Dem Weimarer Akkordeon-Klang auf der Spur

Der Balg ist die Seele des Akkordeons

Prof. Claudia Buder inmitten ihrer Studenten bei der Rätselstunde | Foto: Bettina Boyens

Claudia Buder ist Akkordeon-Professorin und im Jahr 2026 eine gefragte Botschafterin. Haben doch die Landesmusikräte beschlossen, das Akkordeon bundesweit als „Instrument des Jahres“ in sämtlichen Facetten zu beleuchten. Wer könnte Thüringen besser vertreten als die umtriebige Claudia Buder? Immerhin prägt sie seit 2017 das Akkordeonstudium an der Hochschule für Musik „Franz Liszt“ in Weimar – einer der ältesten Ausbildungsstätten in ganz Deutschland.

Was ist das Besondere am Weimarer Lehrplan? Die 56-Jährige antwortet: „Würzburg und Trossingen sind im Gegensatz zu Weimar mit vollen Professuren ausgestattet, daher gibt es dort auch mehr Studierende. Das ermöglicht natürlich vielseitige Inspirationen. Weimar ist mit der halben Professur – klassisch ausgedrückt – ‚klein aber fein‘. Das führt zu einem sehr guten Kontakt untereinander.“

Und was hat es mit dem berühmten Weimarer Klang auf sich? Claudia Buder wirft einen Blick zurück zu den Anfängen 1949: „Unsere erste Professorin Irmgard Słota-Krieg wurde mit dem Auftrag vom Ministerium an die Hochschule geschickt, die Arbeiter- und Bauernkultur zu entwickeln und zu pflegen. Das Akkordeon sollte als Volksinstrument gefördert werden. Dann aber ließ sie sich von den klassischen Instrumenten inspirieren, besonders von den Streichern. Die Notations-Zeichen der Bogenbewegungen der Streicher sind dieselben wie für die Balgbewegungen des Akkordeons. In ihrer ersten Schule, die sie entwickelte, wurde die Entwicklung der Balgbewegung sehr betont, denn: „Der Balg ist die Seele des Akkordeons.“

Bei Dozent Stephan Bahr (rechts) lernen die jungen Akkordeonisten Pika Debevic, Kseniya Orlova und Oliver Bićanić (v.l.n.r.) Fachdidaktik. | Foto: Bettina Boyens

Sie weist darauf hin, dass das Akkordeon eines der jüngsten Instrumente der Musikgeschichte sei. „Das Tonerzeugungsprinzip aber ist ein uraltes: es existiert seit über 3000 Jahren. Beim chinesischen Sheng und japanischem Sho ist die durchschlagende Tonzunge erstmals in Erscheinung getreten.“ Das seien die Urgroßeltern des Akkordeons.

Das „Schifferklavier“, wie das Akkordeon im Volksmund genannt wird, hat im Osten Deutschlands noch ganz andere Spitznamen: „Leninraupe, Edelweißrekorder oder Volksmusikkompressor“, schmunzelt die gebürtige Leipzigerin. Selbstverständlich hat die in der ehemaligen DDR sozialisierte Musikerin früher ein Akkordeon der Marke „Weltmeister“ gespielt, die in Klingenthal im Vogtland gebaut wird, „erst eine S4, dann eine Supita B“. Heute spielt sie auf einer italienischen Pigini Nòva. Darüber hinaus gehört sie zu den wenigen, die noch im Studium von Tastatur- auf Knopfakkordeon umgestellt haben.

Knopf- oder Tastenakkordeon?

Was steckt hinter dem Systemstreit dieser beiden Akkordeonarten? Logisch sei, so Buder, dass Literatur, die für Tasteninstrumente geschrieben wurde, auf einem Tastenakkordeon leichter greifbar ist. „Das Knopfakkordeon wiederum verfügt über einen viel größeren Tonumfang. Aufgrund der Anordnung der Knöpfe können Tonkombinationen mit einer sehr großen Spanne (über zwei Oktaven) in einer Hand gestaltet werden. Viele Komponisten sind fasziniert davon, dass sowohl in der rechten als auch der linken Hand, in beiden Manualen also, ein Tonumfang vom Contra-E bis Cis5 vorhanden ist.“

Pika Debevic und Kseniya Orlova improvisieren über ein Bach-Motiv. | Foto: Bettina Boyens

Bei Neukompositionen für Akkordeon ergebe sich allerdings die Problematik, dass man beide Systeme im Blick haben müsse. „Schließlich sollen gute Werke ja von allen gespielt werden können! Ich betone immer: Das Wichtigste bleibt der Mensch hinter dem Instrument. Was nützt mir ein ausgeklügeltes Akkordeon mit tausend Effekten, wenn es ohne sensible Tonformung gespielt wird? Also: Lasst uns nicht über Systeme debattieren, sondern dafür sorgen, dass der Klang der Kompositionen begeistert!“

