Chorus, Delay und Co. einfach mit den Fingern gezaubert

Simulationstricks von Uffe Steen: Effektsounds ohne Effektpedale

Foto: extrahiert aus YouTube-Video

Der Spruch „Der Ton kommt aus den Fingern“ bekommt bei Uffe Steen eine ganz besondere Bedeutung. Er spielt auf seiner E-Gitarre Effektsounds, allerdings ohne irgendein Effektpedal. Beeindruckend allemal. Faszinierend ist nicht nur das, was er an „Handmade-Effekten“ abliefert, sondern auch, dass das überhaupt funktioniert. Aber hört selbst und lasst euch inspirieren:

Eine kleine Portion Gitarren-Magie – Effektsounds ohne Effektpedale

Gitarren-Virtuose mit nordischer Lässigkeit

Uffe Steen ist als gestandener Musiker in der nordischen Blues- und Jazzrock-Szene etabliert. Geboren 1954 im dänischen Odense, trägt er mittlerweile 65 Jahre auf dem musikalischen Buckel. Sein Stil erinnert ein wenig an eine Symbiose aus Wes Montgomery, Jeff Beck, Eric Clapton und B.B. King. Ein renommierter, erfahrener und durchaus pfiffiger Gitarrero, der u.a. im Trio mit US-Stardrummer Adam Nussbaum und dem Kontrabassisten Lennart Ginman zusammenspielt.

Aufstand der puristischen Gitarristen?

Bei diesem speziellen Video aus der Abteilung YouTube-Perlen, macht er etwas, was bei Effektherstellern für aufgestellte Nackenhaare sorgen könnte. Er zelebriert typische Gitarreneffekte, wie sie eigentlich aus Bodentretern oder Multieffektgeräten stammen, verzichtet aber komplett auf irgendeinen Bodeneffekt. Eine spieltechnische Revolution? Aufstand der E-Gitarristen? Nein, ganz so wild ist es sicher nicht.

Erstens sind diese Spieltechniken auch von anderen Guitar-Heros bekannt, zum Beispiel von Steve Morse. Uffe hat hier allerdings eine wirklich ansprechende Sammlung zusammengestellt. Außerdem sind die Hersteller sich der berechtigten Prominenz ihrer Effekte durchaus bewusst. Und so wurde das Video auch beim dänischen Effekt- und Audio-Spezialisten TC Electronics gedreht, hat also durchaus etwas Humorvolles.

Und schließlich ist eines klar: Um solche Klänge aus seiner Klampfe zu kitzeln und die dann wirklich in die Songs einzubinden, muss man als Gitarrist schon eine gute Portion Virtuosität ans Tageslicht befördern. Schön, wer es früher kann und diese Techniken ausprobieren möchte.

Chorus

Zunächst führt Uffe Steen einen Chorus-Effekt vor. Dafür spielt er einfach zwei nebeneinander liegende Saiten gleichzeitig an, während er mit der Greifhand zwei eigentlich gleichhohe Töne greift und den einen von beiden leicht verzieht. Und das geht flüssig so weiter. Resultat ist ein schwebender Chorus.

Tremolo

Dann legt er einen Effekt aufs Parkett, den viele beispielsweise von Steve Morse und weiteren E-Gitarren-Heros kennen: Nachdem der Ton angespielt ist, betätigt Uffe das Volume-Poti, sehr gefühlvoll lässt er den Ton ab- und anschwellen. Besonderheit ist das kontrollierte und koordinierte Zusammenspiel beider Hände, inklusive der Kontrolle über den Volumen-Regler.

Octaver

Dass man auf einer Gitarre auch einen Octaver-Effekt erzeugen kann, ist gerade Jazz- und Fusion-Musikern bewusst. Einfach zu jedem Ton gleichzeitig die Oktave greifen und anspielen, was durchaus interessant klingen kann. Ein Stilmittel, das von Gitarristen gerade im Clean-Bereich immer wieder gerne eingesetzt wird. Dass das einem klassischen Octaver allenfalls recht nahekommen kann, ergibt sich daraus, dass die Basstöne unter den tiefen Saiten nicht vorhanden sind, also auch nicht gespielt werden können. Trotzdem nett.

Harmonizer

Ebenfalls durch die speziellen Fingersätze und den Einsatz mehrerer Finger der Anschlagshand entsteht der Harmonizer-Effekt. Er muss eben immer darauf achten, dass die gleichzeitig erklingenden Töne über die Saiten hinweg im harmonischen Zusammenhang stehen, gleichzeitig leicht die Saiten verziehen, damit der Harmonizer sich nicht wie die Kombination simpler Intervalle anhört.

Delay

Und dann wird’s richtig abgefahren. Uffe spielt plötzlich mit Delay. Und auch diesen Effekt zaubert er ausschließlich mit den Fingern. Darauf muss man erst mal kommen. Obwohl es ja eigentlich relativ logisch und nachvollziehbar ist. Gefühlvoll spielt er die Wiederholungen des Tones einfach leiser und damit dezent ausklingend an. Abgefahren: Ein elektronisches Gerät wird manuell authentisch imitiert. Und das kann er sowohl mit der Anschlag- als auch der Griffhand erzeugen.

Auto Swell

Auch ein Schweller-Pedal imitiert Uffe bis zur Kenntlichkeit entstellt. Vollkommen mühelos und ebenfalls unter Einsatz des Volume-Potis. Spezieller Trick dabei ist es einfach, den Ton erst anzuspielen, und den Lautstärke-Regler anschließend gleichmäßig aufzudrehen bzw. wieder runterzudrehen. Idealerweise nehmt ihr dafür den kleinen Finger der Anschlagshand.

Stutter Effect – Stotter-Effekt

Für den Stutter Effect nimmt er einfach das Plektrum und „stottert“ es mit der Kante in den höheren Bünden auf die Saiten, zieht es auch vom ersten Ton über mehrere Bünde hoch oder runter. Die Gitarre ähnelt plötzlich einer stotternden Ente.

Und dann alles gemeinsam

Rund geht es, sobald er sämtliche Techniken miteinander kombiniert. Während sich die einzelnen Effekte von einigermaßen versierten Gitarristen relativ simpel nachspielen lassen, liegt hier die eigentliche Schwierigkeit in der variantenreichen Abwechslung. Klangen manche der Effekte zwar eben noch interessant, aber möglichweise leicht monoton oder um es musikalisch kreativ auszudrücken: „sphärisch“, wird es jetzt musikalisch. Uffe verstrickt die Spielweisen miteinander.

Ungewöhnliche Tonfolgen und Intervalle, Tapping, Bendings und Pull-offs mit der Greifhand, zugleich Echo, Chorus und mehr. Da fließt beidhändig alles ineinander und vereint sich zu einem sehenswerten und hörenswerten Gesamt-Cluster. Und das klingt immer noch sehr lässig. Einer seiner Songs aus dem Jahr 2005 trägt übrigens den Titel „Dust In The Coffee“. Der Nebel im Kaffee muss ein sehr entspannter sein.

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