Der perfekte E-Gitarren-Sound: Zwischen Wunschwelt und Realität

Schritt für Schritt den eigenen Klang verbessern

| Foto: Shutterstock von KUCO

Der optimale Sound der E-Gitarre hat etwas Mystisches, zuweilen Sagenumwobenes. Eigentlich weißt du genau, wie du klingen möchtest. Zumindest hast du eine vage Vermutung, in welche Richtung es gehen könnte. Aber ganz so einfach ist es nicht: Es spielen so viele  Komponenten ihre jeweils eigene Rolle. Der perfekte E-Gitarren-Sound will von dir erst noch gefunden werden.

Check it: Der perfekte E-Gitarrensound – wie du dich annäherst

  • Unterschiedliche Herangehensweisen
  • Es wird eine niemals endende Reise sein
  • Coverband-Variante mit Multieffekt und Sound-Library
  • Langwieriger, aber oftmals authentischer: Pedal-Board
  • Wenn die Individualität für dich das Argument schlechthin ist

Der perfekte E-Gitarrensound – eine komplexe Angelegenheit

E-Gitarristen verbringen eine Menge Zeit und Geld bei der Suche nach dem perfekten Sound. Das beginnt bei der Gitarre selbst, reicht über die Effekte und endet beim Verstärker noch  lange nicht. Kein Wunder; immerhin gibt es in Sachen Sound ungefähr zwei Hauptansätze, außerdem den ganz besonderen Persönlichkeitsfaktor.

Herangehensweise praxisbezogen oder kreativ  orientiert

Der eine lautet, mit seiner Klangvielfalt so viele prominente Heros zu imitieren wie möglich. Gerade für Top-40- oder Partybands eine unabdingbare Voraussetzung. Wenn du einen Kracher von Gary Moore zelebrieren willst, darf die Klampfe eben nicht nach Mark Knopfler klingen – und umgekehrt. Der jederzeit abrufbare Sound-Copyshop ist ein aufwendiges und durchaus kostspieliges Unterfangen.

Die andere Perspektive ist, seinen ureigensten Sound zu entwickeln; diese spezielle Wiedererkennbarkeit, mit der du dich von anderen abhebst. In der Wirtschaft würde man vermutlich vom Alleinstellungsmerkmal sprechen. Aber diese Ausdrucksweise ist nicht unsere Baustelle. Wir sagen eher: Dein Sound ist wie dein Name. Einzigartig und hoffentlich irgendwann unnachahmlich.

Wessen Soundvorstellungen entscheiden, wird oft verklärt gesehen

Und letztlich ist dein Soundempfinden vollkommen individuell. Klar, kannst du dich dem Mainstream unterordnen, angleichen und so vielen anderen ähneln. Ist es wirklich diese Kantenfreiheit, die dich zur Musik und auf die Bühne getrieben hat? Dass das eigene Soundempfinden entscheidend ist, haben viele mal geglaubt. Letztlich aber spielt ihr nicht für euch, sondern für das Publikum. Das entscheidet. Vielleicht schaffst du den Schritt in die Individualität.

Wer entscheidet, Du oder das Publikum? | Foto: Shutterstock von kondr.konst

Eine interessante Reise, aber eine ohne Ende

Vor diesem Hintergrund ist es leicht nachvollziehbar, dass das gesamte Equipment – eine Zeit lang – immer wieder neu betrachtet, konfiguriert und eingestellt wird. Obschon die Praxis zeigt: Dieses „eine Zeit lang“ ist unrealistischer Nonsens. Gerade die E-Gitarristen optimieren immer weiter. Nicht selten nehmen manche das Feinwerkzeug sogar mit auf die Bühne und justieren die Tonabnehmer während des Songs. Und genauso häufig kommen sie zu der Einstellung, das sei doch alles Mist, und beginnen wieder von vorn.

Eine Tatsache: Die Reise endet nie | Foto: Shutterstock von Wachiwit

Die Coverband-Variante – möglichst jeden imitieren können

Widmen wir uns zunächst der Coverband-Variante. Bei so ziemlich jedem Titel wird in den großen Topf der Hits von unterschiedlichsten Bands und Künstlern gegriffen. Für den Laien scheint der perfekte Gitarrensound angesichts der Unterschiedlichkeit der Originalmusiker schlicht nicht machbar. Stimmt teilweise; allerdings nicht letztgültig und vor allem aus speziellen Gründen.

