Akustik-Gitarre: Saiten aufziehen für Einsteiger

Saiten aufziehen für Einsteiger – eine DIY-Bedienungsanleitung

Von Zeit zu Zeit wirst du auf deine Gitarre frische Saiten aufziehen müssen. Entweder sind sie durchgespielt oder gerissen. Shit happens. Kein Problem; damit du den Saitenwechsel vernünftig, unkompliziert und schnell erledigen kannst, hier eine Schritt-für-Schritt-Anleitung:

Die Saiten zu beherrschen und die ersten vernünftigen Töne, Akkorde und Riffs aus diesen komischen Drähten oder Nylonfäden zu kitzeln, ist für Beginner schon kompliziert genug. Was aber, wenn eine Saite plötzlich nicht mehr vorhanden ist? Das unverschämte Ding ist weg, einfach gerissen und hat sich mit höhnischem Gelächter verabschiedet.

Mag sein, sie war vom vielen Üben schon angerostet; dem Fingerschweiß wollte sie nicht länger standhalten. Eine Saite korrodiert selten allein. Sinnvoll allemal, gleich den ganzen Satz auszuwechseln. Hier ein paar Tipps, damit du unkompliziert neue Saiten aufziehen kannst.

Saiten-Aufziehen simpel und sinnvoll

Arbeitsschritte für die Besaitung der Akustik-Gitarre

  1. Werkzeug bereitlegen
  2. Alte Saiten lockern
  3. Alte Saiten mit Saitenschneider durchtrennen (Augen abwenden) und entfernen
  4. Griffbrett reinigen
  5. Griffbrett pflegen
  6. Western-Gitarre: Saite per Bridge-Pin fixieren
  7. Konzert-Gitarre: Saite mit Knoten fixieren
  8. Saite in der Stimmmechanik einfädeln/einknoten
  9. Stimmen mit Saitenkurbel
  10. Überstehende Saitenenden mit Saitenschneider kappen
Ausrüstung für den Saitenwechsel
Ausrüstung für den Saitenwechsel Foto: Jürgen Richter

Saiten aufziehen gut organisiert: Das „Handwerkszeug“

Was Du benötigst, wenn Du auf die Gitarre frische Saiten aufziehen möchtest, ist wirklich nicht viel. Die Grundausstattung beschränkt sich auf einen Seitenschneider, möglichst noch eine Saitenkurbel und neue Saiten. Komfortabel wäre ein Stimmgerät, wenigstens eine Stimmgabel sollte greifbar sein.

Dann legst du dir noch eine gute Portion Geduld parat; schließlich können die ersten Versuche durchaus an den sprichwörtlichen Nerven zerren. Ach ja, aus Gründen der Vollständigkeit: Die Gitarre selbst sollte auch nicht fehlen.

Saiten am besten etwa über dem Schallloch durchschneiden
Saiten am besten etwa über dem Schallloch durchschneiden Foto: Jürgen Richter

Erstmal entrümpeln: Vor dem Aufziehen alte Saiten entfernen, aber Vorsicht bitte

Erster Schritt vor dem Saiten-Aufziehen ist es immer, zunächst die alten Saiten zu entfernen, sofern sie nicht schon selbstständig von dannen geflogen sind. Bereits hier kommt der Seitenschneider zum Einsatz. Du wirst zuerst die Saiten etwas lockern, also an den Stimmwirbeln solange gewissermaßen in die verkehrte Richtung drehen, bis sie nicht mehr derart unter Spannung stehen.

Und frühestens dann – bitte versprich‘ mir das (!) – nimmst du den Seitenschneider und durchtrennst die Saiten. Auf keinen Fall vorher. Straff gespannte Saiten zu kappen, kann im Worst-Case eine Gefahr für deine Augen bedeuten.

