Piano Pilates gegen die Reizüberflutung

Jana Kinback verbindet Sport mit klassischem Klavierspiel

Am Flügel üben oder Pilates – beides ist für Jana Kinback zuhause gleich reizvoll | Foto: Jana Kinback

Wo immer Jana Kinback einen Flügel entdeckt, kribbelt es ihr in den Fingerspitzen, weil sie sich sofort an die Tasten setzen will. Denn die 46-jährige Diplom-Fitnessökonomin, Sportwissenschaftlerin und anerkannte Präventionstrainerin durfte erst spät in ihrem Leben das Instrument erlernen, das sie von Kindheit an magisch anzog: Das Klavier. Sie war bereits knapp 30 Jahre alt, als sie begann, autodidaktisch zu üben.

Erst später nahm sie professionellen Klavier-Unterricht bei der Pianistin Tatjana Borisova, die am Sankt Peterburger Konservatorium studiert hat. Aber es war noch ein langer Weg, bis sie daraus ihre Live-Musik-Pilates-Trainings entwickelte.

Pilates-Kurse mit eingespielter Klaviermusik

Vorwiegend bietet sie heute im Online-Livestream Kurse an, die mit vorab von ihr eingespielter Piano-Musik untermalt werden, gibt aber auch drei- bis viermal im Jahr mehrtägige Retreats, in denen man sie nach dem Pilates-Training am Flügel erleben kann.

Unterstützung erhält sie dabei von ihrer 13-jährigen Tochter Karla, die in die Fußstapfen ihrer Mutter zu treten scheint und das Berufsziel Pianistin ausgegeben hat. So sind die beiden im zwölfminütigen Pilates-Ganzkörpertraining „Wertvolle Familienzeit“ auf der Plattform YouTube zu erleben, bei der Karla bereits vor drei Jahren als damals Zehnjährige auf der Matte alle Übungen mitvollzieht und im Hintergrund der von ihr eingespielte Klassiker Eric Saties „Gymnopédie Nr.1“ erklingt. Mutter Jana wiederum hat die spätere Einspielung des langsamen Satzes von Beethovens Klaviersonate Nr.14, der „Mondscheinsonate“, zu verantworten.

Tochter Karla (vorne) möchte Pianistin werden. | Foto: Jana Kinback

Piano und Pilates: Wie ist sie auf diese ungewöhnliche Idee gekommen? „Heute ist der Alltag vieler Menschen vor allem geprägt von Dauerstress, Hektik und permanenter Reizüberflutung“, findet Kinback. „Dieser Druck verändert den Körper. Selbst wenn wir Sport machen, bleibt unser Nervensystem teilweise noch im Alarmzustand.“ Dabei beeinflusse ein überlastetes Nervensystem auch die Qualität der Bewegungen. Die Folge? „Wir atmen flacher, haben eine verspannte Muskulatur, sind schneller erschöpft und haben Probleme uns zu konzentrieren. Auch unser Körpergefühl insgesamt kann zunehmend lückenhaft sein.“

Musik, Atmung und Bewegung

In Zeiten, in denen die Musik zu den Workouts immer lauter und knalliger zu werden droht, plädiert sie für das Gegenteil: Konsequente Entschleunigung. „Die Kombination aus klassischer Musik, bewusster Atmung und kontrollierter Bewegung ermöglicht dem Körper aus dieser unguten, permanenten Aktivierung herausfinden. Das Ziel von Piano Pilates ist also nicht Erschöpfung, sondern Regulation.“ Ihre bevorzugte Zielgruppe sind dabei Frauen ab 40 Jahren.

Die Medizin gibt ihr Recht. Dass klassische Musik einen positiven Einfluss auf den Körper haben kann, ist wissenschaftlich fundiert belegt. Diverse Studien zeigen, dass beispielweise Bach, Chopin, Händel, Beethoven und Mozart die Konzentration fördern, Depressionen heilen und den Blutdruck senken können.

