Worauf auch wir Musiker uns voraussichtlich einstellen müssen

Halbleiterkrise und Lieferengpässe: Wird Equipment teurer?

Foto: Shutterstock von M-Production

Digitales Equipment ist ohne Mikrochips längst nicht mehr denkbar. Ob Synthies, Multieffektgeräte, E-Drums, Mischpulte oder Steuerungsgeräte. Hast du keinen Mikrochip, bist du kein Gerät. Dabei ist das längst nicht der einzige aktuelle Lieferengpass, der sich auch auf unser musikalisches oder veranstaltungstechnisches Equipment auswirken könnte. Versuchen wir einen Blick hinter die globalen Kulissen zu werfen:

Check it: Halbleiterkrise und Lieferengpässe

  • Unfassbare Dimension der Halbleiterkrise
  • Mikrochips für Kommunikationselektronik unverzichtbar
  • Auswirkungen des Altpapiermangels
  • Holzmangel kaum aufzuforsten
  • Energie- und Treibstoffpreise im Krisenmodus
  • Explodierende Logistikkosten
  • Künstlicher Magnesiumstopp
  • Zahlreiche Gründe dafür, hoffnungsvoll zu bleiben

Halbleiterkrise und Lieferengpässe: Womit auch wir rechnen müssen

Schon zu Beginn der Corona-Pandemie im Frühjahr 2020 wurde befürchtet, dass der Halbleitermarkt einbrechen würde. Ohnehin war die Nachfrage aufgrund der rasant beschleunigenden Digitalisierung in unterschiedlichsten Segmenten deutlich höher als die Produktionskapazitäten. Auch aufgrund der zunehmenden Beschäftigung im Homeoffice und Online-Konferenzen wurde die Kapazitätslücke immer größer. Erst kaum bemerkt und mittlerweile mit voller Wucht. Dabei ist der Halbleitermangel lediglich ein einziges Fragment des riesigen Kartenhauses, das da gerade zusammenzubrechen droht.

Das Kartenhaus stürzt mit voller Wucht
Das Kartenhaus stürzt mit voller Wucht Foto: Shutterstock von Anterovium

Die weltweit unfassbare Dimension der Halbleiterkrise

Extreme Auswirkungen hat der Halbleitermangel auf die Autoindustrie. Während der Lockdown- und Kurzarbeiterzeit verzeichneten die Automobilhersteller Produktionsausfälle und sinkende Absatzzahlen. In der Folge wurden die Bestellungen von Halbleitern reduziert, in zahlreichen Fällen sogar storniert. Vor dem Hintergrund der gesteigerten Nachfrage kletterten die Unternehmen aus der digitalen Kommunikations- und Unterhaltungselektronik in der Nahrungskette eine Stufe höher. Nun hat die Fahrzeugindustrie das Nachsehen. Etliche Bänder stehen bereits still. Prognosen zufolge werden im Jahr 2021 weltweit 7,7 Millionen weniger Fahrzeuge produziert, manche Analysten schätzen den Produktionsausfall sogar auf bis zu 11 Millionen Fahrzeuge.

Kommunikationselektronik funktioniert nicht ohne Mikrochips

Die Hersteller von Kommunikationselektronik stehen unter demselben Druck. Apple, Samsung – und wie sie alle heißen – benötigen Halbleiter als unverzichtbaren Bestandteil ihrer Produkte. Längst sind etliche Auslieferungstermine verschoben worden. Dabei ist der Bedarf nicht nur an Smartphones, sondern aufgrund der Arbeit im Homeoffice auch an Laptops, Computern etc. in die Höhe geschnellt. Der Bedarf kann nicht gedeckt werden. Und so sind längst nicht nur die größten Akteure der Elektronikbranche betroffen. Die verfügbaren Produktionskapazitäten werden sich auch aufgrund der unterbrochenen Lieferketten noch lange nicht erholt haben.

Vielmehr gehen Insider davon aus, dass die Situation sich bis Ende 2022 kaum entspannen wird. Verbleibt die Frage, was das für digitales Musik- und Audio-Equipment und Veranstaltungstechnik zu bedeuten hat. Und da wird die hellsehende Glaskugel recht düster. Für uns alle ist unser Equipment hochwichtig. Aber im Gegensatz zu anderen Branchen ist die MI-Branche ein Zwerg. Entsprechend werden die Hersteller und letztlich wir auch nicht zuerst gefüttert werden.

