Klassischer Ansatz, kreative Umsetzung

Interview mit dem klassischen Percussionisten Kai Strobel

Interview mit Kai Strobel
Interview mit Kai Strobel Foto: Daniel Delang

Die meisten Kinder, die sich für Trommeln begeistern, landen beim Drumset, wollen Rock, Pop, Metal und Funk spielen. Funk hört Kai Strobel auch sehr gerne, spielen tut er ihn allerdings nicht. Denn ihn faszinierte die Instrumentensammlung seines älteren Bruders. Der hatte Unterricht in klassischem Schlagwerk und das wollte Kai ebenfalls lernen. Heute ist er ein exzellent ausgebildeter Klassikmusiker, der nicht nur auf Auftritte mit dem Symphonieorchester des Bayrischen Rundfunks, dem Musicum Collegium Basel und der Staatskapelle Sankt Petersburg zurückblicken kann, sondern auch als Gastprofessor der Universität Manchester lehrt und mit seinem Bruder eine eigene Percussion-Akademie in Stuttgart gegründet hat.

Im Interview spricht Kai Strobel über seinen musikalischen Werdegang, die speziellen Anforderungen an Spitzenmusiker und wie er sauberes Handwerk mit Kreativität und Klangbewußtsein verbindet.

Interview mit Kai Strobel per Zoom

Hallo Kai, erzähl doch erstmal ein bisschen was von dir. Wann hast du angefangen, wie war dein musikalischer Werdegang?

Kai Strobel: Ich war schon durch meine Familie sehr musikalisch geprägt. Als ich etwa drei Jahre alt war, begann mein damals siebenjähriger Bruder mit klassischem Schlagwerkunterricht. Da standen dann immer die Instrumente im Keller und die haben auch mich sofort fasziniert. Hinzu kommt, dass meine Mutter gelernte Akkordeonistin ist und in ihrer eigenen Studienzeit bereits durchgehend Kontakt mit Schlagwerk hatte. Ich selbst bekam dann mit fünf Jahren Unterricht und wurde fortan von meiner Familie motiviert und gefördert. Ich musste also nicht lange drum bitten, Schlagzeug spielen zu dürfen. (lacht) Ich habe dann zweigleisigen Unterricht erhalten, eine Lehrerin für den klassischem Bereich mit kleiner Trommel und Stabspiel und einen Lehrer für Drumset.

Ich habe das Gefühl, dass viele „Klassiker“ sehr früh gestartet haben. Würdest du sagen, dass das eine Voraussetzung ist für den späteren Erfolg?

Darüber spreche ich auch immer mal wieder mit Drumset-Kollegen. Ich denke nicht, dass der frühe Start eine zwingende Voraussetzung für Karriere ist, das zielgerichtete Üben beginnt doch eigentlich erst als Jugendlicher. Ich hatte als Kind auch oft mehr Spaß am Lego-Spielen als am Üben, das machte man dann halt. Andererseits ist es bestimmt gut für Kinder, sich auch mal fokussiert und im Detail mit etwas wie Noten oder einem Instrument auseinandersetzen zu müssen. Durch den frühen Start hat sich bei mir die Frage nach der Berufswahl gar nicht gestellt. Es war mir irgendwie immer klar, dass ich klassischer Schlagwerker werde, der Übergang war fließend.

Kai Strobel hochkonzentriert beim Konzert
Kai Strobel hochkonzentriert beim Konzert Foto: Daniel Delang

Spielst du auch noch Drumset?

Leider bleibt dafür gerade keine Zeit mehr, aber ich habe sehr tolle Erinnerungen an meine Schulzeit an einem musischen Gymnasium. Damals hatte ich noch Drumset- Unterricht und war Teil der Schul-Bigband. Wir hatten einen sehr findigen Bigband-Leiter, der internationale Touren initiiert hat. Da ging es beispielsweise nach Singapur, wo wir sowohl bekannte Bigband-Stücke gespielt haben als auch Pat Metheny und solche Sachen. Das war eine super Zeit, die ich mit vielen emotionalen Erlebnissen verbinde.

Ich habe mich dann allerdings eben in die klassische Richtung spezialisiert, höre in meiner Freizeit allerdings lustigerweise fast nur so Funk-Sachen wie beispielsweise Tower of Power. Aus der Zeit am Drumset habe ich auch die Attitüde mitgenommen, dass Musik einfach nur Spaß machen darf, was ein gesundes Gegengewicht zur Demut zu klassischen Komponisten und der perfekten Ausführung der Literatur darstellt.

Ich bereite mich also sehr perfektionistisch und akkurat auf meine Auftritte vor, um dann beim Konzert das Spielen endlich genießen zu können und loszulassen. Diese Art der Vorbereitung hilft mir auch, um im Zweifelsfall improvisieren zu können. Da kann dann mal ein Schlägel brechen oder jemand im Publikum hustet permanent und man muss schnell umschalten, um die Performance zu retten.

Wie bereitest du dich vor, was übst du?

