
Wozu Doppelhalsinstrumente, wenn man doch auch auf einem Hals gleich zwei konstruieren kann. So ähnlich dachten sich das womöglich die Instrumentenbauer der Renaissance und verpassten der Laute einen Giraffenhals mit zwei Wirbelkästen. Möchtest Du ein Instrument wie die Theorbe spielen, erarbeitest du dir eine immens große Klangfülle. Back to the Roots!
Check it: Theorbe spielen mit großer Klangfülle
Erfahre in diesem Artikel mehr über die Giraffenhalslaute der Renaissance, weshalb sie gleich zwei Wirbelkästen besitzt und was es mit ihren engen Verwandten wie der Erzlaute auf sich hat. Soviel vorweg: Möchtest du Erzlaute oder gar Theorbe spielen, bist du Teil eines außergewöhnlichen Comebacks.
- Ein Blick über den historischen Tellerrand lohnt sich
- Weshalb die tonale Erweiterung nötig wurde
- Hochgradige Herausforderung der Saitenspannung
- Kein Unterschied zwischen der Theorbe und dem Chitarrone
- Verwandt ist die Theorbe auch mit der Erzlaute
- Achtung! Verwechslungsgefahr der Epoche
- Wie die Theorbe aktuelle ein Comeback feiert
Theorbe spielen mit dem Blick über den zeitgenössischen Tellerrand
Manchmal lohnt sich ein Blick zurück in die Geschichte der Musikinstrumente. Dabei lassen sich zuweilen sehr interessante Entwicklungen aus der Instrumentenbaus entdecken, die immer auch im Zusammenhang mit den Veränderungen innerhalb der damals zeitgenössischen Musik standen; jedenfalls meistens. Die Ende des 16. Jahrhunderts zunächst in Italien entwickelte Theorbe ist als überdimensionierte Schalenhalslaute ein typisches und sehr plakatives Beispiel dafür.
Im Sog der italienischen Oper stieg der Bedarf an Begleitinstrumenten
Die Gitarristen der Renaissance standen vor einem typischen Problem innerhalb der musikalischen Entwicklung, zu dem es Jahrhunderte später auch immer wieder Parallelen geben sollte. Zum Ende der Epoche entwickelte sich insbesondere in Italien die Oper und in der Folge der Sologesang. In dem Zusammenhang gab es gleichwohl einen großen Bedarf an Begleitinstrumenten. Darüber hinaus wuchsen die Ensembles, um auch die tonale Breite abbilden zu können. Die herkömmlichen Lauten damaliger Zeit konnten jedoch in Sachen Tonumfang als auch der geforderten Lautstärke nicht mithalten.

Selbstverständlich ließ sich Fortschritt nicht aufhalten
Kreative Ansätze und Ideen waren gefragt, um die Laute nicht in der Versenkung verschwinden zu lassen. Weshalb auch sollte man das zulassen. Immerhin hatte sich bis dahin nicht das Instrument geändert, stattdessen wurden die äußeren Umstände schrittweise bzw. schleichend auf den Kopf gestellt. Die würden sich aber nicht aufhalten lassen. Also gab es eine besondere Geburtsstunde. Die Musiker waren bald gefordert, Theorbe spielen zu können.
Bautechnische Erweiterung durch zeitgenössische Anforderung
Also schien es naheliegend, das Instrument genauer unter die Lupe zu nehmen und es bautechnisch zu erweitern. Und da wurde geklotzt statt gekleckert. Auf solche Ideen muss man tatsächlich erstmal kommen. So verpassten die Instrumentenbauer der Renaissance der Laute u. a. diverse zusätzliche Saiten – vordringlich Basssaiten – sowie einen deutlich längeren als auch breiteren Hals und den voluminöseren Korpus mit oftmals gleich drei Schalllöchern. Das besondere Erkennungsmerkmal war und ist jedoch der zweite Wirbelkasten. Indes der erste Kasten wie üblich die Diskantsaiten beherbergt, werden die Basssaiten, die ja auch deutlich länger sind, im oberen Wirbelkasten am Kopf der Theorbe angebracht.

Heikle Verhältnisse der Zugkräfte und Saitenspannung
Indes die Theorbe üblicherweise mit 14 Saiten bestückt ist, können die sieben hohen Saiten klassisch gegriffen werden. Demgegenüber sind die ebenfalls sieben Basssaiten diatonisch gestimmt. Das bedeutet unter dem Strich, dass mit dem Instrument eigentlich alle Tonarten abgedeckt werden können; um in Tonarten abseits der üblichen Stammtonarten zu spielen, müssen eben nur die Basssaiten umgestimmt werden, was ja letztlich kein Hexenwerk und auch beispielsweise bei Stahlsaitengitarren ein vollkommen normaler Vorgang ist. Wissen solltest du allerdings, dass bei der Theorbe ohnehin die Quint- und die Quartsaite eine Oktave tiefer gestimmt wird. Grund dafür ist es, eine zu hohe Saitenspannung zu vermeiden.
Hauptsächlich für die Gesangsbegleitung eingesetzt
Derart mit Basssaiten bestückt, avancierte die Theorbe schlussendlich im 17. Jahrhundert zu einem der beliebtesten Generalbassinstrumente, wobei auch die angesagten italienischen Komponisten wie Caldara oder Monteverdi in ihren Werken die Theorbe für die Gesangsbegleitung forderten. Zur Wahrheit gehört, dass Solostücke für die außergewöhnliche Langhalslaute abgesehen von wenigen Ausnahmen eher selten komponiert wurden. Die Bauweise war und ist doch sehr speziell und damit auch in der Klassik nicht wirklich mainstreamtauglich.
Theorbe spielen – die pure Klangfülle inklusive
Auch heutzutage ist es vor allem in der Popularmusik immer wieder zu beobachten, dass Musiker und Instrumentenbauer sich bemühen, die tonale Breite der Instrumente über den beschränkten Tonraum hinaus zu erweitern. So werden elektrische Bässe als 5- oder 6-Saiter immer populärer. Schlichtweg aus dem Grund, dass sie sich noch weiter in den Tieftonkeller bewegen können. Akustische und elektrische Gitarren wird eine breitere Stimmung verpasst. Die Theorbe war gewissermaßen die historische Blaupause. Von allem ein wenig mehr und dadurch lieferte inklusive der Bordun-Saiten die pure Klangfülle.
Giraffenlaute – ganz schön lang der Hals
Die Theorbe hat sich im Laufe der Jahrzehnte diverse Bezeichnungen und auch Spitznamen gesichert, so eben auch als die „Giraffenlaute“. Bereits eine herkömmliche Laute ist ja nicht unbedingt besonders einfach zu spielen. Wer (noch) kurze Arme und wenig trainierte Finger hat, bekommt leicht Probleme, die verschiedenen Bünde und Töne zu greifen. Nun könntest du glauben, die Töne der Basssaiten seien für dich geradezu unmöglich zu greifen.

Ja, das mag sein. Aber exakt das ist überhaupt nicht nötig. In der traditionellen Spielweise werden die Basssaiten nicht gegriffen. Stattdessen werden sie nur angespielt und allenfalls abgedämpft, um Übersprechungen zu vermeiden. Die jeweilige Saite klingt, wie sie klingt. Eingesetzt werden sie als Generalbass oder Bordun.
Chitarrone oder Theorbe spielen – wo liegt der Unterschied?
Obschon sich die Gelehrten innerhalb der Musikwissenschaft lange uneins waren, hat man sich mittlerweile geeinigt. Und so sind die Unterschiede zwischen diesen beiden Instrumenten äußerst einfach erklärt: Es gibt keinen. Theorbe und Chitarrone bezeichnen beide das gleiche Instrument. Bei den beiden Ausdrücken handelt es lediglich um Synonyme für dieselbe Langhalslaute mit den beiden Wirbelkästen. Wie der Chitarrone benötigst du demnach ebenfalls die extra dicke und lange Basssaiten, wenn du Theorbe spielen möchtest. Es wäre ja auch absurd, für dasselbe Instrument aufgrund von zwei Namen verschiedene Saiten verwenden zu müssen.
Verwandt insbesondere mit der Erzlaute
Eng verwandt ist die Theorbe insbesondere mit dem hierzulande als Erzlaute, Archlaute oder Arciliuto bekannten Instrument. Bei dem handelt es sich im Prinzip um eine kleine Theorbe, die somit auch über weniger Saiten verfügt, allerdings nach dem gleichen Prinzip gestimmt ist. Bezeichnen könnte man sie auch als Tenorlaute mit der Halsverlängerung einer Theorbe, der jedoch die Kraft im Tenor und Bass fehlt. Übereinstimmend ist der zweite Wirbelkasten. Die Mensur beträgt in der Regel rund 660 mm. Mit an Bord hat die Erzlaute normalerweise 11 Spielsaiten in 6 Chören sowie 8 Bass-Bordun-Saiten. Auch dieses Instrument verfügt demnach über 19 Saiten. Viel Spaß beim Stimmen; plan schon mal rund zwei Stunden ein. Und dann kann’s endlich losgehen.
Wie süß! Das Ding gibt’s auch in kleiner
Übrigens gibt es auch eine kleinere Ausführung der Theorbe, die dann gerade mal etwa einen Meter lang ist und sich bezeichnenderweise Tiobino nennt. Die kleinere Schwester erklingt eine Oktave höher und ist wie die Theorbe ebenfalls rückläufig gestimmt. Kompositionen für die geschrumpfte Kandidatin existieren etwa aus den Jahren 1617 und 1622. Es bleiben Ausnahmen.
Nicht zu verwechseln mit der Renaissance-Laute
Obgleich sie aus derselben geschichtlichen Ära stammt, ist die Theorbe nicht zu verwechseln mit der Renaissance-Laute. Die nämlich ist nach einem vollkommen anderen Prinzip aufgebaut. Ja, das Instrument ist mehrchörig, wodurch Ähnlichkeiten zumindest vermutet werden könnten. Doch das ist abgesehen von der Abstammung der Laute aber auch schon alles. Der Kopf ist meistens um 90 Grad nach hinten gekippt. Auch wird versucht, das Tonspektrum zu erweitern. Aber die Renaissance-Laute hat eben keinen separaten Wirbelkasten für zusätzliche Basssaiten.
Was du in puncto Stimmung beachten solltest
Allzu leicht könntest du vermuten, die spezielle Stimmung der Theorbe ergäbe sich aus der Bauweise des Instrumentes oder welchen Kuriositäten auch immer. Einnehmen solltest du für das besserer Verständnis jedoch eine zweifellos andere Perspektive. Die antike Musik basierte noch nicht auf dem für uns heutzutage selbstverständlichen Notensystem, auch wurden die Frequenz- und Intervallverhältnisse anders berechnet.
Zurück geht das sogar bis auf die griechische Antike, in der beispielsweise die Tonintervalle teils etwas größer, teil etwas kleiner waren als in der modernen Musik. In jahrzehntelangen Forschungen wurde sogar herausgefunden, dass anders als bei den heutigen Instrumenten bereits eine harmonische Hierarchie gewissermaßen eingebaut war, bedeutsame Töne aber auch größere Klanglöcher aufweisen konnten.
Über den Automatismus der Hörgewohnheiten
Leicht nachvollziehbar ist, dass sich der Wandel schleichend und nicht als punktgenaue Revolution der Systeme vollzogen hat. Oder um es plakativer auszudrücken: Für dich als Musiker entsteht daraus ein nicht zu unterschätzender Spagat. Möchtest du auf der Theorbe Stücke mit dem typischen Klang der Renaissance spielen, wird es wenig authentisch klingen, falls du dass Instrument dergestalt hinbiegst, dass für dich ausschließlich vertraute Töne entstehen. Wenn schon anders, dann doch am besten geschichtsgetreu rekonstruiert.
Sicherlich nicht wirklich ein Einsteigerinstrument
Okay, gemeinhin richten wir uns an musikalische Anfänger bis zu leicht Fortgeschrittenen in ihrer jeweiligen Disziplin. Eine Theorbe als Instrument für Einsteiger zu bezeichnen, wäre angesichts der Dimensionen, Anzahl der Saiten und spieltechnischen Herausforderungen wohl ziemlich absurd. Letztlich aber hat jeder mal begonnen. Und somit stellt sich die Bezeichnung des Anfängerinstruments per se wieder auf den eigenen Kopf.
Das aktuelle Comback der Theorbe in der Musik
Mittlerweile hat die Musikerwelt das Instrument wieder für sich neu entdeckt und verzaubert das Publikum mit ihrem wunderbaren Klang. Die Theorbe feiert präsentiert von tollen Interpreten wie Christina Pluhar oder Thomas Dunford ein echtes Comeback, wie es historischer und zugleich zeitgenössischer nicht sein könnte. Ob es irgendwann ein Theorben-Duo geben wird? Schauen wir mal, wie die Musiker sich künftig gegenseitig inspirieren.
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