Kommen wir also gleich zu Sicherheitstipp Nr. 2: Während du die Saiten durchschneidest, wendest du dein Gesicht, insbesondere die Augen ab. Lieber versehentlich einen Daumennagel kappen als das spitze Ende einer Saite in den Augen begrüßen. Leg‘ den Seitenschneider nicht zu weit beiseite; der bekommt etwas später noch einen weiteren Auftritt.

Idealer Augenblick für das Beauty-Programm
Idealer Augenblick für das Beauty-Programm Foto: Jürgen Richter

Griffbrett reinigen: Frühjahrsputz für die Gitarre

Nun denkst du bestimmt, die Bahn ist frei, und willst schnell die neuen Saiten aufziehen. Ganz ruhig, Brauner. So weit sind wir noch nicht wirklich. Höchst selten wird das Griffbrett deiner Gitarre so „nackt“ vor dir liegen. Und exakt aus diesem Grunde nutzt du die Gunst der Stunde für die Pflege deines Instrumentes.

Idealerweise nimmst du dir ein Mikrofasertuch, feuchtest das mit wirklich nur ganz wenig Wasser an und wischt die Flächen zwischen den Bundstäbchen damit sauber. Befinden sich darauf noch Ablagerungen, entfernst du die vorsichtig mit einem Plektron oder einem ähnlichen Plastik-Gegenstand.

Die wörtlich gemeinte Betonung liegt auf „vorsichtig“. Keinem ist damit gedient, wenn du bei Saitenwechsel und Gitarrenpflege das Griffbrett zerkratzt. Dass man das auch mit speziellem Schleifpapier oder bei bestimmten Gitarren mit besonders feiner Stahlwolle erledigen kann, erzähle ich dir an dieser Stelle nicht. Das ist ein Thema für Fortgeschrittene und Filigranhandwerker.

Selbstverständlich hast du dir zuvor auch ein Pflege-Öl besorgt. Also nicht für die zarte Gesichtshaut oder die geschmeidigen Geschirrspülhände, sondern für das Griffbrett. Gitarren-taugliches Lemon Oil und ähnliche Varianten sind die geeignete Wahl.

Saitenwechsel auf der Western- bzw. Stahlsaitengitarre

Lange Vorrede, kurzer Sinn: Das Baby ist geputzt und geschniegelt. Jetzt kann‘s dann wirklich losgehen. Zunächst wollen wir auf einer Western-Gitarre die Saiten wechseln. Das Procedere beim Saiten-Wechseln ist bei Konzert- und Westerngitarren bauartbedingt unterschiedlich. Der Grund, weshalb wir auf die beiden Varianten separat eingehen müssen:

Wie Gitarristen kontern
Wie Gitarristen kontern Foto: Jürgen Richter

Saiten aufziehen auf die Westerngitarre: Die Gebrüder Bridge-Pin und Saiten-Ball

In den meisten Fällen sind die Saiten einer Westerngitarre an der Bridge – dort wo die Schlaghand ihre Arbeit verrichtet – mit sogenannten „Bridge-Pins“ gekontert. Das sind kleine Holzstifte, die sich nach unten verjüngen und an einer Seite mit einer länglichen Aussparung gearbeitet sind. Den „Ball“ – dieses runde metallische Endstück der Saite – drückst du durch das Loch in der Brücke; im nächsten Stepp schiebst du den Holzstift hinterher, ziehst kurz an der Saite und hast sie damit – teilweise (!) – fixiert.

Wichtig ist jetzt noch ein kontrollierender Griff durchs Schallloch zur Unterseite des Stegs. Stell sicher, dass das Ballend auch direkt am Deckenholz anliegt und nicht an der Spitze des Bridgepins, weil der andernfalls beim Stimmen wieder herausgedrückt wird.

