Viel zu oft unterschätzt, allerdings nur hierzulande

Mit dem Dulcimer ab in die Mittelalter- und Folkmusik

Foto: Shutterstock von MICHAEL D. BURKHALTER

Allzu leicht vergessen wir den Blick über den eigenen Tellerrand. Dabei kann doch gerade der uns immens wichtige Impressionen für den kreativen Weg in der Musik bieten. Zu den Instrumenten, die vom Mainstream zuweilen vergessen werden, gehören jene aus der Welt-, Mittelalter und Folkmusik.  So wie der Dulcimer. Und auch der hat unsere und eure besondere Aufmerksamkeit verdient. Schauen wir genauer hin:

Check it: Der Charme des Dulcimer

  • Herkunft kurioserweise nicht bestätigt
  • Besonderheiten von Griffbrett und Bünden
  • Drei Saiten reichen für individuellen Klangcharakter
  • Bordun und dessen Bedeutung
  • Immense Artenvielfalt des Dulcimer

Herkunft des Dulcimer unbekannt, bisherige Vermutung längst widerlegt

Der Dulcimer ist üblicherweise ein Instrument aus der Folk- und Mittelalter-Musik. Zumindest kommt er dort am häufigsten zum Einsatz. Woher er stammt, in welchem Kulturraum der Dulcimer zuerst das Licht der Welt erblickt hat, ist nämlich bis heute nicht geklärt. Vermutungen gibt es viele, belastbare Beweise nicht. Warum müssen wir nur gerade schmunzeln? Die Menschheit fliegt zum Mond, Elon Musk will zum Mars; aber die Wurzeln des Dulcimer liegen weiteren im Dunstneben der Vermutung.

Wenn die Musikwissenschaft das Verständnis ins Chaos stürzt

Musikwissenschaftler sind bekanntlich  mit ihrer Ausdrucksweise mühelos imstande, dich restlos zu verwirren. Die ordnen den Dulcimer nämlich einer speziellen Familie zu. Achtung, jetzt kommt’s: Oberbegrifflich gehört er zur Familie der Griffbrettzithern. Hoffen wir, dass wir uns diese Bezeichnung wenigstens bis zum Ende dieses Artikels merken können. Rupfen wir den Begriff auseinander, bedeutet das schlichtweg, dass es sich bei einem Dulcimer um eine Zither mit Griffbrett handelt. War doch gar nicht so schwer.

Besonderheit Griffbrett mit nicht gleichmäßigen Bünden

Die gedankliche Kurve war jetzt nicht so einfach hinzukriegen, denn genau auf dieses Griffbrett mit seinen Besonderheiten wollten wir deine Aufmerksamkeit lenken. Auf dem Griffbrett befinden sich Bünde und Bundstäbchen. Wer nun allerdings beispielsweise als Gitarrist glaubt, er könne den Dulcimer mit seinen instrumentalen Vorkenntnissen besonders simpel spielen, befindet sich auf dem bundierten Holzweg.

Der Knackpunkt sind die Abstände der Bünde zueinander. Indes eine Gitarre mit chromatischen Bünden in gleichmäßigen Halbtonschritten konzipiert ist, sind die Abstände der Bünde beim Dulcimer diatonisch mit Ganz- und Halbtonschritten angeordnet. In etwa vergleichen ließe sich das also vielmehr mit den weißen Tasten einer Klaviertastatur, wenngleich nur im übertragenen Sinn.

Bundaufteilung vergleichbar mit den weißen Tasten des Klaviers
Bundaufteilung vergleichbar mit den weißen Tasten des Klaviers Foto: Shutterstock von David Kay

Langer Korpus, langes Griffbrett – aber das ist längst nicht alles

Optisches Hauptattribut des Dulcimer ist der im Normalfall lange Korpus mit üblicherweise fast gleichlangem Griffbrett. Über Korpus und Griffbrett reicht das Wirbelbrett hinaus, das man bei einer Gitarre als Kopf oder Headstock bezeichnen würde. In der Korpus-Decke befinden sich die Schalllöcher; der Korpus selbst dient – wie  bei den meisten akustischen Saiteninstrumenten – als Resonanzraum. Die Beschreibung hört sich trocken und nüchtern an. Interessanter wird’s, wenn wir bedenken, dass es  zahlreiche Abweichungen von dieser Standard-Ausführung gibt.

Wohlgemerkt, so sieht lediglich der Standard aus
Wohlgemerkt, so sieht lediglich der Standard aus Foto: Shutterstock von Anita Patterson Peppers

Im Normalfall lediglich eine Saite für die Melodie zuständig

Der Dulcimer ist für gewöhnlich mit drei Saiten bestückt, der Melodie-, mittleren und Basssaite. Schon fällt uns als Besonderheit auf, dass lediglich eine der Saiten im klassischen Sinn für das Melodiespiel zur Verfügung steht. Okay, und wofür sollen die beiden anderen Saiten verantwortlich sein? Zum besseren Verständnis müssen wir dir hier ein weiteres, dir vermutlich nicht geläufiges Wort auf den Teller legen: Bordun.