Papiermangel – klingt banal, ist es aber keinesfalls

Als wären die Krisen damit noch nicht ausreichend ans weltwirtschaftliche Tageslicht getreten, trifft uns plötzlich auch noch der Papiermangel, um es genauer zu sagen: der Altpapiermangel. Aus eben diesem Werkstoff werden Zeitschriften, Bücher, Verpackungen und vieles mehr gefertigt. Nun wurden allerdings während der Lockdowns und der fortschreitenden Digitalisierung in der jüngeren Vergangenheit weniger Zeitschriften gedruckt. Im Resultat fehlt Altpapier.

Etliche Verlage drucken ihre Zeitschriften bereits mit weniger Seiten – also auch weniger Inhalt. Andere drucken mit anderen, schlechteren Papiersorten, die allerdings erstens schneller reißen und außerdem eine schlechtere Druckqualität bieten. Und ja, auch Noten, Partituren, Schaltpläne, Bedienungsanleitungen und mehr werden auf solchem Papier gedruckt. Es wird eng. Sicherlich könnte man nun das gesamte Orchester und sämtliche Bands mit Tablets ausstatten. Ökologisch verantwortlich schreibt sich auch aus musikalischer Sicht anders.

Verpackungsmaterial kaum noch vorhanden

Und weiter geht’s mit den desaströsen Folgen. Der Altpapiermangel bedeutet ebenso einen Mangel an Verpackungsmaterial. Vollkommen üblich ist der Versand in Kartons vom Hersteller zum Groß- oder Einzelhändler und bei Internetversendern anschließend zum Endkunden. Wie sollen die Waren ohne Pappe oder Papier verschickt oder im Ladengeschäft und Lager gestapelt werden? Gibt es eine Option, Equipment ohne Papier und Pappe durch die Welt oder zumindest das Land zu schicken? Wohl eher nicht; die zur Verfügung stehende Alternative hieße Plastik.

Das aber muss aus Umweltverantwortung und als dringende Maßnahme gegen den Klimawandel schnellstens reduziert werden. Jede nicht produzierte Plastiktüte ist eine gute Plastiktüte. Wenn wir Equipment nicht mehr als Geschenk verpacken können, ist das allenfalls zu Weihnachten ein gefühlter Beinbruch. Wird es aber faktisch unmöglich, die Waren einigermaßen umweltverantwortlich zu verpacken und verpackt zu verschicken, haben wir ein konkretes Problem. Das Verpackungsmaterial ist ein Faktor der Warenkalkulation.

Ohne Verpackung kein Versand
Ohne Verpackung kein Versand Foto: Shutterstock von AlexLMX

Holzmangel kann auch den Instrumentenbau verknappen

Bereits frühzeitig geisterten die Meldungen durch die Medien, Bauholz sei ausverkauft. Okay, wir Musiker bauen selten Häuser, höchstenfalls emotionale Luftschlösser. Aber humoristische Bemerkungen sind auch hier fehl am Platz. Die Lieferzeiten für Bauholz haben sich seit Jahresanfang auf bis zu 30 Wochen erhöht. Das Kuriose in diesem Zusammenhang: Beispielsweise Douglasie ist über das Jahresende hinaus schon lange ausverkauft, Käferholz wird massenhaft nach China verkauft. Und die Amerikaner zahlen das Dreifache.

Aufgrund der Tatsache, dass Waldbesitzer immer weniger Geld für Holz bekommen, fehlt ihnen das Kapital, um wieder umfangreich aufforsten zu können. Etliche dieser Holzarten kommen aber auch beim Instrumentenbau zum Einsatz. Was sich auf den ersten Blick für uns Musiker weit entfernt und baustellenfremd anfühlt, könnte uns unmittelbar betreffen. Holz ist einer der häufig genutzten Werkstoffe bei Musikinstrumenten schlechthin. Wird der Rohstoff teurer, wird es auch das Endprodukt. Die Holzvorräte der Instrumentenbauer sind nicht endlos.

Treibstoff- und Energiepreise im Krisenmodus

Der Preisschock beim Gas belastet Verbraucher und Firmen in ganz Europa. Heizöl hat sich im Vergleich zum Vorjahr um sagenhafte 57 Prozent verteuert, Kraftstoffe haben um 27 Prozent angezogen. Ein Ende der Preisspirale nicht absehbar. Um zu erkennen, wie drastisch die Energiekosten steigen, brauchen wir nicht erst auf die nächste Heizkostenrechnung zu warten. Dafür reicht ein Stopp an der nächsten Tankstelle. Nicht nur Deutschland hat den Umstieg auf regenerative Energien in den vergangenen Jahrzehnten schlichtweg verschlafen. Aber die Situation ist wie sie ist.

