Weitaus mehr als Standard

Open Tuning auf der Gitarre: Spezieller Klangcharakter ganz nach Wunsch

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Okay, du hast die Gitarre zu stimmen gelernt. Standard-Tuning, eigentlich hast du dir kaum Gedanken über Grund und Zweck der jeweiligen Töne, über Sinn oder Unsinn der Aufteilung gemacht. Es ist nun mal so; schließlich scheint das die einzige Möglichkeit zu sein, die Finger bei Akkorden an der richtigen Stelle zu platzieren. Tatsächlich ist die Standardstimmung ein Kompromiss. Und wenn man Kompromisse eingeht, heißt das zwangsläufig, dass es auch andere Möglichkeiten geben muss. Die gibt es durchaus: Durch Open Tuning erweiterst du deine kreativen Möglichkeiten:

Check it: Open Tuning auf der Gitarre

  • Vom Standard zum Besonderen
  • Die häufigsten Open Tunings
  • Praktische Sonderkandidaten
  • Bauseitige Gründe für ausgeglichene Stimmung

Open Tuning als kreatives Pendant zur Standardstimmung

Die Gitarre ist hauptsächlich in Quarten gestimmt, bei der H-Saite allerdings nicht mehr. Vom reinen Quarten-Paradigma ist man hier ganz bewusst abgewichen. Der Grund dafür ist, dass sich bei diesen gewählten Tonabständen – Intervallen – die Akkorde besser greifen lassen als bei einer bürokratisch stringent durchgezogenen Quarten-Stimmung. Egal, welche Entscheidung man im Leben trifft, einer ist immer benachteiligt. In diesem Fall das Melodie- und Solospiel. Dem nämlich käme eine einheitliche Aufteilung der Intervalle sogar entgegen. Klar wird hier vor allem eines: Spieltechnisch gesehen ist das Standard-Tuning ein Kompromiss, gewissermaßen der bestmöglich gemeinsame Nenner.

Tatsächlich kannst du deine Gitarre stimmen, wie es dir – und hoffentlich auch noch deinen Zuhörern – gefällt. Abweichende Stimmungen sind etwa bei Fingerstyle-Gitarristen, auch bei Country, Blues oder Metal keine Seltenheit. Einige der Open-Tunings erweisen sich dabei als besonders funktional und werden von manchen Akustik- als auch E-Gitarristen geradezu exzessiv genutzt. Klar ist, wenn du mit solchen offenen Stimmungen spielst, müssen deine Finger umdenken. Ausprobieren lohnt sich allemal; aus Gründen des komfortablen Spielgefühls und weil deine Gitarre dadurch konkret anders klingen kann. Schauen wir, welche Tunings das sein könnten.

Deine Gitarre kann lachen oder weinen, je nach Stimmung
Deine Gitarre kann lachen oder weinen, je nach Stimmung Foto: Shutterstock von FelinaArt

Open G Tuning

Wie deutlich sich das auf den Grundsound auswirken kann, wird dir beim Open G Tuning – der offenen G-Stimmung – bereits auffallen. Gestimmt werden die Saiten dabei auf D – G – D – G – H – D. Resultat ist, dass du bei nicht gegriffenen, frei schwingenden Saiten einen G-Dur-Akkord hast. Selbst wenn du nun weitere Dur-Akkorde greifen willst, brauchst du dafür lediglich einen Finger als Barré-Finger über die Bünder verschieben. Besonders praktisch, zumal du die restlichen Finger für sonstige Kapriolen frei hast. Nicht zu vergessen, der spezielle Sound, der sich daraus entwickelt.

Der vermutlich prominenteste Vertreter des Open Tuning in G ist Keith Richards. Der Gitarrist der Rolling Stones treibt dieses Open Tuning sogar noch auf die Spitze, in dem er die tiefste Saite einfach weglässt. Er braucht sie nicht, wofür auch. Seine tiefste Saite ist damit ein G und somit der Grundton des Akkords. Sämtliche  Hits der rockigsten Seniorenband aller Zeiten sind mit der Gitarre im Open G Tuning entstanden. Wenn du authentisch wie der gute alte Keith klingen willst, ist das nur mit dieser Stimmung möglich. Alles andere bliebe ein Kompromiss, mit dem man dem Ergebnis allenfalls nahekommen könnte.

