Drum Circle – der etwas andere Trommelkreis, Folge 2

Drum Circle Facilitator: Eine (un)klare Jobbeschreibung

Foto: Mandy Mellenthin via GEWA drums

Als „Drum Circle Facilitator“ (kurz: DCF) wird jene Person bezeichnet, die den Drum Circle – sagen wir – anleitet, obwohl das den Kern ihrer Aufgabe eigentlich nicht trifft. Passender wäre es zu sagen: die Person begleitet den Drum Circle. Tatsächlich besteht ihr wichtigster Auftrag darin, sich selbst überflüssig zu machen. Klingt doch eigentlich ganz gut, oder? Aber wie geht das und wie wird man überhaupt DCF?

Drum Cicle Facilitator – der kompetente “Begleiter“

  1. Aufgaben der DCFs – eine Jobbeschreibung
  2. Verschiedene Phasen im Drum Circle
  3. Unterschied zwischen Facilitator und Lehrer
  4. Gesetze beim Drum Circle?

Die Aufgaben eines Drum Circle Facilitator

Der Jobbeschreibung von Drum Circle Facilitators (DCFs) in allen Varianten und Möglichkeiten der Anwendung ist komplex und sehr von den Gegebenheiten abhängig. Wie ist die Teilnehmerschaft zusammengesetzt? Gibt es einen konkreten Auftrag? Wie ist die räumliche Situation? Usw.

Deshalb nehmen wir zur Vereinfachung das Beispiel eines offenen Community Drum Circles. Trommeln zum Spaß. Sagen wir mal, wir rechnen mit ca. 50 Teilnehmenden, darunter Kinder und Erwachsene, Menschen mit und ohne Trommel-Erfahrung, Deutsche und Nicht-Deutsche.

Stell dir jetzt vor, du seist Drum Circle Facilitator. Deine vordringliche Aufgabe ist eigentlich ganz simpel: Sorge dafür, dass diese 50 Menschen selbstständig ihre eigene Musik machen können. Keine Ahnung, ob das klappen wird, aber es ist auf jeden Fall dein Ziel.

Raum organisieren und für angenehme Atmosphäre sorgen
Raum organisieren und für angenehme Atmosphäre sorgen Foto: Mandy Mellenthin via GEWA drums

Wie gehst du es an? Zuallererst sorgst du für einen angemessenen Rahmen. Du hast im Vorfeld einen Raum organisiert und Werbung gemacht. Jetzt baust du den Drum Circle auf und verteilst die Instrumente. Dabei achtest du darauf, dass die Sitzplätze und Instrumente gut zu erreichen sind.
Fertig? Gut, denn langsam trudeln die ersten Gäste ein.

Arthur Hull schreibt in seinem Standardwerk „Drum Circle Facilitation“, es sei deine Aufgabe als Drum Circle Facilitator, eine „inklusive Atmosphäre (zu schaffen), in der sich jeder sicher und behaglich fühlt“. Deshalb bist du beim Eintreffen der Gäste präsent und begrüßt sie herzlich, bietest ihnen Plätze an und beantwortest ggf. ihre Fragen. Zur angekündigten Zeit beginnst du den Circle.

Du beginnst mit einigen sehr einfachen Dingen um die Teilnehmenden an die Situation und ihre Instrumente zu gewöhnen. So lernen sie deine Körpersprache kennen und bauen eine Beziehung zu dir auf. Du stoppst und startest den Circle, du lässt sie leiser und lauter spielen, usw.

Allerdings erklärst du zu keinem Moment, was die Leute zu tun haben. Du machst es einfach. Wir nennen das „Lehren ohne zu lehren“. Die Menschen im Kreis lernen, was du von ihnen willst und wie sie es machen können, aber sie haben zu keinem Moment das Gefühl, unterrichtet zu werden. Guter Trick, oder?

Lehren ohne zu lehren: Mit Freude dabei
Lehren ohne zu lehren: Mit Freude dabei Foto: Mandy Mellenthin via GEWA drums

Drum Circle Facilitator – verschiedene Phasen des Drum Circles

Übrigens besteht auch schon in dieser ersten Phase des Drum Circle deine wichtigste Technik daraus, den Kreis zu verlassen. Kein Scherz! Du gehst in die Mitte, machst eine kurze Intervention und gehst wieder raus! Nur so haben die Menschen im Circle nicht das Gefühl, ständig manipuliert zu werden.

Nach einigen Minuten beginnt die zweite Phase. Du hast zwar immer noch ein ziemlich hohes Maß an Kontrolle, aber es sollte jetzt bereits etwas weniger werden. Jetzt lenkst Du die Aufmerksamkeit der einzelnen Mitspielenden auf die übrige Gruppe („Oh, was spielt denn der da auf der anderen Seite des Kreises?“) und auf die verschiedenen Klänge („Hey, SO klingen also Bass Drums!“, „Ach, DAS bewirken Shaker im Groove!“) Und wieder tust du all das, ohne es zu erklären.

In der dritten Phase dann, arbeitest du bereits nur noch mit dem, was die Gruppe selbst hervorbringt. Sie machen schon ihre eigene Musik, du hilfst ihnen nur noch dabei, das zu bemerken.