Das macht selbstverständlich auch beim Strom nicht Halt; insbesondere dort, wo kein grüner Strom verfügbar ist. Für Strom müssen nicht nur die Verbraucher 2021 im Vergleich zum Vorjahr durchschnittlich 9,3 Prozent mehr zahlen. Gleichermaßen gilt das natürlich für Hersteller, Händler und die gesamte Eventbranche. Wer sich vorstellt, wie viel Strom bei einem mittelgroßen Event von der Bühnen- und Frontanlage, von der Lichtanlage und mehr geschluckt wird, kann sich die knirschenden Zähne der Veranstalter vorstellen.

Reichlicht Equipment schluckt auch reichlich Energie
Reichlicht Equipment schluckt auch reichlich Energie Foto: Shutterstock von Scarc

Explodierende Logistikkosten: Containerstau und Spritpreise

Unter dem Strich steht, dass die Logistikkosten sich in manchen Bereichen verzehnfacht haben. Das aber ist längst nicht alles. Die weltweite Logistik befindet sich  im Kollaps. In den Häfen stehen sich Container die nicht vorhandenen Beine in den Bauch. Schiffe, Frachtzüge und Lkw können vielfach nur mit extremer Verzögerung entladen, die Container kaum weiterverladen werden.

Dabei wird in etlichen wichtigen Häfen bereits rund um die Uhr im Schichtbetrieb gearbeitet. Ob sich das letztlich in steigenden Preisen für Instrumente und sonstiges Equipment zeigen wird? Selbstverständlich; die Logistikkosten sind Teil jeder Produktkalkulation.

T-Design Platzhalter-BU: Logistik
T-Design Platzhalter-BU: Logistik Foto: Shutterstock von T-Design

Gedrosselte Magnesiumproduktion betrifft auch den Instrumentenbau

Magnesium ist im Karosseriebau ein hochbedeutendes Element, um leichte und zugleich belastbare Metalllegierungen herstellen zu können. Nur hat die chinesische Zentralverwaltung beschlossen, ihre CO2-Ziele einzuhalten und als lediglich eine Stellschraube dafür die Produktion von Magnesium beinahe zu halbieren. China ist mit einem Anteil von 80 bis 85 Prozent Marktführer der weltweiten Magnesiumproduktion. Die Vorräte der Autohersteller sollen angeblich noch bis Jahresende ausreichen. Kommt dann kein Nachschub, stehen die Produktionsbänder still.

Tatsächlich ist das Erdkalimetall Magnesium auch in der Instrumentenbranche wichtig. So ist dieser Rohstoff beispielsweise Bestandteil von Geigen-, Cello- oder Kontrabassseiten, auch Gitarrenseiten oder Bottlenecks und weiteren metallischen Kleinteilen. Sofern wir im Chemieunterricht richtig aufgepasst haben, ist Magnesium das leichteste Metall überhaupt. Etlichen Legierungen wird deshalb Magnesium beigemischt. Nicht zu vergessen, dass Blechbläser Magnesium gerne zum Abschwellen der Lippen benutzen.

Nicht nur Corona alleine die Schuld in die Schuhe schieben

Unter dem Strich sind es nicht nur die nach und nach fallenden Dominosteine der Corona-Krise, mit denen auch die Hersteller, Händler und wir Endkunden umgehen müssen. Nicht minder großen Einfluss auf die Halbleiterkrise und Lieferengpässe haben beispielsweise die Handelsstreitigkeiten zwischen den USA und China.

Das Reich der Mitte will die neue Seidenstraße und die inländischen Produkte gegenüber dem Weltmarkt stärken, sorgt damit für eine Verknappung unterschiedlichster Rohstoffe und Produkte. Selbstverständlich aufgrund der Pandemiebedingungen brachen Lieferketten zusammen; manche dieser restriktiven Bremsen waren und sind aber auch künstlich herbeigeführt, wurden insofern als Instrument der künstlichen Verknappung eingesetzt.

Auch wenn man angesichts des Virengeschehens, der Halbleiterkrise und Lieferengpässe das Gefühl hat, die Welt würde untergehen, kann beispielsweise die chinesische Immobilienkrise dafür sorgen, dass die dortige Zentralregierung alsbald wieder einknickt. Ebenso könnten diplomatische Verhandlungen mit Putin dafür sorgen, dass die Gaspreise sich wieder normalisieren. Jede Krise will überstanden werden. Man weiß es nicht; kommt Zeit kommt Rat.

