Unsinnige Ressentiments gegenüber der Harmonika

9 Fehleinschätzungen über das Akkordeon im Faktencheck

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Nicht selten sind Akkordeonisten Zielscheibe von Frotzeleien und vermeintlichen Frotzeleien. Möglicherweise zusammen hängt das mit der Tatsache, dass dieses Instrument in den aktuell prominenten Musikgenres, auch in der rockigen Abteilung eher selten vorkommt. Und so wird das Akkordeon mit volkstümlicher Einfachheit verbunden. Ein krasses und ganz sicher unberechtigtes Vorurteil. Wir räumen auf:

Check it: Fehleinschätzungen über das Akkordeon

  • Akkordeon braucht man nur für Volksmusik
  • Unterschiede durch Sprachkulturen
  • Vor- und Nachteile des Absolut-Hörens
  • Zwischen musikalischem Talent und Tonbestimmung

Fehleinschätzungen über das Akkordeon – zwischen Unfug und Realität

Traum jeder Schwiegermutter, Albtraum jedes Musikschülers: Vermutlich gibt es nur wenige Instrumente, die derart mit Klischees behaftet sind wie das Akkordeon. Die Fangemeinde und aktiv auf diesem Instrument Musizierenden treffen immer wieder auf missbilligende Äußerungen. Meistens kommen die schwierigen Statements von Nichtmusikern. Aber auch von Musikern, die sich bislang noch nicht mit den vielfältigen Möglichkeiten und dem Sound des Akkordeons befasst haben. Immer wieder hört man Aussagen wie:

1. Akkordeon braucht man nur für Volksmusik und die ist minderwertig

Etliche Virtuose auf dem Akkorden beweisen, dass dieses Vorurteil vollkommen aus der Luft gegriffen ist. Die Großmeisterin des Akkordeons, die Französin Lydie Auvray bedient sich musikalisch einer immensen Bandbreite. In ihrem Repertoire hat sie französische Musette-Walzer, argentinischen Tango und vieles mehr. Darunter auch Coverversionen etwa von Led Zeppelin mit „Stairway to Heaven“. Zahlreiche weitere Hochkaräter wie Richard Galliano, Art van Damme, Stefan Hussong, Mogens Ellegaard, Dino Saluzzi, Slavko Avsenik, die dieses Vorurteil mühelos entkräften.

Außerdem: Volksmusik  und Shantys können einfach gestrickt sein, durchaus. Selbstverständlich gibt es Volkslieder, die von nahezu jedem gesungen oder auf einem Instrument eingeübt werden können. Dadurch darf aber keineswegs der hochnäsige Eindruck entstehen, Volksmusik sei grundsätzlich simpel. Wenn beispielsweise die Akkordeonisten auf der Steirischen ihre Oberkrainer-Salven abfeuern, ist das einfach nur bewundernswert bis artistisch. Das will sagen: Der Schwierigkeitsgrad eines Stückes hat nicht das Geringste mit dem Genre zu tun. Auch ehemals fürs Volk geschriebene Lieder können überaus komplex interpretiert werden.

Ganz sicher nicht nur für simple Volksmusik
Ganz sicher nicht nur für simple Volksmusik Foto: Shutterstock von Halfpoint

2. Es gibt keine klassischen Musikstücke für Akkordeon

Der Akkordeonist Martynas Levickis spielt auf seinem Instrument Beethoven, Bach und auch Cover-Versionen von Kate Perry oder Lady Gaga. Richtig ist, dass Beethoven und Co. nicht für Akkordeon komponieren konnten, zumal es das Instrument damals noch nicht gab. Mit Bravour liefern Akkordeonisten wie Martynas deshalb ihre ganz eigenen Interpretationen ab. In der neueren Klassik finden sich etliche Kompositionen für Akkordeon. Martynas Levickis ist sich sicher: Hätte Komponisten wie  Johann Sebastian Bach & Co. die Erfindung des Instrumentes 1819 erlebt, hätten sie für das Akkordeon komponiert.