Was bedeutet Bordun? Der besondere Klang aus dem Mittelalter

Bordun bedeutet, dass ein immer gleichbleibender und zumeist regelmäßiger Ton zu einer Melodie erklingt, sie also mit einer gewollten Monotonie ruhevoll untermalt. Traditionell kam und kommt der Dulcimer als Bordun-Instrument zum Einsatz. Dafür genutzt werden die mittlere und die Basssaite, die entsprechend aufeinander abgestimmt sind. Daraus resultiert, dass du mit den Bordun-Tönen entweder andere Musiker oder die eigene Melodieführung auf der Melodiesaite begleiten kannst.

Unterscheidung der traditionellen und zeitgemäßen Spieltechnik

Wenn du Dulcimer spielen möchtest, musst du zwischen zwei verschiedenen Spieltechniken unterscheiden: der traditionellen und der aktuelleren, gewissermaßen modernen. Im traditionellen Kontext ist der Dulcimer nahezu ausschließlich ein Bordun-Instrument, gespielt mit einem Plektrum und nicht mit den Fingern gegriffen, stattdessen mit einem runden Holzstäbchen. Musiker sprechen gerne in Anglizismen. Und so ist dieses Rundholz auch als „noter“ bekannt. Mit dem noter wird allerdings nur eine einzige der drei Saiten niedergedrückt, die Melodiesaite.

Mehr Ausdrucksmöglichkeiten mit moderner Spielweise

Verständlich, dass du dich durch die Selbstbeschränkung ein wenig gebremst fühlst, schließlich bist du es als ambitionierter Saitenakrobat gewohnt, den Tonraum möglichst zu erweitern und dir dadurch neue kreative Wege zu eröffnen. Nun, das haben sich die Dulcimer-Spieler auch gedacht und sich damit von den rein überlieferten Melodien und Klängen ein wenig verabschiedet. Entwickelt haben sich etliche weitere Spieltechniken. Vielfach ist es heutzutage so, dass alle drei Saiten mit gegriffen werden. Auch geschieht das nicht mehr grundsätzlich mit dem noter, sondern mit den Fingern der Greifhand. Durchaus sinnvoll, wenn du dir beide Spieltechniken draufschaffst und auch darüber hinaus experimentierst.

Stimmung in der Mittelalterburg

Wie variabel der Dulcimer ist, lässt sich auch an den unterschiedlichen Stimmungen ablesen. Also nicht wirklich lesen, sondern hören. Zwar sind im Normalfall – wie erwähnt – nur an Bord, aber die werden in der Praxis immer wieder auf verschiedene Weise gestimmt. Die gebräuchlichsten Tunings werden von den Kirchentonarten abgeleitet. So etwa der ionischen, äolischen, dorischen oder mixolydischen Stimmung. Je nach Tuning erhält das Instrument einen veränderten Grundcharakter. Ganz bewusst erwähnen wir dies, zumal dir bewusstwerden soll, wie wenig eingeschränkt du trotz der einen einzigen Melodiesaite bist.

In anderen Ländern und in der Mittelaltermusik keinesfalls ein Nischeninstrument

Ganz klar festhalten müssen wir an dieser Stelle, dass bislang lediglich die Rede vom Standard Dulcimer war. Das Instrument hat aktuell insbesondere in der amerikanischen Folkmusik einen außerordentlich hohen Stellenwert. Und es wird permanent weiterentwickelt. So existieren Dulcimer mit rechteckiger oder dreieckiger Korpus-Form, Dulcimer, mit halbrund ausgeprägtem Korpus. Zunehmenden Interesses erfreuen sich sogenannte Doppeldulcimer, vergleichbar mit einer Doppelhalsgitarre. Schöne Grüße an Jimmy Page. Und wo wir schon Grüße an einen legendären E-Gitarristen senden: Auch elektrische Dulcimer sind längst entwickelt worden und es gibt etliche weitere Modelle und Bauformen.

Weshalb wir das alles erzählen? Weil diese musikalische Artenvielfalt den Stellenwert des Instrumentes betont, das hierzulande allenfalls mit Nischenbekanntheit glänzt. So viel zum Thema Mainstream. Wenn wir immer unsere Augen immer nur auf die für uns selbstverständlichen Instrumente werfen, berauben wir uns selbst der Möglichkeiten. Wäre doch schade. Es gibt so viele interessante Musikinstrumente, die es sich zu entdecken, zu würdigen und zu spielen lohnt.

Eine hierzulande kaum bekannte Berühmtheit
Eine hierzulande kaum bekannte Berühmtheit Foto: Shutterstock von Cassi Lee Photos

Es wird kurios:

Ganz nebenbei, beim Dulcimer ist man sich nicht mal wirklich einig, ob es sich um den, die oder das Dulcimer handelt. In der heutzutage überaus berechtigten Gender-Gegenwart ist der Streit unter den Experten eine gute, weil unverfängliche Sache. Häufig wird das Instrument mit dem männlichen Artikel versehen. Der Grund dafür soll sein, dass die Bezeichnung aus dem Englischen abgeleitet wird. Und spätestens jetzt verstehen wir gar nichts mehr. Wie leitet man vom englischen „the“ ein deutsches der, die oder das ab. Frank Thelen würde jetzt vermutlich sagen: „Und deshalb bin ich raus!“ Wir wünschen viel Spaß beim Dulcimer-Spielen.

+++

Auch interessant für die Anhänger von meditativer Musik und Klangtherapie: „Gong spielen: Instrument zwischen Macht, Symphonie und Meditation“.

Hinterlasse einen Kommentar

Das könnte Dich auch interessieren: