Drum Circle – der etwas andere Trommelkreis, Folge 5

Lernen ohne zu lehren: Drum Circle in der Schule

Foto: GEWA von Evelina Stern

Drum Circles in diversen Gemeinschaften sind tolle Erlebnismomente und die eigentliche Kernidee von Drum Circle. Aber in welchen ganz konkreten Bereichen kann ich die Methode noch und mit welchen Benefits anwenden? Um diese Frage soll es in den nächsten Folgen dieser Artikelserie gehen. In der ersten Folge zu den spezialisierten Anwendungen lassen wir die Glocke läuten und fläzen uns auf die Schulbank.

Check it: Drum Circle in der Schule

  • Skills im Mittelpunkt des unterbewussten Lernens
  • Dynamische Lernprozesse im sozialen Kontext
  • Erfahrungsbasiertes Lernen
  • Musik erleben
  • Und sogar fächerübergreifend

In der Schule passieren zwei wichtige Dinge: Lernen und Lernen

Einerseits erlernen Kinder und Jugendliche kognitives Wissen. Sie rechnen, lesen, schreiben, malen, musizieren, pauken, und bestenfalls wenden sie an. Zum anderen stellt die Schule einen essentiellen sozialen Raum dar. Hier werden Softskills erlernt, also zwischenmenschliche Kompetenzen, Kommunikation, Selbstwirksamkeit und vieles mehr, was das innere und äußere Erleben betrifft.

Drum Circle als Werkzeug für zwischenmenschliche Interaktion und Selbstvertrauen

Drum Circle kann in beiden Bereichen eine Rolle spielen. Mit Drum Circle kann man unter anderem eine heterogene Menschenmenge zur Interaktion bringen, Freude erzeugen, einzelne in ihrer Selbstwirksamkeit bestätigen, Kommunikation fördern und Stress abbauen. Hier liegt im gemeinsamen Musizieren (z.B. im Drum Circle) ein großes Verstärkungspotential von all jenen Fähigkeiten, die sich nicht in Schulnoten abbilden lassen, die aber als Grundlage benötigt werden, um effektives kognitives Lernen zu ermöglichen.

Zwischen dynamischer Interaktion und Lehrstoff
Zwischen dynamischer Interaktion und Lehrstoff Foto: GEWA von Evelina Stern

Drum Circle und Soziale Arbeit

Um die Übersicht zu behalten, wollen wir uns dem Bereich der Soft Skills ausführlicher in der Ausgabe zum Thema „Drum Circle und Soziale Arbeit“ nähern. Auch der schulische Kontext wird dort eine wichtige Rolle spielen. Hier soll es erst einmal um den Unterricht selbst gehen. Wir zäumen das Pferd also gewissermaßen von hinten auf.

Es ist naheliegend, dass Drum Circle ein Tool im Rahmen des Musikunterrichts sein kann – übrigens sowohl an allgemeinbildenden, als auch an Musikschulen. Aber es trommeln doch alle nur. Was bringt‘s? Klar, Spaß, aber für den Unterricht?

Ausschlaggebend für den Erfolg: „Erfahrungsbasiertes Lernen“

Das entscheidende Stichwort ist das „erfahrungsbasierte Lernen“ (engl. „experiential learning“). Etwas simplifiziert wird hier dem kognitiven Lernen das Selbermachen idealerweise vorangestellt, mindestens aber gleichgesetzt. Ein praktisches Beispiel:

Ihr möchtet euren Schützlingen die Symbolik und Bedeutung eines wesentlichen musikalischen Parameters beibringen: Dynamik.

Möglichkeit 1:

An die Tafel stellen, einen Dynamik-Strahl von pianissimo bis fortissimo anschreiben, die Begriffe erklären, auswendig lernen. Habt ihr jetzt auch schon keine Lust mehr? Eben. Die Begriffe bleiben ohne Bedeutung.

Trockener Stoff kann auch interessant vermittelt werden
Trockener Stoff kann auch interessant vermittelt werden Foto / Grafik: von Ina Germer

Möglichkeit 2:

Ihr kombiniert Möglichkeit 1 mit dem Hören von Musikbeispielen oder dem Erlernen einfacher Klassenarrangements. Schon viel besser. Allerdings ist Hören immer noch sehr frontal und ohne direkte persönliche Bedeutung für die Lernenden. Und vor dem Erleben eines Klassenarrangements steht das Üben, was eine echte Motivationshürde darstellen kann.

Möglichkeit 3:

Lange bevor ihr auch nur einen dieser Begriffe nennt, macht ihr mit eurer Klasse – ihr ahnt es schon – einen Drum Circle. Alle spielen laut durcheinander (wir nennen das: „Rumble“) und ihr bedeutet mit eurer Körpersprache leiser und lauter zu spielen. Dann holt ihr zu allem Überfluss auch noch einzelne Kinder zu euch in die Mitte und lasst sie die Klasse dirigieren.

Mit simplen Bewegungen und Mimik durch den Rumble leiten

Es ist extrem einfach: Arme oben = laut / Arme unten = leise, alles dazwischen = alles dazwischen.
Wenn ihr jetzt über die einzelnen Dynamikstufen sprecht, machen die Begriffe auf einmal Sinn. Ihr könnt jetzt sogar anfangen, spielerisch zu kombinieren („Der Rumble soll erst mezzo piano, dann fortissimo und dann pianissimo sein!“). Nur eines von vielen möglichen Beispielen, aber ich hoffe, das Prinzip ist klar.