Mit ihrem Konzept schert Kinback allerdings aus der klassischen Pilates-Position aus, wie sie selbst thematisiert. „Ich bin eine wirklich große Liebhaberin klassischer Musik. Leider spielt beim traditionellen Pilates Musik normalerweise überhaupt keine Rolle. Alles, was die Lehre zulässt, ist maximal eine Art Meeresrauschen als Entspannung. Der Grund ist: Pilates will, dass man sich maximal auf die Körperarbeit konzentriert. Ich habe aber für mich festgestellt, dass diese Forderung vorne und hinten so nicht stimmig ist.“

Statt Klavier zunächst Klarinette gelernt

Erst vor einigen Jahren hat sie mit zwei Kollegen eine staatlich anerkannte Akademie für die Ausbildung von Präventionstrainern gegründet. Das sind zwei wichtige Fernstudiengänge, die man belegen muss, um als Trainer von den Krankenkassen anerkannt zu werden. In diesem Zusammenhang bildet sie auch Trainer im Pilates-Flow aus. Pilates-Lehrerin ist sie bereits sei 2010, als sie beim deutschen Turnerbund in Frankfurt am Main ihren Abschluss machte. 2020 ist sie dann selbst Ausbilderin zum Präventionstrainer geworden, in dem der Pilates-Teil einen kleinen Teil ausmacht.

Beim Einstudieren der Livestreams | Foto: Jana Kinback

Ein Blick in Jana Kinbacks Lebensweg weist sie als zielstrebige, resiliente und eigenwillige Persönlichkeit aus. Sie erinnert sich: Bereits ab sechs Jahren habe sie eine umfassende musikalische Ausbildung absolviert. „Ursprünglich stamme ich aus der kleinen Stadt Cadca in der nordwestlichen Slowakei, im Gebiet zwischen Slowakei, Tschechien und Polen. Das erklärte Ziel meiner Eltern und Großeltern war, mich auf das Konservatorium zu schicken. Das wollte ich aber damals nicht, weil ich nicht das Instrument meiner Wahl spielen durfte. Statt Klavier habe ich zehn Jahre lang Klarinette geübt.“ Schließlich habe ihr Großvater selbst eine ganze Reihe von Blasinstrumenten gespielt.

„Aus finanziellen Gründen wurde die Klarinette für mich gekauft, ohne mich wählen zu lassen. Ich habe darauf täglich bis zu zwei Stunden üben müssen und bin dreimal die Woche zum Intensiv-Einzel-Unterricht gegangen. Jedes Mal, wenn meine Klarinetten-Lehrerin – aus welchen Gründen auch immer – das Zimmer verlassen hat, habe ich mich ans Klavier gesetzt, das auch in diesem Raum stand, weil ich es viel lieber gespielt hätte als die Klarinette. Um mich aber als Pianistin ausbilden zu lassen, fehlte es in unserer Familie schlicht an Geld.“

Studium der Sportwissenschaft und Fitnessökonomie

Um nicht aufs Konservatorium gehen zu müssen, sei sie dann mit 18 Jahren als Au-Pair nach Deutschland „geflüchtet“.

Da Kinback auch Schwimmen, Gymnastik und Aerobic in ihrer Jugend faszinierend fand, studierte sie in Mainz Sportwissenschaft im Diplomstudiengang und setzte später in Saarbrücken Fitnessökonomie drauf. „Und mehr oder minder gleichzeitig habe ich noch vier Kinder bekommen. Noch bevor ich mein Sportdiplom geschrieben habe, war der erste auf der Welt.“ Als sie 28 Jahre alt wurde, „ist mir ein Zufall zu Hilfe gekommen, um meinen Traum vom Klavierspielen doch noch zu leben. Wir hatten ein Familienmitglied, das uns bat, wegen eines Umzugs sein Klavier aufzubewahren. Zuerst habe ich allein geübt, dann wurde ich Schülerin von Tatjana Borisova. Sie ist auch die aktuelle Lehrerin meiner Tochter Karla, die pianistisch äußerst begabt ist.“

Die Idee, eine ganz eigene Melange aus Piano und Pilates anzubieten, kam ihr erst in der Coronazeit. „Ich leitete damals zwei Sportstudios, eins in Alzey und eins in Worms, durfte aber aufgrund der Gesundheitsbestimmungen nicht weiter öffnen und konnte daher auch nicht weiter unterrichten. Ich habe dann auf Online-Kurse umgestellt und musste viel improvisieren.“

Bei einigen Kursen spielt die Pilates-Trainerin live am Klavier

Wie schafft sie es genau, gleichzeitig als Trainerin auf der Matte zu stehen und live Klassik zu spielen? Das meiste, gibt sie zu, spiele sie vorab ein. Schließlich ist sie keine examinierte Pianistin, sondern eine begabte und engagierte Autodidaktin: „Ich spiele die Stücke wahlweise auf meinem August Förster-Flügel oder auf meinen E-Piano ein, je nach Plattform, auf der ich die Streaming-Videos veröffentliche.“ Bei YouTube ist das Piano im Hintergrund nur extrem leise wahrzunehmen. Absicht? „Ja“, nickt sie, „das ist von mir extra so eingestellt. Viele Menschen schauen meine Videos, die auf dieser Plattform kostenlos sind, wahrscheinlich nur am Handy. Nach meinen ersten Videos erhielt ich sogar die Rückmeldung, dass meine Musikeinspielung so laut eingestellt sei, dass man meine Anweisungen nicht mehr verstehen könne.“