Ich übe eigentlich genau dieselben Dinge, die auch Drumset-Spieler üben, also Schlagfolgen, Downstroke-Upstroke-Kombinationen, Paradiddle, Singlestrokes und solche Dinge. Wichtig ist, die Bewegungen so groß und klar einzulernen wie möglich. In klassischen Setups, sind die Instrumente oft sehr weit voneinander entfernt, große Bewegungen bei rhythmischer Stabilität sind also essenziell.

Darüber hinaus hat das Spielen als klassischer Künstler auf der Bühne ebenfalls eine performative Komponente: Da man als einziger Künstler auf der Bühne steht, muss der Raum von dir und deiner Persönlichkeit auch gefüllt werden, um das Publikum zu fesseln.

Kai Strobel
Kai Strobel Foto: Daniel Delang

Was sind deine Inspirationen?

Da könnte ich jetzt gar keine einzelnen Personen im Bereich Schlagwerk benennen, ich höre und schaue mich sehr aktiv in anderen Bereichen um. Zum Beispiel höre ich gerne Klavierkonzerte und Klavierrezitale an, da das Klavier mit seiner langen Historie über ein reiches musikalisches Repertoire verfügt. Als Solo- und Kammermusik-Instrument trat das Schlagwerk erst ab den Zwanzigerjahren so richtig hervor, als klassisches Soloinstrument hat es damit eben noch eine relativ kurze Geschichte.

Auch für das Arrangieren sollte man ein erweitertes Verständnis vom Klavier haben, gerade die romantische Klavierliteratur hat mich schon immer fasziniert. So habe Ich beispielsweise Debussys „Pagodes“ aus der Suite „Estampes“ neu arrangiert. Das Interessante daran ist, dass sich Debussy für dieses Werk von der indonesischen Gamelan-Musik hat inspirieren lassen, also von Schlaginstrumenten. Ich habe die Gamelan-Elemente des Stücks quasi extrahiert und wieder „zurück“ in einen perkussiven Kontext übertragen.  Aber ohne ein Verständnis des Originals hätte ich das so natürlich nicht machen können.

Für solche Projekte brauchst du aber sicherlich auch ein Gefühl kreativer Freiheit, oder?

Ja, absolut! Klassische Musik basiert ja generell darauf, das Vorhandene zu interpretieren. Egal, ob du jetzt 20 oder 60 Jahre alt bist, du interpretierst immer bereits vorhandene Literatur, die schon die Generationen vor dir auch gespielt haben und nach dir spielen werden. In Wettbewerben wird zum Beispiel dabei recht genau auf stilistische Interpretation und originalgetreue Text-Wiedergabe geachtet, was in seiner Tendenz mitunter etwas starr und einengend wirken kann.

Mit dem Mut Neues zu wagen ist doch alles viel interessanter …

Um sich als Künstler nicht selbst darin zu verlieren, versuche ich deshalb bei meinen Studenten darüber hinaus auch die eigene kreative Freiheit zu fördern. Mit dem Mut Neues zu wagen ist doch alles viel interessanter, außerdem sticht man damit sofort hervor. Wenn jetzt zum Beispiel 20 Drummer ein Solo von Buddy Rich perfekt imitieren sollen und einer davon nimmt einfach Rototoms statt der normalen Toms, dann wird dem Zuhörer genau dieser Künstler in Erinnerung bleiben. Ich glaube, dass ein etwas freier kreativer Ansatz der Klassik sehr guttut. Ich sage immer: Lieber was riskiert und daraus lernen als nix riskiert und stehengeblieben.

Erzähl doch mal, wie dein Tagesablauf gerade so aussieht!

Ich bin ja Freiberufler, daher arbeite ich meistens an vielen Projekten gleichzeitig. Letzten Monat war ich beispielsweise die ganze Zeit unterwegs und habe in Luxemburg, Trier, Trossingen und Berlin gespielt. Ich habe aber auch eine Gastprofessur an der Uni Manchester inne, dazu kommt noch die Vorbereitung meiner eigenen Pecussion-Akademie hier in Stuttgart. Mein Tagesablauf sieht meistens so aus, dass ich recht früh aufstehe, natürlich mit Kaffee (lacht), und dann die Projekte vorbereite, die als nächstes anstehen. Dazu gehört das konzentrierte Üben, die Auswahl von Instrumenten und Klängen, die Arbeit an Partituren oder andere Dinge, die mit der Musik zu tun haben.

In der Corona-Zeit habe ich außerdem viel Online-Unterricht gemacht, zum Beispiel auch mit den Studenten aus Manchester. Das ging erstaunlich gut! Da wir uns an den Instrumenten sehr aktiv bewegen, kann der Unterricht sehr gut per Video stattfinden. Aber natürlich schreibe ich auch E-Mails und mache den üblichen Bürokram, der einfach nicht ausbleibt. Und ich gehe ins Fitness-Studio. In meinem Bereich muss man vieles selbst machen, ich habe zum Beispiel keine Roadies und transportiere normalerweise immer mein ganzes eigenes Instrumentarium selbst.

