Orchester? Band? Beides! Ensemble

Interview mit Elbtonal Percussion

Elbtonal Percussion feiern 25-jähriges Jubiläum | Foto: Fritz Meffert

Idealerweise mündet ein Studium des klassischen Schlagwerks in einer festen Beschäftigung in einem staatlichen Orchester. Dass das aber gar nicht unbedingt ihr Ziel war, merkten Jan-Frederick Behrend, Andrej Kauffmann, Stephan Krause und Sönke Schreiber schon vor ihrem Abschluss an der Musikhochschule in Hamburg und gründeten stattdessen Elbtonal.

Die Sicherheit einer Anstellung war damit zwar in weite Ferne gerückt, dafür gab es große kreative Freiheiten bei der Auswahl von Stücken und bei der Erstellung eigener Programme. Mit ihren unterschiedlichen musikalischen und instrumentalen Fähigkeiten erschufen sie einen ganz eigenen Sound, Genre-Grenzen akzeptieren sie nicht.

25 Jahre Elbtonal Percussion– ein Interview mit Jan-Frederick Behrend

Dass sie 25 Jahre später immer noch zusammen Musik machen, in ihrer Karriere mit eigenem Programm um die Welt reisen, bekannte Filme vertonen, für Stewart Copeland spielen und mit der deutschen Stimme von Robert De Niro auf der Bühne stehen, hätten sie sich damals sicherlich nicht träumen lassen. All das ist aber passiert und Grund genug für ein Jubiläums-Interview. Im Gespräch erzählt Jan-Frederick Behrend von Schaffensprozessen, die Suche nach passenden Klängen und Highlights der Band-Geschichte.

Hallo Jan! 25 Jahre Elbtonal Percussion. Erzähl doch mal ein bisschen.

Gegründet haben wir uns 1997 in Hamburg an der Musikhochschule, wo wir alle vier klassisches Schlagzeug studiert haben. In so einem Studium geht es grundsätzlich um die Ausbildung zum Orchestermusiker, dazu gehören dann auch die Bereiche Kammermusik, Neue Musik und Ensemblemusik. Das Besondere an der Hochschule war, dass perkussive Kammerkonzerte sehr gepflegt wurden, der zuständige Professor hat da viel Energie reingesteckt. Uns haben diese Konzerte auch großen Spaß gemacht, gleichzeitig war uns allen irgendwie klar, dass keiner so richtig Lust auf einen festen Job als klassischer Orchestermusiker hatte.

Nach einigen Auftritten im Rahmen der Hochschule haben wir uns dann entschieden, ein eigenes Ensemble zu gründen, unabhängig von unseren Dozenten. Wir haben dann schnell gemerkt, dass unsere Art der Auswahl von Komposition beim Publikum sehr gut ankommt, 1999 bekamen wir einen Plattenvertrag bei Arte Nova, einem Bertelsmann-Label. Den Kontakt haben wir durch den bekannten Kirchenmusiker Claus Bantzer bekommen, der uns gut fand und unterstützt hat.

Nach meinem Abschluss an der Hochschule hatten wir allerdings das Problem, dass wir keinen Zugriff mehr auf das Instrumentarium hatten, weil keiner von uns mehr Student gewesen ist. Das ist bei einem klassischen Schlagzeug-Ensemble natürlich schwierig, denn die Instrumente sind sehr teuer und es braucht Probe- und Lagerräumlichkeiten. Glücklicherweise wurde ein Förderer auf uns aufmerksam, der uns die Instrumente finanziert hat und dafür eine Zeit lang als Mitgesellschafter fungierte. Das hat wiederum dazu geführt, dass wir jetzt auch finanziell aneinander gebunden waren und das Projekt Elbtonal auf professionelle Füße stellen mussten.

Elbtonal Percussion – ein Ensemble wie eine Band

Elbtonal Percussion vor der Elbphilharmonie: Cover zum Album „Hamburg“ | Foto: Fritz Meffert

Wie würdest du Elbtonal beschreiben?

Ich glaube, das Besondere an Elbtonal ist, dass wir im Grunde wie eine Band funktionieren. Jeder von uns vieren hat spezielle musikalische Fähigkeiten, aber auch Produktion, Organisation, Medien und Booking teilen wir untereinander auf. Wir erneuern alle zwei bis drei Jahre unser Repertoire und versuchen gleichzeitig, uns so breit wie möglich aufzustellen. Da wir ja alle freiberuflich arbeiten, sind wir eben nicht an feste Vorgaben eines klassischen Orchesters gebunden und können uns kreativ viele Freiheiten lassen.