Es ist wie es ist, bleiben wir hoffnungsvoll

Das Kuriose ist, dass gerade unsere Bedeutungslosigkeit sich als entscheidender Vorteil entpuppen könnte. Im Gegensatz zur Automobil- oder der elektronischen Kommunikationsbranche ist die MI- und Veranstaltungsbranche ein Zwerg. Zweifellos werden auch wir Musiker und Veranstaltungstechniker von Preissteigerungen nicht vollkommen verschont bleiben. Tatsächlich aber ist der Preiskampf bei den Schlüsselindustrien weitaus dramatischer als bei uns.

Immer wieder hat die Branche Krisen überstanden

Die MI-Branche hat in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder Krisen bewältigt. Etliche davon hatten sogar schlussendlich etwas Gutes, so beispielsweise das Exportverbot von exotischen Holzarten. Der Natur wurden in der Folge zumindest ein paar Wunden weniger zugefügt. Und Instrumente gibt es mit FSC®-zertifizierten Hölzern aus kontrolliertem Anbau noch immer. Insofern sollten wir die Zuversicht und das Urvertrauen nicht verlieren.

Preissteigerungen werden voraussichtlich nur moderat sein

Durchaus naheliegend ist es, dass Preise für Musik- und Veranstaltungsequipment steigen werden. Allerdings werden die Hersteller sich sämtliche Mühe geben, die Verteuerung auf minimalstem Niveau zu halten. Immerhin kann man nur das verkaufen, was Menschen sich auch leisten können. Halbleiterkrise und Lieferengpässe werden in diesem Sinne kaum für eine Ausnahme sorgen.

Die Hersteller sind auf Stückzahlen angewiesen, die Händler haben nichts davon, wenn Instrumente im Showroom oder Lager vor sich hin stauben. Denkbar angesichts der Halbleiterkrise und Lieferengpässe sind Preissteigerungen, allerdings angesichts der Inflationsrate von aktuell über vier Prozent nur moderat. Es ist die Sache mit der Kuh, die man melken, aber nicht erschießen will.

Equipment-Preise seit Jahren auf Niedrig-Niveau

Vor die hoffnungsvollen Augen halten sollten wir uns auch, dass die Preise für Instrumente sich im Vergleich mit vergangenen Jahrzehnten auf extrem niedrigem Niveau befinden. Eigentlich ist es kaum vorstellbar, wie günstig qualitativ durchaus ernstzunehmende E-Gitarren, Keyboards, digitale Verstärker, Mischpulte und mehr produziert bzw. verkauft werden können.

Selbst wenn diese günstigen Kurse sich angesichts der Halbleiterkrise und Lieferengpässe nicht komplett halten lassen sollten, werden wir trotzdem keine Gründe haben, uns zu beschweren. Schließlich fragt man sich immer wieder, ob die niedrigen Preise überhaupt gerechtfertigt sind. Schon aus Gründen von Fairness und Fair-Trade würden wir bestimmt den einen oder anderen Euro mehr aus der Tasche zücken.

Preiswerter geht’s echt nicht mehr, oder?

Was wirklich wichtig ist: Hauptsache gesund bleiben

Wenn man etwas Positives aus den purzelnden Dominosteinen der Weltwirtschaft finden will, ist es vermutlich der Punkt, dass uns die Zusammenhänge lupengleich vor Augen geführt werden. Eins und Eins ergibt eben doch nicht Drei. Wünschenswert wäre, dass unsere Sinne, Sensibilität und Verantwortlichkeit geschärft werden. Immerhin können wir nur durch Umdenken und Verantwortung dem eigentlichen Thema der Zeit begegnen: dem Klimawandel.

Sorgt eine faktische oder künstlicher Verknappung am anderen Ende dieser Welt dafür, dass wir keine Saiten mehr auf unsere Gitarren ziehen können, stimmt etwas im gesamten System nicht. Die wirtschaftliche Abhängigkeit von wenigen Lieferanten kann nicht gesund sein. Wenn nicht funktionierende Mechanismen, Lieferketten und Rohstoffmonopolisten überdacht werden, wird daraus etwas Zukunftsweisendes entstehen. Wirklich abhängig sein dürfen wir nur von uns selbst, von unserer eigenen Gesundheit. In diesem Sinne: Keine Angst vor globalen Zusammenhängen. Und vor allem: Bleibt gesund!

Alles andere ist unwichtig
Alles andere ist unwichtig Foto: Shutterstock von Simple Letters

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Keine Angst haben, lieber rekordverdächtig Gas geben: „Stadionkonzert The Grand Jam“.

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