Kadenzen einfach erklärt

Harmonielehre für Einsteiger: Was sind Kadenzen?

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Nur auf Anhieb erscheinen Kadenzen für musikalische Einsteiger schwer verständlich. Einmal begriffen, wird aus dem nur scheinbar schwierigen Thema ein Schuh,  ein simpel umsetzbares und unbedingt nützliches System. Simpel ausgedrückt ist eine Kadenz eine festgelegte Abfolge von bestimmten Harmonien. Diese Abfolgen gehören in vielen Bereichen zum Standardrepertoire von Musikern, insbesondere bei der Improvisation und Komposition. Willkommen im Kadenz-Getümmel:

Check it: Was sind Kadenzen?

  • Struktur mit festgelegten Abläufen
  • Kadenzen in Jazz, Blues, Popularmusik
  • Kadenzen in der Klassik
  • Notwendige Basics
  • Und der praktische Nutzen

Kadenzen und das Phänomen der improvisatorischen Einheit

Stell dir vor, du spielst mit Musikern zusammen, die du noch nie im Leben gesehen hast. Ihr beginnt zu jammen und zu improvisieren, lediglich die Tonart hat irgendwer in den Raum gerufen. Schon nimmt der musikalische Zug an Fahrt auf. Die Akkorde werden ohne weitere Absprache präzise gesetzt, die Harmoniewechsel erfolgen zum – gemeinsam – genau richtigen Zeitpunkt.

Ganz so, als hättet ihr das vorher notiert oder in Leadsheets aufgeschrieben. Habt ihr nicht; weil’s nicht nötig ist. Durchaus faszinierend, dass Menschen ohne ein zuvor penibel durchgekäutes Raster zusammen Musik machen, als würden sie sich schon ewig kennen. Ein wesentlicher Faktor für dieses Phänomen sind die Kadenzen. Da lohnt es sich doch, sich mit der Thematik eingehender zu beschäftigen.

Tonart zurufen, schon geht’s los
Tonart zurufen, schon geht’s los Foto: von Courtney Kenady (Unsplash)

Strukturierte Abschlussformel aus der Harmonielehre

Akkordfolgen beinhalten immer auch einen speziellen musikalischen Reiz. Wird vom Grundakkord ausgehend ein weiterer Akkord gesetzt, erwarten wir mit unseren westlich orientierten Hörgewohnheiten,  dass diese entstehende Spannung wieder aufgelöst wird. Umgesetzt wird das bei Kadenzen, durch die schematische Aneinanderreihung der Akkorde, die abschließend wieder zum Grundakkord zurückkehren.

Die harmonische Spannung im Turnaround wieder aufgelöst

Die Akkordfolge bildet demnach einen Anfang und einen Abschluss, löst also die harmonische Spannung am Ende der Kadenz, der Passage oder des Stückes wieder auf. In der Basis-Form bestehen Kadenzen aus vier Akkorden, wobei der Anfangs- und Schlussakkord identisch sind. Dies ist der Grund dafür, dass Kadenzen auch unter dem Begriff Abschlussformel bekannt sind. Benannt werden die fortlaufenden Akkorde der Kadenzen mit den Stufen, die sich auf die Töne/Harmonien der jeweiligen Tonart beziehen.

Die klassischen und jazzigen Unterschiede der Kadenzen

Die in Klassik, Pop, Rock, Punk, Folk und Co. übliche Kadenz lautet | I / IV / V / I | – Tonika – Subdominante – Dominate – Tonika. Dabei ist diese Struktur keinesfalls eine Erfindung der Neuzeit. Vielmehr wird die spätestens seit dem Barock als Schlussformel bei Kompositionen verwendet. Längst gibt es unterschiedliche Varianten von Kadenzen.

Im Jazz, dem neben dem Blues vermutlich improvisationsfreudigsten Genre, ist die übliche Kadenz abgewandelt und sieht dann so aus: | II | V | I |, Das heißt, begonnen wird nicht auf dem Grundakkord und statt des Dur-Akkords auf der vierten Stufe kommt der Mollakkord auf der zweiten Stufe zum Einsatz.

Klassische Kadenz als Abschlussformel
Klassische Kadenz als Abschlussformel Foto: Shutterstock von Peter Hermes Furian

An den Stufen ändert sich bei Dur- und Mollkadenzen nichts

Ebenso gibt außer Dur-Kadenzen auch Moll-Kadenzen. An den Stufen von Tonika, Subdominante und Dominante ändert sich nichts. Auch haben unterschiedliche Genres wiederum ihr jeweils eigenes Verständnis. Schon wird klar, das sind viele theoretische Fachbegriffe. Zum besseren Verständnis müssen wir ein wenig weiter ausholen.

Einheitliche Halb- und Ganztonschritte in sämtlichen Tonarten

Auf „normale“ Dur-Tonleiter besteht aus acht Tönen, die auch als Stufen bezeichnet werden. Die Abstände der  Töne zueinander – die Intervalle – sind  bei allen dieser Tonleitern identisch. Das bedeutet vor allem, dass die Struktur der Tonleitern einheitlich ist und das Prinzip der Kadenzen sich auf alle Tonarten gleichermaßen anwenden lässt. Gitarristen beispielsweise rutschen für das Transponieren mit denselben Griffen nur auf dem Griffbrett in eine andere Lage. Aber langsam, nicht vom Thema abweichen.

Zwischen dem dritten und vierten Ton sowie vom siebten zum achten Ton gibt es keine weiteren spielbaren Töne. Es handelt sich also um einen sogenannten Halbtonschritt. Bei den anderen Tonabständen handelt es sich jeweils um Ganztonschritte. Plakativ sichtbar ist das etwa auf der Klaviertastatur in der Tonart C anhand der weißen und schwarzen Tasten. Zwischen dem E und dem F befindet sich keine  schwarze Taste, ebenfalls nicht zwischen dem H und dem darauffolgenden höheren C.