Uns ist auch das Ganzheitliche sehr wichtig. Dadurch, dass wir alleine für unsere Musik verantwortlich sind, denken wir alle auch mehr als Band und nicht so sehr wie ein festangestellter Musiker im Orchester. Im Laufe unseres Bestehens haben wir uns auch immer wieder mit den unterschiedlichsten musikalischen Herangehensweisen beschäftigt, wie beispielsweise Elektronik oder das Covern von Songs aus anderen Genres. Wir haben auch recht schnell gemerkt, wie sehr das Publikum – auch das traditionell klassische – das schätzt, weil es eben etwas Neues ist, was von der bekannten und oft interpretierten klassischen Literatur abweicht. Perkussive Klangquellen eignen sich auch einfach ganz hervorragend dafür, vielfältig eingesetzt zu werden. Gleichzeitig ist es sicherlich so, dass es technisch bessere Spezialisten an ihren Instrumenten gibt, das ist mir persönlich aber gar nicht wichtig. Es kommt bei Elbtonal auf die Umsetzung einer Gesamtidee an.

Ist Elbtonal euer Hauptprojekt?

Ja, Elbtonal ist für uns alle vier wie eine musikalische Visitenkarte und unsere künstlerische und finanzielle Basis. Allerdings machen wir auch alle noch weitere Sachen. Ich unterrichte zum Beispiel an der Hochschule in Rostock und spiele in weiteren Ensembles, Stephan spielt hier in Hamburg viel Theatermusik und unser Neuzugang, Francisco, ist Pauker im Alte-Musik-Ensemble AKAMUS.

Das ist aber gut für eine Band, dadurch bekommt man viel Input von außen und schmort nicht nur im eigenen Saft. Außerdem entstehen so Netzwerke und Verbindungen in verschiedene Richtungen. Manchmal fragen auch Leute über Elbtonal an, ob einzelne Musiker von uns irgendwo aushelfen können.

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Nenne doch mal ein paar Highlights aus der bewegten Bandgeschichte von Elbtonal!

Ein erstes Highlight ganz am Anfang von Elbtonal war sicherlich, als wir das erste Mal unsere neuen Instrumente ausgepackt haben und gemerkt haben, so, jetzt geht’s los. Toll waren sicherlich auch die Reisen, darunter zum Beispiel eine nach Japan oder unser Besuch bei der chinesischen Expo in Shanghai. Und dann gab es natürlich die speziellen Begegnungen mit anderen Musikern, die teils echte Idole für uns waren.

Zum Beispiel haben wir mal mit Stewart Copeland von The Police zusammengearbeitet, der macht ja schon seit langer Zeit Filmmusik. Bei diesem speziellen Projekt war übrigens auch ein guter Freund von uns dabei, Benny Greb, der wiederum spontan für einen Kollegen eingesprungen ist und sich ebenfalls als riesiger Stewart Copeland-Fan geoutet hat. Das war eine tolle Produktion für alle Beteiligten und ein Höhepunkt in der Elbtonal-Geschichte.

Ganz toll und besonders waren auch bestimmte Filmvertonungen, darunter der „Baader Meinhoff Komplex“ von Bernd Eichinger. Ein aktuelles Highlight ist auch die Arbeit mit Christian Brückner, der ja die deutsche Synchronstimme von Robert De Niro verkörpert. Da läuft uns jedes Mal eine Gänsehaut den Rücken runter, wenn wir mit dem auf der Bühne stehen.

Elbtonal Percussion – Dramartugie fürs Publikum

Elbtonal Percussion | Foto: Fritz Meffert

Wie entsteht Musik bei euch? Muss man sich das wie bei einer Rockband im Proberaum vorstellen?

Das ist ganz unterschiedlich. Unser Programm besteht ja aus einer Mischung aus Eigenkompositionen und fremden Stücken. Wenn wir bereits fertige Literatur für unsere Besetzung spielen, bereiten sich alle erst einmal für sich darauf vor, lernen also die jeweiligen Stimmen zu Hause. Anschließend wählen wir die Instrumente aus und nach drei oder vier gemeinsamen Proben führen wir das Stück dann beim Konzert auf.

Die zweite Herangehensweise bezieht sich auf Stücke, die wir selbst schreiben oder arrangieren. Ich beispielsweise arrangiere gerne Ideen mit Samples in Logic und bereite die zu Hause vor. In den Proben checken wir dann, ob wir mit dieser Basis arbeiten können und ob sie klingt wie gedacht oder ob sie verändert werden muss. Das ist dann ein gemeinsamer, kreativer Prozess. Dass einer von uns was schreibt und dann festlegt, wer was zu spielen hat, das passiert eigentlich nicht.

