Hürden erkennen und ausräumen

10 vermeidbare Fehler bei Gitarrensoli – und wie du es besser machst

Foto: Shutterstock von AAR Studio

Die Fallen, in die du als ambitionierter Newcomer-Gitarrist tappen kannst, sind vielschichtig. Zu viele Punkte, denen man mit falschem Eigenverständnis begegnen, das improvisierte Solo dadurch versemmeln könnte. Gitarrensoli, können wie holprig durchlöcherte, schlecht asphaltierte Straßen sein, auf denen sich manches Fahrzeug die Achsen brechen würde. Kennen wir die menschlichen und musikalischen Fallstricke, wird diese solistische Straße plötzlich befahrbar und hörenswert. Werfen wir einen Blick auf 10 vermeidbare Fehler bei Gitarrensoli:

Check it: 10 vermeidbare Fehler bei Gitarrensoli

  • Die Frage von Adrenalin und Selbstvertrauen
  • Dramaturgie und Storytelling
  • Angst vor Pausen, Reduktion und Effekthascherei
  • Falscher Ort für Profilneurose
  • Dynamisch und menschlich bleiben

Vermeidbare Fehler bei Gitarrensoli – wissen und überlegen, wie es besser geht

Keine Frage, für ein Gitarrensolo kann es nur Empfehlungshinweise und kein starres Muster geben. Erst recht nicht, wenn wir von Improvisation, also purer Kreativität sprechen. Allerdings gibt es typische Bremsen, die wir uns zuweilen vor die eigenen Augen halten müssen, um uns und die musikalischen Ergebnisse nicht zu beschränken. Wäre doch schade drum. Schauen wir, welche das sein können:

1. Fehlendes Selbstvertrauen

Der häufigste Grund für gescheiterte Gitarrensoli, den wir natürlich niemals zugeben würden, ist unser Selbstvertrauen. Skalen, Licks und Riffs sind tausendfach geübt, die musiktheoretischen Zusammenhänge einigermaßen begriffen. Das war allein und im Proberaum. Jetzt aber stehst du auf der Bühne, die Menschen blicken dir auf die Hände, das Adrenalin kriecht unaufhaltsam die Halsader hoch. Im besten Fall verkrampfen sich die Finger, häufiger beginnen sie zu zittern. Beim Fußball würde man sagen: „Der Muskel macht dicht.“

Das passiert auch renommierten Musikern. Die haben mit denselben Problemen zu kämpfen. Selbstverständlich sehen sie auf der Bühne immer sehr stark und gelassen aus. Sind sie nicht. Allerdings haben sie einen nicht zu unterschätzenden Vorteil mit im Gepäck, nämlich die Erfahrung. Durch die in vielen Auftritten gesammelte Routine wissen sie – meistens – wie sie sich auf sich und ihr Instrument fokussieren. Die fundamentale Voraussetzung für deine mitreißende Improvisation ist es, Ruhe zu bewahren und sich keinesfalls den Widersachern Angst und Adrenalin auszuliefern.

Lampenfieber und Adrenalin können gnadenlos zuschlagen
Lampenfieber und Adrenalin können gnadenlos zuschlagen Foto: Shutterstock vo astudion

2. Nicht vorhandene Dramaturgie

Ein Solo, das seine Hörer mitnehmen möchte, ist kein Wettrennen vom ersten bis zum letzten Takt. Ganz im Gegenteil. Wichtig ist der Aufbau, die Steigerung, die Dynamik. Letztlich geht es um eine in die passenden Töne verpackte Dramaturgie. Du kannst simpel und rudimentär beginnen, die Anzahl der Töne steigern, das Tonmaterial erweitern.

Ziel deines kurzen Parts ist das Gleiche wie bei einer kompletten Show: Erst das aufmerksamkeitswirksame Intro, dann das Ganze mit unterschiedlichsten Facetten garnieren und letztlich zum großen Finale anzusetzen. Also nicht zu früh das gesamte Futter verpulvern.

3. Die fehlende Geschichte

Manche Soli glänzen mit purer Inhaltslosigkeit. Netter Versuch, aber was will uns der Gitarrist eigentlich sagen? Ist das lediglich eine Aneinanderreihung von unmotivierten Tönen? Stattdessen soll das Solo eine Geschichte erzählen. Das Storytelling der musikalischen Art. Du bist ein Geschichtenerzähler. Aber diese Story erzählst du eben nicht mit Worten, sondern mit deinem Instrument. Ganz sicher hat der Song ein Thema. Genau dies ist dein Aufhänger, den du für das ausdrucksstarke Solo übernimmst.

Das passiert, wenn man deine Geschichte nicht versteht
Das passiert, wenn man deine Geschichte nicht versteht Foto: von lucas caldevilla

4. Frisch Erlerntes unpassend in den Song geklatscht

Voller Stolz hat man sich eine neue Skala draufgeschafft. Logo, dass die nun auch dem Publikum in die Ohren gebraten werden will. Wirklich? Höchstenfalls dann, wenn sie wirklich zum Song und passt. Andernfalls kann damit schnell ins akustische Klo greifen, wenn man etwa über eine getragene und akkordreduzierte, terzbetonte Ballade plötzlich mixolydisch a la Steve Vai spielt. Du sollst gerade nicht zeigen, was du sonst noch alles kannst. Im Fokus steht ausschließlich das Song-dienliche Solo.

5. Angst vor Pausen

Dass der richtige Ton zum exakt richtigen Zeitpunkt das zielführendste Stilmittel aller Dinge schlechthin ist, haben Musiker wie B.B. King, Eric Clapton oder Peter Green immer wieder bewiesen. Allein an diesen höchst prominenten Beispielen wird klar, dass es nicht Ziel sein kann, schneller zu spielen, als das Publikum hören und fühlen kann. Auch dass die Überfrachtung eines Solos mit zu vielen und zu schnellen Tönen eher wie eine Flucht wirkt.