Saitenende zwischen den Windungen fixieren
Saitenende zwischen den Windungen fixieren Foto: Jürgen Richter

Der lange Weg zur Stimmmechanik bei der Westerngitarre

Weiter geht’s; du ziehst die Saite etwas weiter als bis zu ihrer eigenen Stimmmechanik. Das ist das Teil am Kopf der Gitarre mit der Nut oder dem Loch, durch das die Saite im nächsten Schritt gezogen werden soll. Die Saite knickst du etwa 4 – 5 cm nach der Mechanik in einem rechten Winkel ab. Durch diesen Knick hat sie von vornherein Halt im Loch der Mechanik-Achse und wehrt sich speziell bei den tiefen Saiten nicht so sehr gegen das nachträgliche Abknicken. Dann steckst du das Ende durch Nut oder Loch.

Stimmkurbel, weil’s schneller geht
Stimmkurbel, weil’s schneller geht Foto: Jürgen Richter

Einsatz der Saitenkurbel – Gitarrensaiten spannen: Es geht rund

Nun heißt es, die Saiten durch Drehen an den Teilen der Stimmmechaniken zu spannen, die wie kunstvolle Flügelschrauben aussehen: die eigentlichen Stimmwirbel. Am einfachsten funktioniert das mit einer Saitenkurbel. Die setzt du auf die „Stimmwirbel-Flügelschraube“ und kannst weitaus einfacher und schneller drehen als mit bloßen Fingern.

Du nimmst die Saitenkurbel und fängst an zu drehen: Die erste Wicklung über das eingezogene Saitenende, die beiden nächsten Wicklungen darunter, damit die Saite bzw. das Saitenende eingeklemmt wird. So verhinderst Du, dass (Sorry für das Wortspiel) die Windungen sich beim Stimmen einfach wieder herauswinden. Resultat wäre, dass du wieder von vorne beginnen könntest. Monopoly für Gitarristen: „Gehen Sie nicht über Los; ziehen Sie nicht 4.000 Euro und auch keine Saite ein.“

Du bringst die aufgezogene Saite in diesem Moment lediglich auf leichte bis mittlere Spannung, bis sie nicht mehr schlaff durchhängt. Erst wenn du alle 6 Saiten gepinnt, fixiert, gewunden und eingefädelt hast, stimmst du sie komplett durch. Nach ungeschriebenem Handwerkergesetz immer abwechselnd und schrittweise stimmen. Immer dran denken: Deine Gitarre besteht hauptsächlich aus Holz. Das will nicht einseitig belastet werden.

Achte darauf, dass die Wicklungen straff und gleichmäßig sind. Nutze dafür beim Saitenwechsel immer beide Hände und fixiere die Saite mit einem Finger. So wie kurz vor Weihnachten, wenn deine Mutter Geschenke mit Schleifen garniert und dich fragt, ob du „mal kurz den Finger draufhalten kannst“.

Seitenschneider: aus Sicherheitsgründen
Seitenschneider: aus Sicherheitsgründen Foto: Jürgen Richter

Weg mit Stolperfallen: Überstehende Saitenenden kürzen nach dem Saiten-Aufziehen

Abschließend kommt der angekündigte „zweite Auftritt“ des Seitenschneiders. Die Enden der Saiten werden jetzt am Gitarrenkopf ziemlich weit abstehen. Vorausgesetzt, du hast die verbleibenden 10 bis 20 cm nicht übereifrig um den Stimmwirbel gedreht.

Was da übersteht, schneidest du nun ca. 4 – 5 mm neben dem Wirbel ab. Sieht zwar cool aus, wenn du die einfach dran lässt. Aber wenn du damit jemand anders oder dich selbst in die Augen triffst, … das willst du nicht erleben. Den verbleibenden Teil, die besagten 4 -5 mm, biegst du zum Schluss mit dem Finger oder einer Flachzange nach unten. Alle Saiten gewechselt, alles save.

Saiten wechseln auf der Konzert- bzw. Schülergitarre

Zugegeben, klassische Gitarristen haben es beim Saiten-Aufziehen durchaus ein wenig schwieriger. Gut, wer es gelernt hat, vernünftige Knoten zu machen. Sei das beim Binden der Schnürsenkel oder vielleicht als Seemann bei Windstärke 8 vor Helgoland. Die komfortable Lösung der „Bridge-Pins“ gibt es bei Konzert- und Schülergitarren nicht.