An diesem Nachmittag leitet Buder eine Gruppenstunde im Haydn-Haus, wie eins der westlichen Kavaliershäuser auf Schloss Belvedere in Weimar heißt. Zu Goethes Zeiten, der im Lustschloss 1789 seinen „Torquato Tasso“ vollendete, waren hier der Hofstaat und die Gäste untergebracht. Thema der Stunde sind musikalische Rätsel, die sie für ein Konzert im Marie-Seebach-Stift vorbereiten. Gerade greift Ingmar Rosenthal in die Tasten und zaubert einen sanften Walzer hervor, der an feines Schneegestöber erinnert. Frage in die Runde: Was hat er da gespielt? Niemand meldet sich. Das Rätsel war zu schwer. Seine Professorin fordert ihn jetzt auf: „Ingmar, kannst du das einfacher gestalten, vielleicht mehr in der Art, wie die Organisten improvisieren?“ Der 22-jährige Student lässt jetzt einen Choral erklingen, der den kleinen Raum erdröhnen lässt. Mit Erfolg. Nun kann man klar die Melodie von „Oh Tannenbaum“ heraushören.

Ingmar Rosenthal ist von der Runde schon am weitesten fortgeschritten. Er hat nicht nur den Bachelor im Hauptfach Akkordeon absolviert – sowohl in der künstlerischen als auch pädagogischen Ausrichtung -, sondern studiert bereits im Zweifach-Master Akkordeon und Musiktheorie. Rosenthal und der ihm gegenübersitzende, ein Jahr jüngere Oliver Bićanić haben 2024 in Ettlingen unter 100 Bewerbern den ersten und zweiten Preis beim größten nationalen Akkordeonwettbewerb abräumen können und sind außerdem, gemeinsam mit Kseniya Orlova, Stipendiaten des Weimarer Vereins „Yehudi Menuhin Live Music Now“. Auch die junge Belarussin aus Minsk hat schon an bundesweiten und internationalen Wettbewerben teilgenommen und Preise gewonnen.

Zauberkasten Akkordeon

Drei von ihnen begrüßt der passionierte Pädagoge Stephan Bahr jetzt im Nebenraum zum Fachdidaktik-Unterricht. Seit 30 Jahren ist der ehemalige Weimarer Alumnus Akkordeonlehrer, hat seit dem Jahr 2000 eine Festanstellung an der Musik- und Kunstschule in Jena und wurde dann von Claudia Buder als Dozent für Unterrichtspraxis und Fachdidaktik angefragt. Mag das Akkordeon für manche nur eine „Schweineorgel“ oder eine „Quetschkommode“ sein: für Stephan Bahr ist es zuallererst ein Zauberkasten unendlicher Möglichkeiten. Vielleicht klingt seine launige Begrüßung deshalb so empathisch: „Lasst uns hören, was klingt, und wahrnehmen, was zwischen uns schwingt!“

Oliver Bićanić zeigt beim Klassenabend Franz Liszt´s virtuose „Abendglocken“ | Foto: Bettina Boyens

Nachdem sich alle gesetzt haben, fährt er fort: „Die Arbeit am eigenen Ich ist von zentraler Bedeutung für alles, was wir später in der Vermittlung von Lehrinhalten, Haltungen und Gewohnheiten an unsere Schülerinnen und Schüler weitergeben. Wir alle haben sehr unterschiedliche Wege im Akkordeonlernen beschritten – und genau darin liegt ein großer Reichtum: ein breiter Erfahrungsschatz und eine Vielfalt an Literatur.“

Gerade die pädagogische Arbeit ist für Akkordeonisten fundamental. Schließlich gibt es keine Orchesterstellen für das Instrument, dessen Wiener Patentanmeldung aus dem Jahr 1829 den Orgel- und Klavierbauer Cyrill Demian als Erfinder ausweist. Die Weimarer Musikhochschule setzt daher ebenso auf künstlerische Entfaltung und Wettbewerbsfähigkeit wie aufs zukünftige Unterrichten.

Für seine drei Studenten wirft Bahr am Anfang einen Blick in die Geschichte: Das Instrument von 1829 „war diatonisch und wechseltönig, mit unterschiedlichen Tönen auf Zug und Druck, und jede Taste enthielt fest eingebaute Akkorde aus drei bis fünf Tönen. Hugo Herrmann schrieb dann 1927 mit den ‚Sieben neuen Spielmusiken‘ die erste Originalkomposition für das Akkordeon mit Standardbass-Manual. Das Einzelton-Manual (M III) gibt es erst seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.“ Er resümiert: „Wir sind also zeitlich wie ästhetisch weit von der Wiener Klassik entfernt. Durch das Einzeltonmanual sind wir dennoch in der Lage, auch Werke der Renaissance, des Barock, der Klassik und der Romantik zu spielen.“

Genug der Theorie. Nun wird gelockert und mit den „Rhythmus-Tieren“ Handwerkskniffe für zukünftige Schüler vorbereitet. Ob Klapperschlange, Maus, Bär, Faultier oder Tiger: Die Vier klopfen unisono auf ihre Instrumente, stampfen, trommeln und klatschen zusammen. Alles mündet in den rhythmusstarken „Rap von Tom und seinen Freunden.“ Auch Dehnen ist wichtig, immerhin „tragen wir etwa zwölf Kilo oder auch noch mehr“, so Bahr.

Sviridov-Schneestürme entfesselt Ingmar Rosenthal, gemeinsam mit Kseniya Orlova | Foto: Bettina Boyens

Anschließend bespricht der Pädagoge die Techniken des täglichen Übe-Menüs und wendet sich an Oliver Bićanić: „Was machst Du, um dich ins Üben hineinzubringen als kleine ‚Vorspeise‘?“ Der junge Koblenzer antwortet: „Für die linke Hand fange ich gerne mit Bachs Cello-Suiten an und spiele die vom Blatt. Danach spiele ich Stücke, die mir einfach Spaß machen: Das kann Volksmusik sein. Da ich Familie aus Kroatien habe, bin ich Fan von Balkan-Musik.“

Die nächste in der Runde, Pika Devecic, hat zurzeit Probleme mit dem Arm. Die 20-jährige Erasmusstudentin aus Ljubljana ringt mit dem schweren Instrument. Daher mache sie als „Vorspeise“ immer zuerst Muskelaufbauübungen. „Danach überlege ich, was ich genau spielen will, weil ich nicht länger als 15 Minuten üben kann. Ich brauche eine hohe Effektivität“. Bahr fragt: „Hast du die Riemen schon einmal kontrolliert? Ist die Spielhaltung nie zu hoch?“ Und bietet dann für alle gemeinsames Kraft- und Dehntraining an.

Hochkarätiges beim Klassenabend

Weiter geht’s zum Klassenabend in den Jenny-Fleischer-Alt-Saal des gegenüberliegenden Beethovenhauses. Jetzt wird es ernst.

Professionelle Anspannung liegt in der Luft. Für Claudia Buder sind die Klassenabende essentiell für das Sammeln von Spiel- und Bühnenerfahrung. Doch ab wann ist ein Stück reif für die Bühne? „Diese Frage stellen wir, denn obwohl ein Klassenabend nicht mit einem öffentlichen Konzert zu vergleichen ist, steht eines ganz klar fest: Auf der Bühne wird nicht geübt, auf der Bühne wird gespielt! Und die Bühne des Lebens ist für uns die beste Schule.“

Bei meditativer Barockmusik offenbart Erstsemester Anton Kalle David große Emotionen | Foto: Bettina Boyens

Wie souverän Pika Debevic trotz ihres beanspruchten Arms das Bach-Präludium in E-Dur, BWV 878 vorträgt, macht Staunen. Und wie sensibel es Oliver Bićanić gelingt, Franz Liszts träumerische „Abendglocken“ zu interpretieren! Dann ein spannendes gemischtes Doppel: Energisch werfen sich Kseniya Orlova und Ingmar Rosenthal in Georgi Wassiljewitsch Sviridovs Troika aus seiner Suite „Schneesturm“. Und wenn Erstsemester Anton Kalle David bei der perlenden Barockmusik von Pancrace Royer in Trance versinkt, springt der Funke sofort über.

Alle Inspiration, alles Können, aller zirzensische Mut, den Claudia Buder und Stephan Bahr zu entfesseln verstehen, sind in diesen 60 Minuten im Saal zu greifen. Wie wirkungsvoll sie dabei agieren, lässt sich am Welterfolg des Duos con:trust ablesen, das 2016 in Weimar gegründet wurde. Marius Staible und Daniel Roth gewannen im letzten Sommer nicht nur den „John Cage Wettbewerb“ in Halberstadt und haben bereits eine Amerika-Tournee absolviert. Sie sind auch für Uraufführungen so bedeutender Komponisten wie Uroš Rojko, C. René Hirschfeld und Euna Joh bekannt. Im Ergebnis, dass an con:trust in der Akkordeonszene kein Weg mehr vorbeiführt: Sie haben sich mit dem Weimarer Klang auf der Bühne des Lebens fest etabliert.

Schon gewusst? musikmachen.de hat einen eigenen Akkordeon-Kanal! Schau doch mal rein (hier klicken)! Mehr für Akkordeon-Anfänger gibt’s zum Beispiel in diesem Artikel.

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