Das typisch rotzige Tuning, auf das Keith Richard setzt
Das typisch rotzige Tuning, auf das Keith Richard setzt Foto: Shutterstock von Prapraiphong Suwan

Open D Tuning

Der Anspruch der meisten Open Tunings ist es, einen kompletten Akkord auf einem Bund ober komplett offen zu spielen. So auch beim Open Tuning in D. Die Saiten werden hierbei auf D – A – D – F# – A – D gestimmt. Bis auf die normale A- und die D-Saite, werden also alle anderen runtergestimmt. Das Ergebnis ist bei frei schwingenden Saiten ein D-Dur-Akkord. Besonders gern wird dieses Open Tuning von Bottleneck-Spielern genutzt. Aus mindestens zwei Gründen gleichzeitig.

Dass die Saiten für dieses Open Tuning tiefer gestimmt werden, verringert zugleich die Saitenspannung, was sich zunächst im Sound mit typischem Blues-Charakter bemerkbar macht, auch zuweilen für das eine oder andere gewollte Schnarren sorgen kann. Zugleich bietet es dir beim Bottleneck-Einsatz einen maßgeblichen Vorteil: Der Grundton liegt im Bass, direkt auf der nächsten Saite liegt die Quinte. Ideal kannst du damit in den Akkord hineinrutschen, ohne die teils etwas schlagerhaft klingende Terz im Bass zu bemühen.

Open D wird gerne von Bottle-Neck-Spielern genutzt
Open D wird gerne von Bottle-Neck-Spielern genutzt Foto: Shutterstock von Leeloona

Open E Tuning

Ganz anders beim Open E Tuning, hier werden die Saiten nicht runter, sondern höher gestimmt. Die Töne sind E – H – E – G# – H – E, woraus sich durch das Up-Tuning der A-, D- und G-Saite der E-Dur-Dreiklang ergibt. Durch die etwas straffer gespannten Saiten ergibt sich auch ein leicht knackiger Klangcharakter. Vorteil auch hier, dass grundsätzlich ein kompletter Akkord über alle sechs Saiten hinweg entsteht. Ein Tuning, das allerdings in der Praxis eher seltener genutzt wird. Die Gründe dafür sind die beiden hauptsächlichen Ansätze für das Open Tuning:

Einerseits entspricht unseren gegenwärtigen Klangvorstellungen eher das Down-Tuning durch den wärmeren Sound. Auf der anderen Saite versucht man durch Open Tuning den Tonumfang der Gitarre zu erweitern. Beides ist beim Open E Tuning nicht der Fall. Auf der positiven Kehrseite der Medaille steht allerdings, dass E-Dur und A-Dur die typischen Blues-Tonarten sind. Und deshalb kann ein Open Tuning in E-Dur wiederum sinnvoll sein.

Beim Open-E geht’s nicht runter, sondern rauf
Beim Open-E geht’s nicht runter, sondern rauf Foto: Shutterstock von Prapraiphong Suwan

Dropped D

Insbesondere die Gitarristen-Fraktion der härteren Gangart von Hardrock bis Metal und Co. setzt auf das Dropped D Tuning. Eigentlich kein wirkliches Open Tuning, zumal hier kein freischwingend kein kompletter Akkorddreiklang entsteht. Weil es aber noch immer derart prominent ist, wollen es hier auch in den Mittelpunkt rücken. Umgestimmt wird dabei üblicherweise ausschließlich die tiefe E-Saite, für das Dropped D um einen Ganzton.

Der Effekt ist, dass du den Tonumfang im Bassbereich erweiterst. Die Gitarre klingt gerade bei Powerchords fetter und mächtiger. Auch kann du Powerchords über drei Saiten mit einem einzigen Finger spielen. An den höheren Saiten und somit Tönen ändert sich nichts. Bei deinen Flitzefinger-Soli brauchst du dich also nicht umzugewöhnen.

Mit dem tiefen D zu spielen, macht richtig Spaß; allerdings wollen wir die dabei entstehende Problematik zumindest kurz erwähnen: Dass die Gitarre in ihrem Tonumfang gerade im Bassbereich eingeschränkt ist, hat im Bandzusammenhang einen konkreten Sinn. Die Frequenzen von E-Bass und E-Gitarre sind aufgeteilt. Aufgrund dieser unterschiedlichen Frequenzbänder sind die Instrumente eigenständig durchsetzungsfähig.