Die vierte Phase ist das – nicht immer erreichte – Endziel: Sie brauchen dich nicht mehr. Sie steuern sich selbst. Du darfst hin und wieder noch ein bisschen nachwürzen, aber mehr auch nicht. Geschafft! Du hast dich überflüssig gemacht. Herzlichen Glückwunsch.

Nun ist deine letzte Aufgabe nur noch, ein schönes Ende zu gestalten, die Menschen zu verabschieden und … ach ja … alles wieder aufzuräumen.

Und, hast Du jetzt unterrichtet oder moderiert?

Ben Flohr, Autor dieses Artikels, ist Facilitator des Drum Circle
Ben Flohr, Autor dieses Artikels, ist Facilitator des Drum Circle Foto: Mandy Mellenthin via GEWA drums

Drum Circle Facilitator vs. Lehrer/in

Ich denke, wir können uns grundsätzlich darauf einigen, dass allen Unterrichtenden die Grundhaltung zu eigen ist, ihr eigenes Wissen an die Lernenden weitergeben zu wollen. Das ist auch gut so, denn dafür kommen sie in den Unterricht. Ich selber habe viel davon in meinem Leben genossen und auch gegeben.

Ich betone das deshalb nochmal, damit nicht der Eindruck entsteht, es sei in meinen Augen falsch zu unterrichten oder gar zu üben. Es ist genau das, was nötig ist, um Schlagzeug, Klavier, Harmonielehre oder Mathe zu lernen.

Im Gegensatz dazu wollen wir bei der Facilitation kein Wissen einbringen, sondern vorhandenes Potential herausholen. Das ist der springende Punkt.

Beides hat seine Berechtigung und kann wunderbar nebeneinander existieren. Ich kenne viele Menschen, die Erlerntes im Drum Circle anwenden, um ihrer Kreativität Ausdruck zu verleihen, andere, die über einen Drum Circle zum Musizieren und damit zu ihrem Lehrer gekommen sind, und noch andere, die einfach Freude am stressfreien Zusammenspiel haben, ohne jemals den Anspruch zu haben, ein Instrument zu erlernen.

Entscheidend ist, im Unterricht zu unterrichten und im Drum Circle zu moderieren. Diese beiden Welten nicht zu vermischen, ist häufig gar nicht so einfach.

Die heiligen Gesetze im Drum Circle

… gibt es nicht!

Natürlich müsst ihr als Drum Circle Facilitator auf die Situation reagieren. Und außerhalb unseres beispielhaften Offenen Community Drum Circles gibt es immer wieder Settings, in denen ihr abweichen müsst, abhängig davon, was euer eigentliches Ziel ist. Dabei zählt aber nicht eure eigene Erwartungshaltung, sondern die der Mitspielenden oder auch eurer Kunden.

Immer spontan bleiben und flexibel auf die Gruppe reagieren
Immer spontan bleiben und flexibel auf die Gruppe reagieren Foto: Mandy Mellenthin via GEWA drums

Eine erste Klasse? Vielleicht bleibt ihr (mit viel Spaß) in der ersten Phase stecken. Ein Führungskräfte-Seminar? Wahrscheinlich müsst ihr euch an den Vorgaben der Verantwortlichen orientieren. Jemand drischt mit schmerzenden Händen auf die Trommel ein? Spendiere der Gruppe eine zweiminütige Lektion über die Grundlagen des Handtrommelns.

Mit der richtigen inneren Einstellung kann man auch mal den „Pfad“ verlassen, solange das Ziel vor Augen bleibt.

Drum Circle Facilitator – Wie kann ich das lernen?

  • Besuche eine Fortbildung
  • Veranstalte eigene Drum Circles
  • Lies Literatur.
  • In dieser Reihenfolge und wieder von vorne

Drum Circle Facilitation ist eine nicht zu unterschätzende Kunst. Alles, was im ersten Abschnitt so lapidar beschrieben wurde, besteht aus Techniken, Methoden und Konzepten, die erlernt werden können und sollten.

Ich rate dazu, eine entsprechende Fortbildung zu besuchen, und das Erlernte so schnell wie möglich in die Praxis umzusetzen. Fachliteratur kann jetzt eine tolle Ergänzung sein. Nach einiger Zeit besuchst du die Fortbildung noch einmal. Du wirst feststellen, dass du auf viele Dinge jetzt einen anderen Blick hast und viele andere Dinge jetzt erst Sinn ergeben.

So ziemlich alle bekannten Facilitator haben die Fortbildungen zigmal besucht. Die meisten tun es immer noch. Abgesehen davon, dass es total viel Spaß macht, lernt man wirklich jedes Mal Neues. Von den Trainern, vor allem aber auch von den anderen Teilnehmenden.

Es hat sich in Deutschland mittlerweile eine ziemlich gute Fortbildungslandschaft zu dem Thema gebildet. Von uns und anderen Institutionen gibt es verschiedene Kurs-Formate, in denen erlernt werden kann, was ich oben grade beschrieben habe. Wenn du dich dafür interessierst, freue ich mich darauf, von dir zu hören.

Ich freue mich auf weitere Fragen, Kommentare, Kritik und Anregungen per E-Mail oder unten in den Kommentaren.

Hinterlasse einen Kommentar

Das könnte Dich auch interessieren: