Zwischen Realitäten und Mythen

6 Fehleinschätzungen über Keyboarder – weg mit den Vorurteilen

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Musiker ziehen sich untereinander gerne mal auf. Sprüche machen die Runde, die – meistens – nicht wirklich ernst gemeint sind. Humor gehört dazu. Aber ein gewisser Nimbus bleibt. Keyboarder gelten oftmals als verkopft, als die technisch allwissenden Herrscher ihrer Tastenburg. Andererseits glauben manche, Keyboard spielen könne jeder. Wir räumen mit Vorurteilen auf:

Check it: Fehleinschätzungen über Keyboarder

  • Keyboarder sind ausschließlich kopfgesteuert
  • Keyboard zu spielen ist einfach
  • Keyboard-Equipment ist teuer
  • Die Tastenartisten sind unsportlich
  • Keyboarder beherrschen automatisch auch Klavier

Fehleinschätzungen über Keyboarder – die schmale Gratwanderung zum Unfug

Oftmals viel zu schnell stecken Dinge in Schubladen. Auch Menschen und erst recht Musiker. Ob das fernab von Kommerz irgendeinen geistigen Nährwert hat, lassen wir an dieser Stelle mal mit beiden Beinen felsenfest in der Luft stehen. Seien wir uns gleich zu Beginn dessen bewusst, dass jeder Mensch einzigartig ist und Schubladendenken eigentlich der verstaubten Vergangenheit angehören sollte. Aber schauen wir mal, was dran ist an den Vorurteilen.

1. Keyboarder sind verkopft

Unbedingter Unsinn, Keyboarder sind mindestens ebenso sensible und sensitive Musiker wie alle anderen auch. Die wahren Könner zaubern mit ihren Instrumenten Emotionen. Häufig legen sie den gesamten Soundteppich, ob es sich um zarte Balladen oder um opulente Rocksongs handelt. Solche Menschen können nicht mit dem negativen Blickwinkel des ausschließlich verkopften Denkens gleichgesetzt werden.

Das Gegenteil ist der Fall. Gute Keyboarder haben das notwendige Einfühlungsvermögen für die jeweils passenden Sounds, Harmonien, die Melodieführung und Soli. Und dann setzen sie mit ihrem technischen Verständnis noch eine gute Portion Fachwissen obendrauf. Das heißt die Typen und Typinnen an den Tasten schaffen die Synergie aus außergewöhnlicher Kreativität, musikalischem Fachwissen und technologischen Know-how.

Nein, es gibt keine ausschließlich verkopften Musiker
Nein, es gibt keine ausschließlich verkopften Musiker Foto: Shutterstock von Tyler Olson

2. Keyboard zu spielen ist simpel

Seit den 80er- und  90er-Jahren wurden günstige Home-Keyboards zu dem Einsteigerinstrument schlechthin. Diese Keyboards reichten Hobbymusikern eine bis dahin nicht dagewesene  Klang- und Rhythmen-Vielfalt an die Hand, mit Features, die gestandene Musiker zu einem Lächeln zwangen, offensichtlich aber den Zeitgeist trafen. Seither grassiert die Meinung, Keyboard zu spielen sei simpel, was zu fatalen Fehleinschätzungen führte.

Zumal etliche der Einsteigermodelle Spielzeugcharakter hatten und haben werden sie von gestandenen Musikern als „Tischhupen“ verhöhnt. Eine Frage der Perspektive. Low-Price-Keyboards, die als Spielzeug gedacht sind, machen die ihnen angestandene Aufgabe wunderbar. Sie sorgen bei Kids für Freude an Klängen und wollen sich keinesfalls mit mittelpreisigen oder professionellen Instrumenten anlegen.

Allerdings sollte durch diese simplifizierten Instrumente auch nicht der Eindruck entstehen, Keyboard zu spielen sei das Einfachste der Welt. Auf hohem Niveau Musik auf Keyboards zu machen, ist vergleichbar anspruchsvoll wie auf dem Klavier, nur dass eben außer der Beherrschung der Tastatur, den musiktheoretischen Kenntnissen auch noch die gute Portion Technik hinzukommt.

Der Schwierigkeitsgrad ist eine Frage von Zielsetzung und Perspektive
Der Schwierigkeitsgrad ist eine Frage von Zielsetzung und Perspektive Foto: Shutterstock von KK Tan

3. Keyboard-Spielen ist teuer

Dass Keyboards und das dazu gehörende Equipment kostspielig sind, bleibt eine Frage der Sichtweise und der individuellen Anforderungen. Insbesondere für den Heimgebrauch gibt es längst preislich verkraftbare und zugleich qualitative und sinnvoll ausgestattete Keyboards. Die Ausgaben dafür bewegen sich auf ähnlichem Niveau wie bei anderen Instrumenten auch.

Zieht man beispielsweise den Vergleich mit der elektrischen Gitarre, wird die bei vergleichbarer Qualität in vielen Fällen sogar kostspieliger werden. Erst recht deutlicher wird das, wenn wir das Keyboard den klassischen Instrumenten wie Geige oder Bratsche, Querflöte oder Tuba gegenüberstellen. Na ja, und dann der direkte Artverwandte, das Klavier. Vernünftige Instrumente gibt es nicht zum Nulltarif; doch das Keyboard für den Heimgebrauch ist  nicht teurer als andere Kandidaten.

