Der etwas andere Trommelkreis, Folge 1

Drum Circle – Im Kreise der Trommeln

Aufbau eines Drum Circle
Aufbau eines Drum Circle in einer Schule Foto: Evelina Stern via GEWA drums

Was kann man sich unter dem Begriff DRUM CIRCLE vorstellen? Seit Jahrzehnten geistert er auch hierzulande durch die Szene, aber worum geht es dabei eigentlich? Mit dieser Artikelserie wollen wir euch einen ausführlichen Einblick in das Thema ermöglichen. Denn die Drum-Circle-Methode bietet ein enormes Potential für alle, die sich – ob hauptberuflich, hobbymäßig oder auch nur am Rande – mit den Themen Trommeln und Improvisation beschäftigen (wollen).

Um herauszufinden, was ein Drum Circle ist, wie er funktioniert und was er bewirkt, sollten wir uns so einen Trommelkreis mal genauer anschauen.

Fangen wir von außen an. Was sehen wir?

Eine Gruppe Menschen sitzt in einem Stuhlkreis. Jede(r) spielt auf einem Percussion-Instrument, dementsprechend laut und chaotisch klingt es auch. Eine Person geht immer wieder in die Mitte des Kreises und scheint als eine Art Dirigent zu fungieren. Aus dem anfänglichen Klangchaos schälen sich zunehmend musikalische Rhythmen, die am Ende das mehr und mehr ausgewogene Klangbild bestimmen.

Soweit könnten wir hier ebenso gut einen Trommelkurs oder ein Percussion-Ensemble vor uns haben. Gehen wir einen Schritt weiter und setzen uns mit in den Kreis, um herauszufinden, in welchen Punkten sich ein Drum Circle von diesen Konzepten unterscheidet.

Nun stellen wir fest, dass die Menschen, die hier sitzen, sich zum Teil gar nicht kennen. Dass viele der Teilnehmer keinerlei Erfahrungen an ihren Instrumenten haben, andere hingegen schon. Diese Gruppe musste nicht gemeinsam üben, um so gut zusammenzuspielen. Und damit haben wir auch schon den ersten großen Unterschied zu Trommelkursen oder –ensembles gefunden: Es wird nicht geübt. Es wird direkt Musik gemacht.

Die Teilnehmer des Drum Circle kannten sich vorher nicht.
Die Teilnehmer des Drum Circle kannten sich vorher nicht, spielen aber zusammen. Foto: Robert Kagelmann via GEWA drums

Drum Circle – Nicht üben, sondern Musik machen

Wenn wir von unserem Platz aus in die Mitte schauen, wird schnell offensichtlich, dass der scheinbare „Dirigent“ keineswegs dirigiert und auch nicht vorgibt, was man zu spielen hat. Noch weniger tritt er als Lehrer auf und zeigt der Gruppe, wie man es richtig macht. Trotzdem schaffen es die Teilnehmer unter seiner Anleitung, immer besser und musikalischer zusammen zu spielen. Wir sehen den Drum-Circle-Facilitator bei der Arbeit.

Diese Person hat einen einzigen, wesentlichen Auftrag: Der Gruppe dabei zu helfen, aus sich heraus Musik zu machen. Das Wort Facilitator leitet sich vom englischen „to facilitate“ ab, was soviel heißt wie „leichter machen / helfen“. Mangels einer handlichen Übersetzung ins Deutsche hat sich hierzulande der Begriff „Moderator“ durchgesetzt. Die Aufgaben des Facilitators sind derart komplex, wichtig und vielfältig, dass wir ihm einen eigenen Artikel gewidmet haben, den ihr in Kürze hier lesen könnt.

Da haben wir nun also den zweiten großen Unterschied entdeckt: Es gibt keinen Lehrer, der Wissen in die Gruppe eingibt. Der Facilitator bedient sich dessen, was bereits in der Gruppe steckt und holt es aus ihr heraus. Was die Teilnehmer dabei lernen, lernen sie voneinander.