Die Besonderheit von Halb- und Ganztonschritten
Die Besonderheit von Halb- und Ganztonschritten Foto: Shutterstock von Lana Veshta

Tonika, Subdominante, Dominante

Der Akkord auf der ersten Stufe – der Grundakkord – wird als Tonika bezeichnet, der Akkord auf der vierten Stufe nennt sich Subdominante und auf dem fünften Ton wird die Dominante gebildet. Um zu wissen, welches die nächsten Akkorde sind, wenn dir jemand eine Tonart zuruft, musst du also lediglich durch die Töne der Tonleiter zählen. Zur Tonika C gehören die Subdominante F und die Dominante G, was jeweils der vierte und fünfte Ton der C-Dur-Tonleiter ist. In der Tonart G-Dur wiederum G die Tonika, C-Dur die Subdominante und D-Dur die Dominante.

Die wichtigsten Stufenakkorde für die Kadenz
Die wichtigsten Stufenakkorde für die Kadenz Foto: Shutterstock von Peter Hermes Furian

Akkordstruktur und Intervalle

Wissen müssen wir, dass ein Akkord aus mindestens drei Tönen besteht. Dem Grundton, der Terz und der Quinte. Puh, was ist das schon wieder? Es geht um Intervalle, um Tonabstände. Der Grundton dürfte dir auf Anhieb einleuchten. Bewegst du dich in der Tonart C-Dur, ist das C eben auch der Grundton. Die Terz wiederum ist innerhalb der Tonleiter vom Grundton ausgehend der übernächste Ton. In der C-Dur-Tonleiter demnach das E.

Weiter geht es mit der Quinte. Dabei handelt es sich um den fünften Ton der Tonleiter ab dem Grundton, also um das G. Zum E bildet das G wiederum eine Terz. Schichten wir diese Töne nun übereinander, entsteht der C-Dur-Akkord. Was wir uns an dieser Stelle merken wollen: Bei den Grundakkorden handelt es sich um übereinandergeschichtete Terzen.

Kleine Terz, große Terz – ganz viel Terz

Schon wieder so ein trockener Fachbegriff, was ist nun schon wieder eine Terz? Eine Terz ist eines der Intervalle, der Abstände von einem Ton zum anderen. Erwähnt haben wir die Halb- und Ganztonschritte. Die sind auch auschlaggebend für den Begriff der kleinen und der großen Terz. Durch den Abstand von zwei Ganztönen entsteht eine große Terz, auch bekannt als Dur-Terz. Aus dem Abstand von einem Ganzton- und einem Halbtonschritt wiederum entsteht eine kleine Terz, die du auch als Moll-Terz bezeichnen kannst.

Dreiklänge – Fundament der Akkorde

Nun sprechend wir die ganze Zeit von Stufen und Akkorden. Selbstredend, immerhin beleuchten wir gerade eine Disziplin der Harmonielehre. Aber woraus besteht  ein Akkord? Nun, die Grundakkorde werden aus drei Tönen gebildet. Auf jeder Stufe der Tonleiter lassen sich Dreiklänge – Akkorde – bilden. Wenden wir dieses Strickmuster auf der ersten, vierten und fünften Stufe der Dur-Tonleiter an, entstehen dort Dur-Akkorde. Auf der zweiten, dritten, und sechsten Stufe bilden wir jeweils Mollakkorde, auf der siebten Stufen mit zwei kleinen Terzen einen sogenannten verminderten Akkord.

Der erweiterbare kleinste gemeinsame Nenner

Die Kadenz ist der kleinste gemeinsame Nenner. Folgerichtig kann die rudimentäre Struktur auch um weitere Stufenakkorde erweitert oder in ihrem Ablauf abgewandelt werden, was auch vielfach gemacht wird. In solchen Fällen sprechen wir allerdings nicht mehr von einer Kadenz, sondern von einem Akkord-Schema. Musiktheoretisch ist der Ausdruck klar definiert. In der Praxis sind die Übergänge der Deutungshoheit fließend.

Simpelste Blaupause für sämtliche Tonarten

Und nun zurück zu unserem eigentlichen Thema, der Frage: „Was sind Kadenzen“: Der riesige Vorteil von Kadenzen – beispielsweise im Blues oder bei der Improvisation im Jazz – ist es, dass man dieses Strickmuster auf wirklich sämtlich Tonarten übertragen werden kann. Ob du also eine Akkordfolge in A-Dur, in E-Dur oder sonst wie spielst ist unerheblich. Kein Grund, die Harmonien und die Akkordfolge separat zu benennen. Über das Stufenschema sind die Akkorde und deren Abfolge bereits festgelegt.

Stimmführung und Anwendung in der Praxis

Fehlt noch, die Harmonien klangschön miteinander zu verbinden. Besonderes Augenmerk widmest du beim Akkordwechsel jenen Tönen, die bei den Akkorden von Tonika, Subdominante und Dominate gleich sind. So ist etwa die Quinte beim Akkord C-Dur identisch mit dem Grundton der Dominante G-Dur. Damit die Akkordverbindungen nicht plump und hart wie die Holzfäller bei der Arbeit klingen, versuchst du diese Töne liegenzulassen. Dafür nutzt du einen möglichst komfortablen Fingersatz. Resultat ist, dass die Parallelen nicht überbetont werden.

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Falls wir dein Interesse geweckt haben und du dir weitere musiktheoretische Kenntnisse draufschaffen möchtest, wirf doch mal einen Blick auf diesen Artikel zum Thema „Triolen spielen: Eine Portion Musiktheorie für Einsteiger“.

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