3. Auf dem Akkordeon kann man nicht abrocken

Und auch dieser Fehlglaube existiert, ist allerdings von etlichen Musikern und Bands förmlich aus der Welt gepustet worden. Bestes Beispiel ist die bereits 1981 gegründete Band „The Pogues“, Begründer und zugleich die populärste Band des Folk-Punk der 1980er Jahre. Viele aktuell angesagte und – in Corona-freien Zeiten – tourende Bands wie die Hamburger Kultband „Irish Bastards“ beziehen sich noch heute auf die kraftvoll treibende Musik der Pogues. Schweißtreibende Konzerte, bis der Arzt kommt. Die Petersburger Frauenband Iva Nova zelebriert den Crossover aus Rock, Punk und slawischer Folklore. Das Akkordeon immer mit on Stage. Und wenn das nicht rockt, dann weiß ich auch nicht mehr.

Das Ding kann richtig abgehen
Das Ding kann richtig abgehen Foto: Shutterstock von RazoomGame

4. Die Quetsche ist die ganz kleine Schwester der Orgel

Nun ja, nicht wirklich. Bei einer tonstarren Orgel wie der Sakralorgel ist es immens schwierig dynamisch und leidenschaftlich zu spielen. Die großen Instrumente sind beeindruckend, aber vergleichsweise tonal starr. Das Akkordeon bietet demgegenüber ein sehr viel breiteres Ausdruckspektrum. Die nuancierten Möglichkeiten, die den Akkordeonisten insbesondere über den Balg, Diskant und Bass zur Verfügung stehen, sind per se schon mal dreidimensional. Mit Leidenschaft und Enthusiasmus gespielt, gehört das Akkordeon eindeutig zu den ausdrucksstarken Instrumenten.

5. Akkordeon klingt furchtbar – das Tremolo macht einen wahnsinnig

Blanker Unfug. Natürlich ist es Geschmackssache, ob einem der Klang eines Instrumentes gefällt oder sich allzu schnell die Fußnägel hochbiegen. Das hat allerdings in den meisten Fällen nichts mit dem Akkordeon zu tun. Vielmehr geht es darum, was man mit dem Instrument macht. Sicherlich gehört das Tremolo zu den grundlegenden Features und somit auch klanglichen Facetten des Akkordeons.

Kein Mensch allerdings hat je verlangt, dass man er permanent einsetzt. Auch das also lediglich eine Frage des Ausdrucks und der individuellen Spieltechnik. Kein wirklich versierter Akkordeon-Spieler wird das Instrument unaufhörlich tremolieren lassen.

Nicht wirklich vergleichbar, das Akkordeon ist dynamischer
Nicht wirklich vergleichbar, das Akkordeon ist dynamischer Foto: Shutterstock von Blazej Lyjak

6. Die Akkordeon-Sounds sind begrenzt

Eine weitere Fehleinschätzung. Und das aus mindestens dreierlei Gründen. Bei Naturinstrumenten ist es vollkommen normal, dass die Sound-Vielfalt eingeschränkt ist. Kein Mensch würde auf den Gedanken kommen, einer Geige vorzuwerfen, dass sie klingt, wie sie klingt. Niemand käme auf die Idee abschätzend auf einen Konzertflügel zu blicken, weil er nicht wie eine Trompete klingt.

Dabei bietet das Akkordeon durch variable Spielweise etliche Möglichkeiten den Klang zu verändern, auch die Zuschaltbarkeit von Chören und Registern oder den speziellen Einsatz des Balgs. In dieser Hinsicht hat sie im Vergleich mit vielen gerade monophonen Instrumenten die Nase weit vorn. Und längst keine Neuigkeit sind die beispielsweise die V-Akkordeon von Roland. Bei diesen elektrifizierten Akkordeons stehen MIDI-Schnittstellen, Expander und Co. ebenso viele Soundmöglichkeiten wie bei hochkomplexen Keyboards zur Verfügung. Wer also die abgefahrene Soundsuppe kochen möchte, kann das durchaus.