Ein wichtiger Punkt in unseren Entstehungsprozessen ist auch immer die Dramaturgie, also wie wir unser Programm so aufbauen, dass es spannend für das Publikum ist. Als Musiker muss man immer ein bisschen aufpassen, dass man als Instrumentalist nicht zu selbstverliebt ist und darüber vergisst, wie das große Ganze tatsächlich wirkt.

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Wie funktioniert die Auswahl der Klänge und Instrumente bei Elbtonal?

Zunächst mal gilt: Die Instrumente müssen in einen langen Mercedes-Sprinter passen (lacht)! Wenn jemand ein Stück für zwei Odaikos mit vier Metern Durchmessern schreiben möchte, wäre das also schwierig. Davon abgesehen versuchen wir immer, das Instrumentarium so auszuwählen, dass es im Rahmen des jeweiligen Stückes ein bestimmtes Spektrum abbildet.

Beim Daydreaming-Cover von Radiohead hat beispielsweise das Marimbaphon einen weiten Bereich im mittleren Spektrum besetzt, während darunter die Udu den Bass abdeckt. Becken und andere metallische Sounds liegen dann darüber. Da steckt immer auch schon ein Produktionsgedanke dahinter, das Ziel ist ja, dass das fertige Stück beim Konzert wie eine Einheit klingt und sich die einzelnen Ebenen klanglich nicht in die Quere kommen.

Aber natürlich gibt es auch Spezialstücke, bei denen vielleicht nur Papier oder Wasser zum Einsatz kommt. Der Gedanke ist immer, dass die Klänge bewusst eingesetzt werden. Das Tolle am Schlagzeug ist auch gerade, dass man erstmal alles auf die Bühne stellen kann, auf das man draufhauen kann. Das machen wir auch in unseren Kinderprojekten, wo wir auf Klangsuche gehen und wo es extrem viel zu entdecken gibt.

Das Video zum Cover von „Daydreaming“

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Ich habe das Gefühl, dass die Grenzen zwischen klassischem Schlagwerk und Drumset immer mehr verschwimmen.

Ja, ich denke, dass das tatsächlich schon in die Richtung geht. Man sieht ja mittlerweile vermehrt Drummer, die ihr Set um spezielle Klänge erweitern, die eben über Bassdrum, Snare und die anderen Teile hinausgehen. Andererseits öffnen sich auch die Klassiker schon seit einiger Zeit immer mehr in Richtung zeitgenössische Musik und auch Elektronik. Schon Steve Reich mit seiner Minimal Music hat ja damals den Minimal Techno beeinflusst, der später dann auch wieder die Drumset-Spieler beeinflusst hat.

Je offener man ist, desto mehr Spaß macht es ja auch und desto größer werden die Ausdrucksmöglichkeiten, die man als Künstler hat. Ich sehe das auch bei meiner Dozententätigkeit in Rostock, wo ich auch Drumset-Spieler unterrichte, und da interessiert es im Grunde keinen mehr, aus welchem Bereich jemand kommt.

Spielt ihr auch selbst Drumset?

Ja, sowohl der Stephan Krause als auch ich kommen eigentlich vom Drumset und spielen das auch heute beide noch. Ich habe auch erst mit 17 Jahren klassisch angefangen, was aus heutiger Sicht schon ziemlich spät ist, gerade auch für den solistischen Bereich. Jedenfalls ist das Groove-Thema, was man ja eher mit dem Drumset verbindet, für Elbtonal extrem wichtig. In der Klassik wird ‚Time‘ ganz anders definiert. Die klar durchlaufenden Viertel und Achtel haben einfach eine ganz spezielle Funktion, die ich auch total spannend finde.

Das Zusammenspiel bei Elbtonal ist aber wirklich insgesamt eher wie eine Band. Wir wollen auch, dass es groovt und atmet, eben wie bei einer Band. Das merken wir auch, wenn mal jemand von uns bei einem wichtigen Konzert nicht kann und wir einen Ersatz brauchen. Für das Publikum ist das dann vielleicht kaum hörbar, aber wir selbst nehmen die Veränderung schon war, weil sich dann eben dieser eigene, eingespielte Elbtonal-Groove etwas anders anfühlt.

Elbtonal Percussion – ganz viele Instrumente

Elbtonal Percussion spielen Instrumente von Yamaha und Meinl | Foto: Fritz Meffert

Erzählt doch mal ein bisschen zu eurem Instrumentarium. Was sollten Trommeln und Becken können? Habt ihr Endorsements?