Der Stimmvorgang und das abschließende Kappen der Enden sind mit dem Vorgang bei der Westerngitarre identisch. Diffiziler hingegen ist das Fixieren der Saiten an der Bridge und auch am Kopfende. Auch deshalb, weil Nylonsaiten beim Saiten-Aufziehen ein wenig widerspenstiger sind als ihren Stahlkameraden.

Knotenkönner sind deutlich im Vorteil
Knotenkönner sind deutlich im Vorteil Foto: Jürgen Richter

Knote dich fit: Einfädeln und Verknoten der Saiten

Konzertgitarren gibt es mit unterschiedlichen Arten von Brücken: mit Einloch- oder Doppellochbohrung. Hauptsächliche Unterschiede sind die, dass Brücken mit doppeltem Loch das Einfädeln und Verknoten der Saiten komfortabler machen, außerdem eine bessere Stimmstabilität unterstützen.

Wenn du auf eine Konzertgitarre Saiten aufziehen willst, führst du die von vorne – dort wo sich auch das Schallloch befindet – durch das Loch in der Brücke und schiebst sie etwa 10 cm hindurch. Anschließend führst du sie entweder außen oder durch die zweite Bohrung wieder zurück, wickelst sie einmal um ihr eigenes anderes Ende und danach ein- bis dreimal um das kurze Ende. Puh, klingt kompliziert. Ist es aber nicht wirklich. Ist das geschehen, ziehst du den entstandenen Knoten einigermaßen straff.

Schlaufe bilden wie in Omas‘ Strickmuster
Schlaufe bilden wie in Omas‘ Strickmuster Foto: Jürgen Richter

Der Schlaufen-Knoten am Gitarrenkopf beim Saiten-Aufziehen

Nach demselben Strickmuster verfährst du beim Saiten-Aufziehen bei der Stimmmechanik am Gitarrenkopf. Du führst das Saitenende durch das Loch, schlingst das Ende noch einmal um die Saite selbst und schiebst es dann durch die entstandene Schlaufe. Jetzt heißt es, leicht straffziehen und dann an den Stimmwirbeln drehen, bis der Arzt kommt oder das Stimmgerät dir ein aufgeregtes „Es reicht“ entgegenbrüllt.

Anders als bei einer Westerngitarre werden bei einer Konzertgitarre die Saiten auch einzeln bereits fast komplett gestimmt. Hat damit zu tun, dass der filigran gestrickte Knoten sich andernfalls zu leicht wieder lösen könnte. Ist das Werk vollbracht, heißt es wieder „Saitenschneider, erledige deine Aufgabe“, und schon bist du fertig.

Tatsache der Musikerwahrscheinlichkeit: Saiten reißen immer im verkehrten Augenblick

Übrigens: Dass Saiten irgendwann nicht mehr offen und klar klingen, ist genauso üblich und normal wie das zeitweilige Reißen. Ganz nach Murphys Gesetz passiert das natürlich immer im falschen Moment. Direkt bei der Aufführung in der Schule, mitten im Unterricht oder wenn’s im Proberaum mit Kumpels und Kumpelinnen gerade zur Sache gehen soll. Mach dir also keinen Kopf und bleibe einfach locker und gelassen.

Notfalls spielst du den Song mit fünf Saiten und einem fröhlichen Lächeln zu Ende. Hauptsache, du lässt dir vor dem Publikum nichts anmerken. Nebenbei erwähnt, ist das neben dem frischen Sound einer der Hauptgründe, weshalb professionelle Musiker vor jedem Auftritt neue Saiten aufziehen.

Du hast jetzt gelernt, wie der Saitenwechsel funktioniert, und kannst auch solchen spontan unangenehmen Momenten entspannt entgegensehen.

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