Dem Sound der Gitarren-Heros kann man sich bis auf einen verbleibenden Restunterschied annähern. Das Publikum erkennt, was damit gemeint ist, und honoriert das. In den seltensten Fällen allerdings, hält der Sound einer echten Vergleichsprüfung statt. Muss auch nicht sein. Viel pragmatischer ist die Frage, mit welchem Equipment-Einstellungen der perfekte Gitarrensound deiner Gitarrenhelden sich imitieren lässt.

Einfach alles aufkaufen, was der Markt hergibt

Beginnen wir mit der nicht ganz ernstgemeinten Variante: Du holst die Equipment-Listen der Stars; dann kaufst du dir exakt den ganzen Krempel, den beispielsweise ein Tom Moreno und die vielen anderen auf die Bühne schleppen, baust dir eine Equipment-Burg mit den Ausmaßen der Düsseldorfer Altstadt und brauchst nur noch von Part zu Part umzustecken. Selbstverständlich ist das erstens der blanke, nicht umsetzbare  Unfug. Zweitens musst du genau wie die Vorbilder spielen können. Sorry, nicht vom Thema  ablenken.

Multieffektgeräte  können eine funktionierende Lösung sein

Weitaus pragmatischer ist eine Entwicklung, die über Multieffektgeräte umgesetzt wird. Die multifunktionalen Soundmonster haben ohnehin etliche werksseitige Presets an Bord. Die Hersteller wollen den ambitionierten  Musikern richtig was  bieten. Vollkommen normal ist es, zwischen Hunderten von Sounds wählen und die jeweils auch noch frei editieren zu können. So weit so gut, das heißt, es sind Möglichkeiten vorhanden; aber die musst du zu nutzen wissen.

Ein gutes Beispiel dafür ist das Line6 Helix Guitar Processor Bundle, frisch auf dem Markt seit Mitte 2020 und ausgestattet mit allem, was man sich vorstellen kann. Der Gitarrist wird zum Programmierer. Detailliert informiert wirst du auf dieser Produktseite auf thomann.de.

Soundmonster mit endlosen Möglichkeiten | Foto: von Thomann

Sound-Libraries für Multieffektgeräte

Auch hier kann das Editieren zu deinem 24-Stunden-Job werden. Das war eigentlich nicht beabsichtigt. Allerdings nannten wir die Entwicklung „pragmatisch“. Das ist sie durch die bereits seit Jahrzehnten vorhandenen digitalen Möglichkeiten. Etliche Marken bieten sogenannte Sound-Libraries, die im Zusammenhang mit dem Produktkauf zum meist kostenlosen Download zur Verfügung stehen.

Alles bereits vorhanden: Kann das sein?

Dabei handelt es sich um Soundbibliotheken, in denen unterschiedlichste der weltweit renommiertesten Gitarristen abgebildet werden. Diese Bibliothek wird dann auf das Multieffektgerät gespielt und verspricht vollmundig, dass der perfekte Gitarrensound des Originals nur abgerufen werden muss. Also einfacher könnte es nicht sein. Ich nehme hier eine Portion Steve Lukather, dort ein bisschen Brian May, ein Stück Eric Clapton usw.

Schön wär’s, faktisch bleibt es ein Marketinginstrument

Funktioniert leider so auch noch nicht. Problematik ist, dass die Effekte und Soundbänke häufig in Asien konfektioniert werden. Dort herrschen nun mal vollkommen andere Vorstellungen von Klang und Technik. Außerdem sind auch diese Signature-Sounds auf den Effektgeräte absolut überladen. Wie üblich, muss man erst einiges wegnehmen, um zum annähernd gewünschten Ergebnis zu gelangen. Der perfekte Gitarrensound ruft weiterhin nach viel Arbeits-, Editier- und Programmiereinsatz.

Damit wollen wir die technologisch gigantischen Entwicklungen der multifunktionalen Effektgeräte keinesfalls schmälern. Solchen Variantenreichtum hinzubekommen, steht für hochprofessionelle Entwicklungs- und Herstellungsverfahren. Keine Frage.

Soundkonfektionierung mit dem eigenen Pedalboard

Wir haben also festgestellt, dass diese Geräte über endlose Möglichkeiten verfügen, der Editieraufwand aber trotz allem immens bleibt. Außerdem wird der Sound immer verwaschener, je mehr interne Module er durchläuft. Das kannst du vielleicht mit deinem Pedalboard besser, mit deiner Sammlung von Einzeleffekten.