7. Das Akkordeon ist bei Musikern unbeliebt

Bitte nein, solche Statements sind glücklicherweise absolut aus der Luft gegriffen. Nicht nur deutschlandweit gibt es außergewöhnlich viele Akkordeonspieler, angefangen bei den Musikschülern über die Akkordeonorchester bis hin zu den Profi-Akkordeonisten solo oder in Bands. Vielmehr darf Deutschland sogar als eine Akkordeon-Hochburg bezeichnet werden.

Immerhin befinden sich in Trossingen – dem Stammsitz von Hohner –  und Karlsruhe arrivierte Musikhochschulen, an denen speziell Akkordeon studiert wird. Würde das Vorurteil stimmen, wäre die Situation ganz sicher eine andere. Nur weil ein Instrument nicht zu den Top 3 der beliebtesten Instrumente gehört wie die Gitarre, ist es nicht automatisch unbeliebt.

8. Das Akkordeon ist nur im Süden und Norden verbreitet

Sicherlich gibt es regionale Unterschiede. In der Alpenregion ist das Akkorden sehr verbreitet, auch in den benachbarten Staaten wie Österreich oder der Schweiz, was mit der dort traditionellen Volksmusik zu tun hat.´Auch an der Küste hat das Akkordeon sich einen recht speziellen Platz erobert. Gerade bei Shantys und Seemannsliedern gehört die Quetsche als typisches Instrument – als Schifferklavier – dazu.

Im windigen Norden ist die lautstarke Durchsetzungsfähigkeit des Akkordeons unbedingt sinnvoll. Vielleicht geht’s auch ein wenig um das seemännische Image. Keineswegs bedeutet das jedoch, dass es in anderen Regionen nicht verbreitet ist. In den vergangenen Jahrzehnten haben die Keyboards dem Akkordeon in den Musikschulen ein wenig den Rang abgelaufen. Doch das Akkordeon erlebt aktuell bundesweit eine Renaissance.

Nicht nur im Küstenwind ist das Akkordeon verbreitet
Nicht nur im Küstenwind ist das Akkordeon verbreitet Foto: Pixabay von LoboStudioHamburg

9. Das Akkordeon ist teuer

Ein vernünftiges Akkordeon hat seinen Preis, das ist eine unbestrittene Tatsache. Allerdings gilt das, von wenigen Ausnahmen abgesehen, für sämtliche anderen Instrumente auch. Kein Musikschüler hat etwas davon, auf einem minderwertigen Instrument zu lernen. Und Qualität gibt’s es nun mal nicht zum Nulltarif. Dabei muss man sich nicht von Anfang an in schwindelerregende Preiskategorien begeben. Aber wer am falschen Ende spart, wird letztlich erleben, dass die Musikschüler die Lust am Instrument und möglicherweise am Musizieren dauerhaft verlieren.

Verbleibt auch die Frage nach dem Referenzinstrument. Vergleicht man das Akkordeon mit einer Gitarre, kommt es zugegebenermaßen schlecht weg. Nehmen wir aber beispielsweise das Klavier, die Harfe, hochwertige Blasinstrumente wie die Tuba oder das komplette Drum-Set, erscheint das Akkordeon nicht teuer, bewegt sich preislich stattdessen auf gleichem Niveau und teils weit darunter. Die Preisrange ist immens. Und auch für in Sachen Budget noch vorsichtige Einsteiger werden passende Modelle angeboten.

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Bist nun auch du auf den Geschmack gekommen und möchtest die Vielseitigkeit dieses Instrumentes entdecken, könnte dich dieser Artikel interessieren: „Akkordeon lernen: Von simpel bis hochgradig anspruchsvoll alles möglich“.

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