Wenn man dann nach dem Tragen all der Sachen noch eine mehrstündige Performance hat, viel spielt, sich viel bewegt und noch zum Publikum spricht, dann sollte man schon belastbar sein, sonst wird es stressig und anstrengend. Also gehört auch die physische und mentale Gesundheit zu meiner Vorbereitung.

Natürlich hat sich auch die Corona-Situation extrem auf meine normalen Abläufe ausgewirkt, das frühe Aufstehen habe ich irgendwann nicht mehr so strikt eingehalten – wozu auch, ich hatte ja keinen Terminstress. Stattdessen habe ich angefangen, neue Projektideen weiterzuentwickeln, so habe ich Corona zum Trotz ebenfalls meine Percussion-Akademie in Stuttgart durchgebracht. Ich muss aber auch sagen, dass die staatlichen Hilfen eine große Erleichterung waren, denn die haben hier – trotz aller Startschwierigkeiten – ganz gut funktioniert.

Du greifst also nicht auf gestelltes Equipment zurück? Wäre das nicht deutlich bequemer?

Ja, allerdings lege ich Wert darauf, dass sich meine Konzerte so anhören und auch anfühlen, wie ich sie eingeübt habe. Das beginnt bei der Auswahl der Klänge, geht über die Stimmungen, die Abstände, die Winkel der Spielflächen und solche Dinge. Oft ist es auch so, dass der logistische Aufwand selbst dann hoch ist, wenn das betreffende Instrumentarium am Spielort vorhanden ist, aber dann in einem anderen Gebäude lagert. Es muss dann also wieder in ein Auto ein- und wieder ausgeladen werden. Oft sind Teile dann nicht im perfekten Zustand oder sogar kaputt, was einen mehr aus der Bahn wirft, als dass es die Situation vereinfacht.

Kai Strobel in Aktion
Kai Strobel in Aktion Foto: Daniel Delang

Lass uns über deine Instrumente sprechen. Was verwendest du und was sind deine Anforderungen?

Die Anforderungen richten sich natürlich immer nach der jeweiligen Komposition und dem Kontext. Ich habe daher eine große Menge an Trommeln, Becken, Percussion, Stabspielen und weiteren Effektinstrumenten. Seit einigen Jahren schon spiele ich sämtliches Stabspiel, wie z. B. Marimba und Vibra, der Marke ADAMS. Die Instrumente sind einfach unschlagbar. Tatsächlich habe ich die Sachen bereits vor meinem Endorsement benutzt, es war dann praktisch Formsache.

Ich habe den Eindruck, dass klassische Schlagwerker sehr stark auf den Klang ihrer Instrumente achten und auch sehr gut begründen können, warum es jetzt dieses Becken oder jene Trommel sein soll. Daher ist mir wichtig, dass die Hersteller auch ein offenes Ohr für Anregungen ihrer Künstler haben und auf besondere Anforderungen eingehen können. Dies ist besonders auch bei Zultan Cymbals der Fall, einer Firma mit der ich einen innigen Austausch pflege und deren markante Beckensounds ich stets in meine Sets integriere.

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Michael Schumm (Leiter Klassisches Schlagwerk bei Thomann und zuständig u. a. für Zultan Cymbals, Anm. d. Red.) habe ich damals während des Internationalen ARD Musikwettbewerbes in München kennengelernt, wir verstanden uns sofort prächtig! Uns verbindet der gleiche Ansatz oder die Anforderung an das Instrument Becken, wie es sich bestmöglich in ein weiteres Klangkollektiv integrieren lässt. Mir persönlich ist zum Beispiel wichtig, dass Becken einerseits voll klingen, aber dabei nicht zu raumgreifend sind und zu lange ausklingen. Gerade die „Dark Matter“-Serie ist dafür perfekt, die fügen sich sehr gut in meine Sets ein.

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Was würdest du jungen Schlagwerkern raten?

Viele der Sachen lassen sich auch auf den Drumset-Spieler übertragen: sich möglichst breit aufstellen, mehr machen als nur zu üben, und schon gar nicht nur an einem Instrument! Gerade als Freiberufler sollte man immer mehrere Projekte gleichzeitig im Auge haben, damit keine Durststrecken entstehen. Künstlerisch ist es immer förderlich, wenn man sich in verschiedene Richtungen öffnet und nicht nur beim eigenen Instrument oder eigenen musikalischen Vorlieben bleibt. Damit ergeben sich weitere Möglichkeiten und Schnittmengen für Kollaborationen und Engagements. Ich selbst habe zum Beispiel im Zuge meines Performance-Programms, in dem sowohl Stimme und der ganze Körper zum Einsatz kommt ein so natürliches Körpergefühl auf der Bühne entwickelt, dass es fließend ins Moderieren meiner Rezitale müdete.

Mehr über Kai Strobel erfährst du auf seiner Homepage: www.kaistrobel.com

Wer sich zur Boum-Percussion Academy in Stuttgart registrieren möchte, kann das hier tun: www.boum-percussion.com/academy-1/

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