Trainierte Koordinationsfähigkeit von Fuß bis Kopf

Schlagzeugspielen verändert das Gehirn. Aber keine Angst, nur positiv!

Foto: aus YouTube-Video extrahiert

Wer hat nicht schon mal über Drummer gelästert? Aber Hand aufs Herz, wer von uns hat diese menschlichen Rhythmusmaschinen insgeheim nicht irgendwann für ihre außergewöhnlichen Fähigkeiten bewundert? Diese Koordination und vor allem Unabhängigkeit von Armen und Beinen, dann noch die Leistungsfähigkeit des Gehirns, dass sich auf unterschiedlichste Bewegungen zeitgleich zu konzentrieren imstande ist. Faszinierend.

Die Drummer servieren nicht nur die abgefahrensten Rhythmen und Improvisationen. Zugleich sind sie die Herrscher über teils gigantische Sammlungen von Kesseln, Becken und mehr. Ein Paradebeispiel dafür ist Terry Bozzio, der inmitten einer riesigen Burg von Drum-Komponenten sitzt. Und er trifft trotzdem mit höchster Präzision und spielt dabei noch mit Armen und Beinen unterschiedliche gerade und ungerade Taktarten zeitgleich, die zu einem dichten Cluster miteinander verschwimmen.

Terry Bozzio und sein gigantisches Drumset

Training ist alles: Spiel so oft du kannst

Weshalb die Schlagzeuger das können, ist zunächst ziemlich simpel. Sie trainieren und üben und trainieren und üben. Dabei existieren diverse Konzepte, wie beispielsweise die Unabhängigkeit von rechter und linker Gehirnhälfte in winzigen Schritten, aber kontinuierlich verbessernd erreicht werden kann.

Und so kriegt man es dann langsam hin, mit der einen Hand Achtel auf der Snare zu spielen, während die andere sich in Triolen auf der Ride-Becken bewegt, der eine Fuß bis Bass-Drum auf „Eins, Drei, Vier und“ oder sonst wie spielt und der andere Fuß noch die Becken der Hi Hat zusammenscheppern lässt. Sicherlich gehören auch eine Portion Talent und eine gehörige Prise Enthusiasmus mit dazu. Aber gerade das Schlagzeug gehört zu den typischen „Fleiß-Instrumenten“.

Schlagzeug möglicherweise ein Turbo-Booster für das Gehirn

Was sich aber bislang allenfalls im Bereich der Vermutung schimmerte, war die Frage, was Schlagzeugspielen mit dem Gehirn eigentlich anstellt. Verblödet man langsam, aber stetig, oder ist das groovende Multitasking sogar ein Turbo-Booster für das malträtierte Gehirn? Nun, selbstverständlich würden wir gerne ein wenig frotzeln, wie das unter Musikern bekanntermaßen üblich ist.

Keine Chance, ein Bochumer Forschungsteam nimmt uns aktuell den witzelnden Wind aus den Segeln. Um genauer zu sein, es handelt sich um Neurowissenschaftler. Die Forscher Lara Schlaffke, Sarah Friedrich und Sebastian Ocklenburg, wollten exakt der Frage auf den Grund gehen, was im Gehirn von Schlagzeugern passiert. Und sie konnten in einer groß angelegten Versuchsreihe eine erstaunliche These aufstellen: Schlagzeugspielen beeinflusst die Struktur des Gehirns ebenso positiv wie nachhaltig.

Vergleichstests zwischen Profidrummern und Nicht-Schlagzeugern

24 Profischlagzeuger haben sie zu einer Versuchsgruppe zusammengestellt, allesamt zwischen 18 und 30 Jahre alt. Und dann gab’s mit einer ebenso großen Gruppe, die nicht den geringsten Schimmer vom Schlagzeugspielen hatte, den berühmten Kontrapunkt. Während die Drummer und Nicht-Drummer spezielle Aufgaben durchführen mussten, wurden MRT-Scans durchgeführt, wobei die Hirnaktivität untersucht wurde.

Konzentration auf das Wesentliche statt motorischem Overload

Das Resultat: Genau in der Zone des Gehirns, die die linke und rechte Hirnhälfte miteinander verbindet, konnten positive Veränderungen festgestellt werden. Allerdings mit einer recht unerwarteten Ausprägung. Nach Jahren des Schlagzeugspielens wird diese koordinierende Gehirnzone nicht besonders stark, stattdessen viel geringer beansprucht. Die Erklärung: Das Gehirn lernt im Laufe der Zeit, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Das hat was.

Ist ja gut, ihr habt gewonnen

Liebe Schlagzeuger, verständlich, dass ihr euch jetzt gerne selbstbewusst auf die Schulter klopfen möchtet. Das könnt ihr gerne tun. Tatsache ist, dass viele Musiker auf ihrem Instrument unabhängige Bewegungen mit Händen und Armen machen müssen, beispielsweise Geiger, Gitarristen Bassisten. Das ist nicht minder eindrucksvoll, bleibt allerdings zweidimensional. Drummer hingegen grooven gewissermaßen vierdimensional.

Und dann wäre das noch diese Erklärungsmöglichkeit

Darstellen kann man die Zusammenhänge im Gehirn auch mit intellektueller Monotonie. Achtung, das Ansehen dieses Referats benötigt ein wenig Durchhaltevermögen und Konzentrationswillen. Interessant ist es allemal. Holt Chips und Popcorn raus und lehnt euch locker zurück. Hier kommt der Vortrag von Eckart Altenmüller zum Thema der Neuroplastizität:

Gähnend langweilig, dennoch sehenswert

Habt ihr spätestens jetzt Lust gekriegt, euch auch am Schlagzeug auszutoben? Dann führt euch doch mal den Artikel zum Thema „Schlagzeugspielen auf dem E-Drum“ zu Gemüte.

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