Wird nun die Gitarre nun zu tief gestimmt, grenzt sie sich nicht mehr so markant ab und könnte verschwimmen und im Gesamtklang untergehen. Tontechniker wissen ein leidvolles Lied davon zu singen. In der Tiefe übertreiben – etwa runter bis zum C sollten Gitarristen aus diesem Grund nicht. Selbst wenn’s ohne die restliche Band affengeil klingt.

DADGAD – Open Tuning

Nicht selten wird diese Stimmung mit einem jovialen Lächeln als das Volksmusik-Tuning bezeichnet. Das ist es beileibe nicht. In der deutschsprachigen Volksmusik wird es sogar höchst selten genutzt. Stattdessen aber bevorzugt im Folkbereich, so etwa in der keltischen Musik, wo es zuweilen schon als Standard betrachtet wird.

Zunächst zur Definition: Bei der Stimmung in D – A – D – G – A – D handelt es sich im Grunde genommen nicht um ein klassisches Open Tuning. Es entsteht kein Dur- oder Molldreiklang. Neudeutsch ausgedrückt ist dieses Tuning „ergebnisoffen“. Durch den Verzicht auf die Terz kannst du demnach in Dur und Moll spielen, was die anderen genannten Stimmungen nicht hergeben, zumindest nicht auf so simple Art.

Andere Stimmungen jederzeit möglich und machbar

Tatsächlich kannst du deine Gitarre auch vollkommen anders stimmen. Welches Open Tuning du für dich entwickelst, ist ausschließlich deinem Geschmack überlassen. So sind Stimmungen etwa in E-Moll unkompliziert möglich. Und es gibt auch höchst abstruse Stimmungen, die Gitarristen für einen Song entwickeln. Sie brauchen einen speziellen freischwingenden Ton? Und schon drehen sie fröhlich an den Stimmwirbeln. Manche Fingerstyle-Gitarristen stimmen sogar bei jedem Song um.

Soweit muss es nicht gehen. Auf alle Fälle erreichst du durch das Open Tuning einen außergewöhnlichen Klang. Ein guter Ansatz kann es sein, wenn du dich mit der Stimmung an der Stimmlage von Sängerin, Sänger bzw. deiner eigenen orientierst. Experimentieren lohnt sich.

Physikalische Gründe für mechanisch ausgewogene Standardstimmung

Üblicherweise bestehen Korpus, Hals und Kopf einer Gitarre aus Holz. Ein Werkstoff direkt aus der Natur, der sich erdreistet, besondere Anforderungen zu stellen und sich zuweilen auch als Sensibelchen erweist. Selbstverständlich kann sich das Holz der Gitarre verziehen, sei das aufgrund von Feuchtigkeit oder Heizungsluft, erst recht aber durch den Zug der Saiten. Bei sechs Saiten sind das je nach Saitensatz immerhin so um die 50 kg,  die dauerhaft an deinem Instrument zerren.

Wie bei allen Saiteninstrumenten muss der Saitenzug demnach möglichst ausgewogen sein. Ein komplexes Thema, für das es etliche Berechnungsformeln gibt, die Rede ist dabei von der sogenannten Saitenphysik. So hat beispielsweise ein 011er-Saitensatz einen fast eineinhalbfach höheren Saitenzug als ein 09er-Satz. Dieses Thema wollen wir an dieser Stelle nicht zu sehr vertiefen. Klar werden sollte dir aber, dass auch die Stimmung sich auf den Zug der Saiten maßgeblich auswirkt. Und auch in dieser Hinsicht hat man sich im Laufe der Jahrzehnte und Jahrhunderte auf die Standard-Stimmung E-A-D-G-H-e festgelegt.

Sofern du bei deinem Open Tuning nicht übertreibst und dich im Bereich von ein bis zwei Halbtönen pro Saite bewegst, sollte das allerdings machbar sein, ohne am Instrument selbst Änderungen vornehmen zu müssen. Also dann, viel Spaß beim fröhlichen Tunen. Hauptsache deine eigene Stimmung bleibt intakt.

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Auch interessant: „Bottleneck: Slide-Gitarre spielen für Einsteiger und Runaways“.

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