Ja, wir sind Endorser für Instrumente von Yamaha und Meinl. Yamaha baut einfach unglaublich gut klingende Marimbaphone und Fellinstrumente wie beispielsweise Tomtoms, sodass wir da schon sehr gut abgedeckt sind. Außerdem sitzt Yamaha Deutschland auch gleich direkt hier bei uns um die Ecke in Rellingen.

Von Meinl kommen dann natürlich die Becken, außerdem haben die eine riesige Auswahl an Percussion-Instrumenten, auch exotisches Zeug, mit dem man immer wieder neue Sounds entdecken kann. Bei den klassischen Werken benutzen wir aber auch oft Latin-Instrumente wie beispielsweise Bongos, Congas und Cajons, auch die kommen von Meinl.

Es kommt bei uns aber auch vor, dass wir einfach mal alte Schrottinstrumente verwenden, wenn wir einen ganz speziellen Sound suchen. Dann schrauben wir auch mal kaputte Becken zu einem neuen Instrument zusammen. Wenn es zum Stück passt, verwenden wir es.

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Eurer Webseite ist zu entnehmen, dass Corona auch euch ordentlich in die Parade gefahren ist.

Ja, klar, schon alleine die vielen abgesagten Auftritte waren natürlich für ein nicht-staatlich finanziertes Ensemble wie uns eine schwierige Situation. Allerdings muss ich auch sagen, dass wir versucht haben, die Zeit nicht nur negativ zu sehen. Hinzukommt, dass wir zwischendrin auch durchaus das Gefühl hatten, gehört zu werden von der Politik. Dass dies nicht für alle Künstler in der Pandemie galt und gilt ist uns dabei mehr als bewusst!

Wir haben beispielsweise unsere neue DVD namens „Hamburg“ in dieser Zeit produziert, unterstützt von der Kulturstiftung des Bundes. Insgesamt hat sich durch Corona unsere kreative Arbeit quasi geballt in diese Zeit verschoben, neben der DVD haben wir auch neue Programme entwickelt.

Elbtonal Percussion mit außergewöhnlichen „Instrumenten“ in der Elbphilharminie | Foto: Daniel Dittus

Erzähl doch mal zu den Projekten ein bisschen was.

Bei unserer DVD „Hamburg“ haben wir an Orten in Hamburg gespielt, die aufgrund von Corona für die Öffentlichkeit gesperrt waren und die wir einfach sehr interessant fanden als optische und auch klangliche Kulisse für die jeweiligen Stücke. Zum Beispiel haben wir uns im Treppenhaus der Elbphilharmonie aufgebaut, aber auch an kuriosen Orten wie der „Ritze“ auf dem Kiez. Das hat viel Spaß gemacht und war eine tolle Abwechslung in der Coronazeit.

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Ein weiteres Projekt drehte sich um die Neoklassik, wo wir uns auf verschiedene kompositorische Grenzgänger wie beispielsweise Lambert, Björk und auch Chilly Gonzales fokussiert haben. Weiterhin werden wir zum hundertjährigen Geburtstag von Iannis Xenakis im Herbst ein großes Projekt umsetzen, ebenfalls gefördert durch die Initiative der Kulturministeriums namens ‚Neustart Kultur‘. Xenakis war ein sehr innovativer Komponist, der viel für Schlagzeug geschrieben hat, wo wir uns auch multimedial ordentlich austoben können. Das Projekt wird im Herbst in Hamburg aufgeführt, vorher gastieren wir mit Teilen des Programms in der Staatsoper in Athen, es bleibt also spannend!

Es gab zum 25. Jubiläum aber auch einen Wechsel in eurer Besetzung.

Ja, unsere Hamburg-DVD war gleichzeitig die letzte Elbtonal-Produktion mit Andrej. Als er uns seine Entscheidung mitgeteilt hat, mit der Musik generell aufzuhören, war das ein Schock. In 25 Jahren wächst man natürlich menschlich und musikalisch extrem stark zusammen, das ist wie eine Familie. Nachdem wir uns von der Nachricht erholt hatten, war aber klar, dass Elbtonal Percussion weiter besteht und wir glauben, mit Francisco Manuel Anguas Rodriguez einen würdigen Ersatz für Andrej gefunden zu haben … für die nächsten 25 Jahre Elbtonal!

Danke für das spannende Gespräch, Jan!

Mehr über Elbtonal Percussion gibt’s auf ihrer Webseite.

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