Der Spruch „auch Pausen sind Musik“, wird in Musikschulen und auf Bühnen mittlerweile geradezu inflationäre herausgeholt. Kein Wunder er stimmt perfekt. Durch Pausen lässt der so immens wichtige Spannungsbogen aufbauen. Gib dem Solo und deinem Publikum Pausen, um mit dir gemeinsam zu atmen.

Auch Pausen sind Musik
Auch Pausen sind Musik Foto: Shutterstock von iproname

6. Zuviel Bedenken vor Reduktion

Steht ein abgeklärter Fußballspieler allein vor dem gegnerischen Tor, nimmt er den Ball und knallt ihn ins Netzt. Nein, er wird jetzt nicht erst 26 Pirouetten drehen, den Ball auf dem Kopf drehen, sich selbst noch einen Fallrückzieher organisieren und die Pille im Handstand hinter die Linie tragen. Er schießt ihn einfach rein. Hätte man auch komplizierter machen können. Aber gewonnen wird auf dem Platz. Und zwar direkt.

Analog heißt das für dich als Gitarrist, dass du nicht erst das komplette Repertoire an abgedrehten Skalen rauspacken musst, um deinen musikalischen Ball zu versenken. Manchmal ist die Pentatonik mehr als ausreichend. Und die muss dir dann auch keineswegs peinlich sein, nur weil du noch viel mehr auf der Pfanne hast. Findest du den richtigen Ton, etwa den passenden Leitton oder die Referenz zur Grundmelodie,  findest du automatisch auch den Zugang zum Publikum.

7. Kein Raum für nonverbalen Dialog

Wer kennt sie nicht, diese werten Zeitgenossen. Man trifft sich rein zufällig, dann beginnt ein „Gespräch“, eigentlich wird es mehr zum Monolog. Der Bekannte quasselt ebenso ungefragt wir ungebremst von Belanglosigkeiten. Nach gefühlt immer länger werdenden zehn Minuten ist man zwar nicht zu Wort gekommen, hat auch nichts verstanden, aber verabschiedet sich freundlich. Immer dabei die Frage im Kopf: „Was wollte er mir jetzt eigentlich sagen?“

Exakt so darf ein Gitarrensolo nicht gespielt sein. Ein Solo ist kein Monolog, der den anderen vorsätzlich oder ungewollt nicht in die eigenen Gefühle lässt. Stattdessen ist ein Solo ein nonverbaler Dialog. Zuhörer müssen teilhaben, mit Gedanken und Empfinden auch antworten können. Du willst deine Zuhörer mitnehmen, nicht überfahren. Ein Lächeln während des Solos wirkt übrigens Wunder.

8. Zu viel Effekthascherei

Keine Frage, dass zum Solo, auch eine Portion Entertainment gehört. Der eine oder andere Effekt wie das Tapping, Sweep-Picking, Flageoletts etc. können wirksam sein. Halten wir uns dabei aber die Bedeutung vor Augen. Ein Effekt ist nur dann ein Effekt, wenn er nicht zur Normalität wird. Tappst du dich also in monotoner Höchstgeschwindigkeit durch die nächsten 24 Takte, verliert der Effekt die Wirksamkeit. Also nicht übertreiben. Auf diese Wirksamkeit musst du hinarbeiten und sie einbetten.

Wird ein Effekt übertrieben, ist er kein Effekt mehr
Wird ein Effekt übertrieben, ist er kein Effekt mehr Foto: Shutterstock von Ronald Sumners

9. Problematische Intonation

Im Liveszenario stehst du unter vollkommen anderen Voraussetzungen als im Proberaum oder zu Hause. Allein die Hörsituation ist aufgrund der Lautstärke eine andere. Hinzu kommt das dich unter Spannung versetzende Adrenalin. Leicht passiert es, dass die Töne überzogen,  also leicht zu hoch angesetzt werden. Besonders trifft das auf die gerne eingesetzten Bendings zu.

Ein Bending, das du daheim noch völlig locker und tonal stimmig draufhattest, und vermutlich noch immer hast, rutscht plötzlich eine Spur zu weit nach oben. Ein üblicher Effekt, der unter Anspannung auftreten kann. Musst man einfach wissen, um sich selbst besser unter Kontrolle halten zu können. Die Faustregel lautet, lieber etwas zu wenig als zu stark hochziehen, akustisch wirkt das dann weniger schräg. Zu hoch platzierte Töne können schnell nerven.

10. Monotonie als Dynamik-Killer

Nicht das Tonmaterial inklusive der Anzahl der Töne ist wichtig. Gleiches gilt für die Phrasierungen. Du kannst eine super Phrasierung etwa in Triolen oder 16-teln oder punktierten Noten haben. Leierst du das über das gesamte Solo wird es monoton. Insbesondere dann, wenn du permanent auf der gleichen Zählzeit des Taktes beginnst.

Erfahrene Solisten können ihre Phrasen auf den unterschiedlichsten Zählzeiten beginnen. Und wenn du nun probierst, deine spezielle Tonfolge oder dein Lick eben nicht auf der 1, stattdessen auf der 2 oder 2und zu beginnen, wirst du schnell spüren, was damit gemeint ist. Und darum geht’s: Dein Solo muss man nicht nur hören, sondern spüren können.

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Das Bending ist einer der beliebtesten Tricks, um die Gitarre singen zu lassen. Vielleicht interessiert dich unser Artikel zum Thema: „Bending auf der E-Gitarre – erweitere deine Spieltechnik“.

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