Vermutlich aufwendiger, aber aufs Wesentliche konzentriert | Foto: Shutterstock von hurricanehank

Perfektion ist nicht wichtig, es geht um Annäherung

Halten wir uns vor Augen, dass die Gitarristen zwar individuell erkennbar sind; der perfekte E-Gitarren-Sound, aber in den allermeisten Fällen wenig effektüberfrachtet ist, was wiederum mit den technischen Möglichkeiten und dem menschlichen Ohr gleichermaßen zusammenhängt. Und an dieser Stelle nochmals der Hinweis, dass der Hauptunterschied schlechthin die Spieltechnik im musikalischen Kontext ist.

Alles vorhanden, aber es kostet Zeit

Die Basics von Raumeffekten bis zu Zerrpedalen wirst du längst vor deinen Füßen haben. Vermutlich auch einiges darüber hinaus. Nun kannst du nichts anderes machen, als dich einer selbstauferlegten Fleißaufgabe  zu widmen.  Verabschiede dich schon mal von Familie und Freunden; man sieht sich in ein paar Wochen. Du nimmst dir die Tracks – bei vernünftiger und realistischer Lautstärke – lässt sich durchlaufen und spielst dazu.

Dabei du an den üblichen Parametern wie Gain, Distortion, Hall etc., während du lediglich eine Passage des Tracks in Endlosschleife laufen lässt. Ist der Hallraum zu breit, korrigierst du das beim nächsten Schritt, klingt die Gitarre zu brachial, änderst du auch das. Nach diesem Prinzip bearbeitest du sämtliche Parameter auf deinem Effektboard, selbstverständlich auch an deinem Verstärker.

Durch Endlosschleifen schreit das Gehör schnell nach Pause

Schritt für Schritt wird der perfekte E-Gitarren-Sound sich entwickeln. Mach dabei immer wieder Hörpausen. Das menschliche Gehör winkt schneller mit der weißen Fahne als  man glaubt. Und ganz wichtig: Speichern, Speichern, Speichern! Außerdem Soundeinstellungen etwa am Amp fotografieren. Damit legst du dir nun deine eigene Soundbibliothek an. Es wäre schlichtweg doof, wenn die ganz Arbeit nur deshalb nutzlos war, weil sie nicht gespeichert wurde.

Und wie entwickelst du deinen ureigenen Sound?

Aufpassen musst du darauf, dass du dich nicht selbst zum Zufallsprodukt machst. Der perfekte E-Gitarren-Sound sollte als Vorstellung in dir vorhanden sein. Wirklich so deutlich, bis du der einzige bist, der beurteilen kann, wohin die Reise führt. Gibt es keinen Grund zu kopieren, steht dir letztlich alles offen.

Stillstand weder möglich noch nötig

Klar, vieles davon wird sich im Laufe der Monate und Jahre entwickeln. Bewiesen wird dieses Statement allein schon dadurch, dass die prägnanten Sounds im Laufe der Jahrzehnte immer wieder verändert haben. Die technischen Möglichkeiten steigerten sich ins Unfassbare, leider häufig auch zu Digitale; die Hörgewohnheiten und Hörerwartungen der Allgemeinheit haben sich maßgeblich verändert.

Mach deinen Sound zum Spiegelbild deiner Persönlichkeit

Insofern kann man einfach nur sagen: Stehe zu dir selbst, sei gerne mutig und unangepasst. Einer der ersten Zauberer an der Gitarre schlechthin war Jimi Hendrix. Und der hat sich nun wirklich nichts Vorgegebenem unterworfen. Er wurde legendär. Auf deinem Weg dahin wünschen wir die allen Erfolg dieser Welt.

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Beim Pedalboard solltest du unbedingt auf einen Umschalter achten. Die Gründe erklären wir die in unserem Artikel zum Thema „Switcher für Pedalboard erleichtern das Leben ungemein“.

Keine Kommentare zu “Der perfekte E-Gitarren-Sound: Zwischen Wunschwelt und Realität”
  1. Roland Engels (Ronny Guittar)

    Mir ist aufgefallen, daß ich mit jeder E-Gitarre an jedem Amp spielen kann und man erkennt sofort: das bin ich. Ob mit oder ohne Efffekte, es klingt immer irgendwie nach mir. Auch wenn der Klang hier und da unterschiedlich ausfällt, im Grundklang habe ich meine persönliche Note gefunden. Das hat viele Jahre, viele verschiedene Gitarren und noch mehr Amps gebraucht, aber am Klang und Spielstil ändere ich seit 3 Jahren nichts mehr. Das gibt mir Freiraum für andere Kreativität, z.B. Songwriting.

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