Zutreffender ist die Aussage allerdings im professionellen Bereich. Und zwar aufgrund der Schnelllebigkeit von Sounds, die sich in den jeweils aktuellen Songs und Musikgenres widerspiegeln. Wenn man nicht gerade traditionelle oder Vintage-Musik macht, besteht für Keyboarder stets die Anforderung mit ihrer Tastenburg auf dem neuesten Stand zu bleiben. Das wiederum bedeutet, dass sie häufiger investieren müssen als andere Musiker, zumindest im Bereich von Party- und Coverbands.

4. Keyboarder sind unsportlich, weil sie sitzen

Zunächst gibt es keinerlei Anhaltspunkt dafür, dass ein Mensch nicht sportlich ist, nur weil er beim Musizieren sitzt. Wäre auch kurios, andernfalls müssten ja nahezu alle Orchestermusiker unsportlich sein. Tatsächlich ist es so, dass jeder Musiker eine gewisse körperliche Fitness besitzen muss, um sein Instrument zu beherrschen und sich nicht von ihm beherrschen zu lassen. Selbstverständlich auch Keyboarder.

Steht ausschließlich die Musik und eben nicht die Performance im Mittelpunkt, ist es schlichtweg unerheblich, wie man das Instrument spielt, Hauptsache kontrolliert. Und das funktioniert mit einem Stuhl unter dem Hintern nun mal vielfach besser. Dass diese Frage überhaupt eine Rolle spielt, ist durch ein optisches Kuriosum entstanden:

Im Sitzen zu spielen ist keine Aussage der körperlichen Fitness
Im Sitzen zu spielen ist keine Aussage der körperlichen Fitness Foto: Shutterstock von Olesya Kuznetsova

Während bei einer Show-geprägten Band Saitenakrobaten, Sänger & Co. posierend durch die Gegend hüpfen, bleibt der Keyboarder an seinem angestammten Platz. Er kann nicht anders, genau wie der Drummer. Das hat nichts mit Faulheit oder mangelnder Fitness zu tun. Aber dadurch entsteht ein visueller Kontrast, ein markanter Unterschied zwischen den Musikern on Stage. Und unterbewusst resultiert daraus beim Publikum der Eindruck des gemächlichen Keyboarders, obwohl er gerade Höchstleistungen abliefert.

Das stehende Spielen gibt mehr Entertainment her
Das stehende Spielen gibt mehr Entertainment her Foto: Shutterstock von Montree studio

5. Keyboards, E-Pianos und Klavier sind identisch zu spielen

Der handelsübliche Nichtmusiker ist häufig der Meinung, wer Keyboard spielen kann, beherrscht gleichzeitig das Klavier – und umgekehrt. Ein Trugschluss, wenngleich ein naheliegender. Zwar ist die Aufteilung der Tasten und Töne gleich, wobei nur der Umfang der Oktaven abweicht. Man weiß also, welche Töne wo liegen, was schon mal ein Vorteil ist. Das ist aber im Grunde genommen auch schon alles.

Denn das Spielgefühl auf Keyboard- oder Klaviertastatur unterscheidet sich grundlegend. Um den Klavieranschlag richtig zu erlernen, sind Keyboards nicht geeignet. Der spezielle Klang des Klaviers entscheidet sich maßgeblich mit an der Tastatur. Bei Keyboards wird versucht, das Spielgefühl durch die Anschlagsdynamik, den Klang durch die speziellen Soundgeneratoren zu imitieren. Die Annäherung ist schon weit vorangeschritten, doch es bleibt eine Annäherung.

Umgekehrt kann ein Pianist auch nicht automatisch Keyboard spielen. Er muss sich in den allermeisten Fällen deutlich umstellen, wobei wir wieder beim Spielgefühl auf der Tastatur sind, aber auch bei der unterschiedlichen Spielweise. Im Bandgefüge beispielsweise müssen Keyboarder sich deutlich anders einfügen als auf dem Flügel beim Kammerkonzert. Nicht zu vergessen, dass die vorhandene Technik des Equipments auch beherrscht werden muss.

6. Keyboarder sind gescheiterte Pianisten

Nö, vielmehr hat das eine mit dem anderen nichts zu tun. Keyboard und Klavier sind eigenständige Instrumente. Schon in musikalischer Hinsicht haben sie einen vollkommen unterschiedlichen Fokus. Indes beim Klavier eher ein klassischer Ansatz im Vordergrund steht, ist das Keyboard im Heimgebrauch die „Band in the Box“, das Instrument, auf dem die Melodie, die Akkorde, der Rhythmus und die Begleitung gleichzeitig gespielt werden können. Ein komplettes Orchester verpackt in einer Kiste. Auf der Bühne ist der Keyboarder oftmals der Soundlieferant. Der harmonische Zusammenhalt der ganzen Band.

Keyboarder werden wohl kaum zu ihrem Instrument greifen, weil ihnen das Spielen auf dem Klavier zu schwer ist. Sie haben schlichtweg andere Zielsetzungen und einen vermutlich anderen Musikgeschmack. Auch aus praktischen Gründen taugt eher das Keyboard als Live-Instrument. Ein Klavier zu transportieren, bleibt nun mal eine logistische Herausforderung. Vielleicht könnte man behaupten, Keyboarder seien die bühnenkompatibleren Tastenkünstler. Wer solche genialen Keyboarder wie Jon Lord oder Rick Wakeman gehört hat, würde niemals die Leistung von Keyboarder oder Pianisten miteinander vergleichen. Beide haben übrigens auch eine klassische Ausbildung.

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