Mit Tochter Karla bei einer Piano-Pilates-Pause | Foto: Jana Kinback

Anders sei das, wenn man ihre kostenpflichtigen Kurse buche, die von der Krankenkasse bezuschusst werden. „Das ist eine geschlossene Plattform, bei der man die Dynamik viel genauer einstellen kann. Dort ist die Klaviermusik auch gleichwertiger zu erleben.“

Am meisten aber, das ist deutlich zu spüren, freut sie sich auf die kommenden Live-Retreats in Frankreich und Deutschland. „Dann spielt meine Tochter am Klavier – oder ich selbst – und dann erzähle ich noch etwas zu dem jeweiligen Klassikstück, zu dem wir gerade trainieren. Das kommt immer sehr gut an. Mich freut besonders, dass viele Teilnehmerinnen anschließend sagen: Jetzt kaufe ich mir eine CD dieses Werkes, ich habe richtig Lust auf klassische Musik bekommen. Denn bei meinem Piano-Pilates geht es ausschließlich um klassische Musik. Das ist bis jetzt einmalig im Gesundheitsbereich. Die mentalen Elemente sind mir wichtig: Ich möchte damit nicht nur den Körper entspannen, sondern auch den Geist. Das wird von der klassischen Musik wunderbar unterstützt.“

Die Beethoven-Klaviersonate Nr. 8, genannt „Pathétique“, ist zurzeit ihr Lieblingswerk, an dem sie bereits zwei Jahre lang übt. „Ich bin immer noch nicht zufrieden mit meiner Einspielung, weil diese Sonate wirklich äußerst anspruchsvoll ist – aber ich gebe nicht auf.“ Die unvollendete Fantasie von Mozart in d-Moll, KV 397, erst posthum veröffentlicht, liebt sie mindestens genauso. „Sie eignet sich deshalb hervorragend für meine Körperarbeit, weil darin langsame und schnelle musikalische Elemente abwechseln. Denn beim Ganzkörpertraining trainiere ich kleine und große Muskelgruppen. Manche muss man schnell, manche langsam bewegen.“

Beethovens „Mondscheinsonate“ wiederum erklingt bei ihrer entspannenden Abendroutine oder im Kräutergarten zur Morgeneinstimmung.

Beim Hören fällt auf, dass sie oft bewusst ein langsameres Tempo wählt als üblich. Was steckt dahinter? „Wenn ich ein vorab aufgenommenes Stück nutze, muss ich mich im Kursraum zwangsläufig dem Takt dieser ‚Konserven‘-Aufnahme anpassen. Wenn ich aber bei meinen Retreats live spiele, dann sind die Musikstücke natürlich bis zu einem gewissen Grad anpassungsfähig an die Bewegungen.“

Trotzdem bemüht sie sich, die Aufnahmen so weit wie möglich in originaler Form einzuspielen – angepasst an ihr gehobenes Laienlevel. „Anders als meine Tochter. Sie muss bei ihren Klavier-Wettbewerben, an denen sie regelmäßig teilnimmt, natürlich einwandfrei spielen.“

Jana Kinback verbindet Pilates mit klassischer Klaviermusik | Foto: Jana Kinback

Es war immer ihr großer Traum, eines Tages ins Nachbarland Frankreich zu ziehen. Den hat sie sich vor einem Monat tatsächlich erfüllt. Sie lebt jetzt mit ihrem Mann im kleinen Ort Besancon östlich von Dijon, nahe der Schweizerischen Grenze.

„Für diesen Traum habe ich mir über Jahre einen festen Online-Kundenstamm aufgebaut, denn ich unterrichte nach wie vor auf Deutsch, überwiegend im Livestream. Damit mich Menschen aber auch persönlich erleben können, nehme ich an unterschiedlichsten Conventions und Kongressen teil und gebe mehrmals im Jahr besagte Retreats in Deutschland und Frankreich.“ Aktuell freut sie sich auf vier Tage Mitte Oktober, für das sie das kleine Château de la Linotte gebucht hat, das sie mit ihrem Kurs in diesen Tagen ganz für sich hat. Neben Pilates sind dann auch ausgedehnte Spaziergänge und abendliche Salonkonzerte geplant.

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