Ben Flohr, Autor dieses Artikels, ist Facilitator des Drum Circle
Ben Flohr, Autor dieses Artikels, ist Faciliator des Drum Circle. Foto: Evelina Stern via GEWA drums

Wenn wir uns nun nochmal die Teilnehmer unseres virtuellen Drum Circles anschauen, entdecken wir ein immenses Maß an Diversität. Hier sitzt jung neben alt, Trommler neben Nicht-Trommler, Kultur neben Kultur. Natürlich gibt es neben unserem Beispiel auch homogenere Events, zum Beispiel Kinder-Drum-Circles an Schulen, Erwachsenen-Drum-Circles in Firmen, Senioren-Drum-Circles in Altersheimen. Das ist alles möglich, aber keine Voraussetzung.

Unser Drum Circle läuft noch eine ganze Weile (meistens 60-90 Minuten), es entstehen verschiedene Rhythmen, auch das eine oder andere Solo ist zu hören. Der Facilitator geht immer seltener in die Mitte, die Gruppe spielt mehr und mehr für sich. Am Ende hilft er noch einmal dabei, einen beeindruckenden Schluss zu gestalten und die Teilnehmer gehen entspannt und glücklich auseinander.

Wenn wir unsere Beobachtungen und Schlussfolgerungen jetzt noch einmal zusammenfassen, klingt es schon schwer zu glauben:  Eine, in jeder Hinsicht beliebige Gruppe macht gemeinsam Musik, ohne dass vorher geübt oder später etwas aufgeführt wird. Die Musik passiert in dem Moment. Niemand bringt diesen Menschen etwas bei, trotzdem lernen sie, wie es geht. Alle haben Spaß.

Schwer zu glauben? Aber es funktioniert. Klingt esoterisch? Ist es nicht.

Dass gemeinschaftliche Aktivitäten, wie das Musizieren, glücklich machen, aktivierend wirken und sich generell positiv auf das Wohlbefinden auswirken, ist mehrfach wissenschaftlich beschrieben. Der entscheidende Vorteil bei der Drum-Circle-Methode ist, dass für dieses Erleben keinerlei Voraussetzungen nötig sind. Und dass sie funktioniert, zeigen zahllose Praxisbeispiele.

Aufbau eines Drum Circle in einer Kita
Aufbau eines Drum Circle in einer Kita Foto: Evelina Stern via GEWA drums

Und was haben die Teilnehmer von einem Drum Circle?

Ich habe mit vielen Praktikern aus verschiedenen Professionen gesprochen. In diesen Gesprächen und im Rahmen meiner eigenen Erfahrungen als Drum-Circle-Facilitator hat sich immer wieder ergeben, dass …

  • … die Teilnehmer ein intensives Gemeinschaftsgefühl über alle Sprach-, Kultur- und Altersgrenzen hinaus verspüren.
  • … die Teilnehmer faktisch lernen, ohne das Gefühl zu haben, jemand würde sie als Experte belehren.
  • … der Zugang zur Musik barrierefrei und ohne Versagensangst möglich ist, was grade für Erwachsene eine wertvolle Möglichkeit darstellt.
  • … das Musizieren ohne Leistungsdruck grade in der heutigen Zeit einen großen Bonus darstellt.
  • … dass es allen Beteiligten einfach unheimlich großen Spaß macht.

Es sei angemerkt, dass die Drum-Circle-Methode keineswegs für sich in Anspruch nimmt, besser oder sinnvoller zu sein als Trommelkurse oder feste Percussion-Gruppen. Nur die Zielsetzung und die Herangehensweise sind anders. Durch die beidseitige Offenheit der Methode erleben wir häufig, dass Menschen aus der Trommelszene oft und gerne an Drum Circles teilnehmen, um Spaß zu haben und die Musik durch ihr Können zu bereichern.

Auf der anderen Seite stellt der Drum Circle auch einen Einstieg für Menschen dar, die sich vorher nicht getraut haben, sich an einem Instrument versuchen. Nicht selten gehen diese Menschen später weiter, erlernen das Trommeln in Kursen und treten Gruppen bei, die mit großer Freude feste Rhythmen, Songs und Arrangements spielen.

Ich hoffe, ihr konntet euch hier ein grundsätzliches Bild von der Idee der Drum-Circle-Methode machen. Wir werden viele Details im Rahmen dieser Artikelserie weiter beleuchten.

Wenn ihr Kritik, Fragen oder Anregungen habt, schreibt gerne fleißig in die Kommentarspalte.

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