach Stimmgabel gestartet, nehmen die Stücke ihren Lauf und nach ein paar Takten haben sich alle Beteiligten leicht nach unten geschaukelt. Ein Grauen für Menschen mit absolutem Gehör, die sich dann selbstverständlich angleichen und gegen ihr innerstes Stimmgerät agieren müssen. Wenn man weiß, dass da etwas falsch ist, man aber in der Situation nichts tun kann, ist das ein ziemlich merkwürdiges und unangenehmes Gefühl.

Emotionales versus mechanisches Hören

Ein weiterer Nachteil kann sein, dass Menschen mit absolutem Gehör die emotionale Ausdruckskraft von Tonzusammenhängen weniger gut nachvollziehen können. Nehmen wir die Töne A und C. Musiker mit relativem Gehör hören und empfinden die beiden Töne als kleine Terz, also als melancholische Moll-Terz. Die  absolut Hörenden hingegen, hören die Einzeltöne A und C, zunächst frei von einem Ton-Charakter.

Aus diesem Umstand scheinen sich manche Beispiele von asiatischen Stars der Klassik zu erklären, die mit einer immensen „manuell-mechanischen“ Virtuosität auf ihren Instrumenten spielen, denen aber trotz ihrer oftmals artistischen Darbietungen eine vergleichsweise geringe musikalische Ausdruckskraft attestiert wird.

Weshalb die Evolution ihre eigene Meinung hat

Einige Forscher sind sogar der Meinung, es sei sinnvoll, dass das eigentlich jedem Menschen angeborene Gehör nur den Zweck hat sprechen zu lernen. Sobald das Baby bzw. Kleinkind sprechen kann, soll die Fähigkeit des absoluten Gehörs keine Bedeutung mehr haben. Vielmehr kann es im Alltag und bei weiteren Entwicklungen stören und verwirren. Sich an die exakte Tonhöhe der Taube auf dem Dach zu erinnern, scheint schlichtweg unnütz. Deshalb, so die Thesen, bilde die absolute Hörfähigkeit sich zurück.

Nur mit absolutem Gehör musikalisches Ausnahmetalent?

Und nun Butter bei die Fische: Oftmals werden Musiker mit absolutem Gehör glorifiziert, quasi ein Kriterium der Genialität. Im Umkehrschluss würde dies bedeuten, dass all die Normalos gegen die Hör-Akrobaten keinerlei Chance zu bestehen hätten. Mitnichten, über das musikalische Talent trifft das absolute Gehör keine Aussage, beim Lernen eines Instruments und im Alltag der Musiker spielt es allenfalls eine marginale Rolle, nämlich die eines Stimmgerätes oder einer Stimmgabel. Und die kosten letztlich kaum Geld.

Relatives Hören in der westlichen Musik weitaus bedeutsamer

Das absolute Gehör wird gerne zu einer genialischen Begabung überhöht. Dabei hat es in der musikalischen Realität selten praktischen Nutzen. Insbesondere in der westlichen Musik, die auf Intervallen – Tonabständen – aufgebaut ist, scheint das relative Hören weitaus wichtiger. Ob der abbremsende Zug mit einem Dis oder einem Fis quietscht, ist kaum ausschlaggebend. Ob der Teekessel in C oder D pfeift, ändert nichts an der Tatsache, dass das Wasser kocht.

Absolutes Gehör keine Grundvoraussetzung für musikalischen Erfolg

Die gute Nachricht also für grundsätzlich alle, die ein Musikinstrument spielen möchten: Man muss nicht das Gras in C-Dur wachsen hören, um eines der schönsten Hobbys der Welt zu erlernen oder es eines Tages vielleicht sogar zum Beruf zu machen. Die Gehörbildung gehört zu einem der wichtigsten Fächer in Musikschulen und Konservatorien, allerdings zumeist bezogen auf tonale Zusammenhänge und Tonabstände.

Oder platt und plakativ ausgedrückt: In der systemischen westlichen Musik ist ein absolutes Gehör per se nicht vorgesehen. Schön wenn ihr es habt; wirklichen Nutzen hat es kaum, zumal Vor- und Nachteile sich die Waage halten. Individuell kann diese Hör- bzw. Gehirnleistung aus pragmatischen Aspekten nützlich sein. Doch zuweilen bekommt man den Eindruck, dass das eigentliche Wunder der Wunderkinder eben nicht das spezielle Gehör, sondern schlichtweg deren musikalisches Talent ist. Und das ist noch mal eine ganz andere Geschichte.

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Gleichgültig, ob absolutes oder relatives Gehör, die Ohren sind höchst empfindlich und wollen, sollen und müssen geschützt werden. Ein Gehör verliert man nur einmal. Hier unser Artikel zum Thema: „Gehörschutz für Musiker – weil’s besser ist“.

Keine Kommentare zu “Das absolute Gehör und der Mythos der musikalischen Wunderkinder”
  1. Thomas M. Schallaböck

    Ein sehr spannender Artikel, dem ich aus eigener Erfahrung größtenteils zustimmen kann.
    Mein Vater war mit seinem absoluten Gehör immer dann gestraft, wenn er als Geiger von einer Orgel begleitet wurde, die zu tief oder zu hoch stand. Es war ihm nur mit größter Mühe möglich, alles einen Viertel- oder Achtelton tiefer oder höher zu spielen und verursachte bei ihm richtigen Stress.

    Ich habe bereits als kleines Kind dieses Problem mitbekommen und später, als Jugendlicher, versucht mich gegen das absolute Gehör zu wehren, indem ich es absichtlich nicht trainierte. Es ist nun tagesabhängig. Aber ungestimmte Instrumente bereiten mir immer „Schmerzen“.

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