Ganz sicher nicht nur für Grundschüler
Ganz sicher nicht nur für Grundschüler Foto: GEWA von Evelina Stern

Dynamische Didaktik richtet sich an sämtliche schulische Altersgruppen

Finde ich toll, sagt die Realschul-Lehrkraft. Klappt in der Grundschule bestimmt super. Aber meine 7. Klasse ist da schon weiter im Stoff. Was ist mit denen? Ich könnte jetzt darüber klugscheißen, dass auch diesen Jugendlichen ein aktives Erleben besagter Begrifflichkeiten – auch als Wiederholung – sicher Spaß machen und einen Lerneffekt bringen würde. Aber ok, was ist mit den höheren Altersgruppen?

Musik erleben, erfinden und improvisieren

Ich bin mir sicher, dass wir auch für die noch eine Menge didaktischer Inhalte finden würden, die sich über das „Experiential Learning“ abbilden ließen. Aber noch wichtiger: Die Punkte musikalischer Ausdruck und Kreativität. Wie lasse ich meinen Kurs erleben, was es wirklich heißt Musik zu machen, Musik zu erfinden, zu improvisieren, Teil eines Orchesters oder Ensembles zu sein?  Wenn ihr das Glück einer elterlich gut behüteten Klasse habt, in der das Gros der Kinder ein Instrument spielt, herzlichen Glückwunsch. In der realen Welt wird das aber seltener vorkommen, als wir alle es uns wünschen.

Musizieren frei von Hürden und Barrieren

Durch die Nutzung von Percussion-Instrumenten und der Drum-Circle-Methode habt ihr die Möglichkeit, die angehenden Musikschaffenden direkt und ohne Hürden in den Prozess des Musizierens zu bringen. Denn ihr spart euch das Üben. Und das grenzt diejenigen mit musikalischer Vorbildung überhaupt nicht aus. Mit ein bisschen Erfahrung lassen sich auch andere Instrumente wunderbar einbinden. Du spielst Flöte? Bring mit. Die bist Pianistin? Setzt dich an den Flügel! Der Gitarrist hat schon Erfahrung mit dem improvisierten Solospiel? Erzähl uns davon! Wie machst du das? Ihr seht, worauf ich hinauswill.

Lasst uns rekapitulieren:

Mit Drum Circle lassen sich sowohl didaktische Unterrichtsinhalte abbilden als auch kreative Prozesse erfahren. Dabei ist entscheidend, dass der klassische Weg umgedreht werden kann: Erfahren steht vor dem Benennen.

Und was ist mit anderen Unterrichtsfächern? Was soll das Getrommel im Mathe-, Sprach- oder Sachunterricht bringen? Eine berechtigte Frage. Wir könnten jetzt ganz schnell auf Faktoren wie sozialen Zusammenhalt, Entspannung und Spaß kommen. Aber wir haben uns ja eingangs darauf verständigt, dass wir das in einem anderen Artikel machen wollen und es hier nur um den konkreten Unterricht gehen soll.

Ok, lassen wir unsere Fantasie spielen

  • Mathe: Rhythmik und Mathematik haben offensichtliche gemeinsame Wurzeln. Da fallen einem schnell Rhythmus-Spiele ein, die einen konkreten Bezug zu den Zahlen haben. Wie wäre es damit:
    Ein gemeinsamer improvisierter Rhythmus läuft, die Lehrperson ruft: „Spielt mal 24 durch 3!“ und auf Einsatz spielt die Gruppe acht laute Schläge. Der Rhythmus geht weiter, einige haben zu oft gespielt, was für Erheiterung sorgt. Und weiter geht’s. Schreibt mir, wenn ihr es ausprobiert habt.

 

  • Naturwissenschaften: Schwingungsverhalten, Teilchenphysik (Shaker sind die Protonen, Holzblocks sind die Elektronen, spielt mal ein Lithium-Atom. Ok, ich brainstorme nur.

 

  • Sprache: Verse und Sprechgesänge über gemeinsame Beats, Metren und Versmaß in Rhythmen gespielt.

Mit ein bisschen Fantasie und Mut sind die Möglichkeiten gewaltig. Und wenn ihr denkt: Aber wozu der Aufriss. Ich kann ja auch einfach 24 durch 3 schriftlich rechnen lassen. Ja, könnt ihr. Sollt ihr auch, gehört ja auch dazu.

Spaß-betontes Lernen fürs Langzeitgedächtnis und Motivation

Aber das Erleben und der Spaß verankern das Erlernte nicht nur tiefer im Gedächtnis, sondern die Motivation zu lernen ist schlicht größer. Wir Facilitator nennen das „Lehren ohne zu Lehren“: Die Schülerschaft bemerkt nicht, dass ihr ihnen grade etwas beibringt, lernt aber trotzdem. Wie gemein. Und wie effektiv.

Ben‘s Challenge!

Ich rufe eine Challenge aus: Wer es schafft, seine oder ihre Klasse mit einer spannenden Trommelaktivität zu beschäftigen, in der alle einen konkreten Unterrichtsinhalt lernen, ohne es zu bemerken, bekommt von mir eine Trommel geschenkt. Good Luck.

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Du möchtest noch mehr über Drum Circles erfahren. Dann klick dich doch durch die Workshop-Serie und fange bei diesem Artikel zum Kreis der Trommeln an.

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