
Bereits im März dieses Jahres hatte das Landgericht Düsseldorf eine möglicherweise für die ganze Gitarrenbranche wichtige Entscheidung getroffen: Geurteilt wurde bei einer Markenklage, dass die Korpusform der Fender Stratocaster hierzulande und nach europäischem Urheberrecht als „(…) geschütztes Werk der angewandten Kunst“ einzuordnen ist. Die Entscheidung sorgt in der Branche für reichlich Diskussionsstoff. Allerdings sind die Diskussionen auch nicht wirklich neu.
Die im Jahr 1954 von Leo Fender und seinen Mitarbeitern konzipierte Korpusform der Stratocaster hatte sich damals sehr schnell als eigenständige Form im Gitarrenbau etabliert und avancierte innerhalb kürzester Zeit zum Meilenstein mit Legendenfaktor. Wie auch die anderen Klassiker wie etwa die Telecaster wurde insbesondere die Korpusform der Strat in den Jahren und Jahrzehnten darauf vielfach kopiert, wobei insbesondere die asiatischen Hersteller mit geringsten Abweichungen einer etwaigen Markenklage durchaus dreist entkommen wollten.
Bei vergleichbarer Klage in den USA gescheitert
Allerdings war Fender bereits im Jahr 2009 bei einer vergleichbaren Klage in den USA gescheitert. Damals wollte man dort die Korpusformen der Stratocaster und Telecaster sowie des Precision-Basses schützen lassen. Allerdings schien es so, dass Fender die Vielfalt innerhalb der weltweiten Gitarrenproduktion nie vollständig unterbinden wollte. So wolle man laut Fender selbst auch nach dem nun erfolgten Urteil die Diversität und gesunde Konkurrenz im Gitarrenmarkt keinesfalls einschränken.
Wenn’s dem Branchenprimus zu bunt wird
Nun wurde es der renommierten Marke im aktuellen Fall anscheinend zu bunt. Prozessiert wurde gegen den chinesischen Hersteller Yiwu Philharmonic Musical Instruments Co, der entsprechend konfektionierte Gitarren über die Plattform AliExpress angeboten hatte. Allein schon aufgrund der Positionierung in dem Billigportal sah man offenbar den qualitativen Ruf und das historische Erbe gefährdet und befürchtete einen Image-Schaden.
Nun könnte man vermuten, dass Fender mit dem Gerichtsurteil wenig gewonnen hat, da die meisten der Instrumente aus den Copy-Shops ohnehin in Fernost produziert werden und das Urteil sich eben nur auf die Länder der Europäischen Union bezieht. Jedoch besitzt das juristische Schwert sowohl Gültigkeit für die Fertigung als auch den Verkauf und den Vertrieb der Stratos-Korpusform in der EU. Bei Zuwiderhandlungen drohen empfindliche Strafen von bis zu 250.000. Und zwar bei jeder Zuwiderhandlung.
Was entsteht, ist eine Grauzone der Ungewissheit
Bei allen vertrauenshoffenden Vorschuss-Lorbeeren entsteht unter dem Strich nun eine vollkommen neue Grauzone innerhalb der MI-Branche. Fender könnte das ausnutzen, muss es aber nicht. Das heißt schlussendlich, dass bei den Gitarrenmarken große Unsicherheit herrscht, zumal jetzt ein Damokles-Schwert über ihnen schwebt, bei dem sie nur hoffen können, dass es nicht so schlimm wird. Musiker, Hersteller und Händler zeigen sich auf allen Social-Media-Kanälen jedenfalls gleichermaßen alarmiert.
Die Kommentare in den sozialen Medien kochen hoch
Unter Posts anderer Hersteller in den sozialen Medien zu dieser Thematik, bei denen zum Teil auch an die Gitarristen appelliert wird, nicht immer wieder zu den „Klassikern“ wie Stratocaster oder Les Paul zurückzukehren, explodieren die Kommentarspalten. Auf Videoportalen wird die Klage als „Frontal-Angriff auf die MI-Branche“ bezeichnet. Andere wiederum stellen sich gegenwärtig die Frage, ob nun tausende von Gitarren zerstört werden müssen. Tatsache ist, die Suppe wird derzeit so heiß wie selten zuvor gekocht. Ebenso klar ist allerdings auch, dass viele Händler die Instrumente aus dem Copyshop die an die Instrumente von Fender angelehnten E-Gitarren nicht mehr bei ihrem eigentlichen Ursprungsnamen nennen, stattdessen etwa als „ST“ -Modelle bezeichnen.
Das dünne Eis war den Copyshops doch bekannt
Ein gewisses Pardoxon lässt sich bei aller offen ausgetragener Aufgeregtheit vermutlich nicht wegdiskutieren. Die Kopierer haben doch seit Jahrzehnten gewusst, auf welch dünnes Eis sie sich begeben. Offen angesprochen wurde das selten. Obgleich diverse Marken insbesondere aus dem asiatischen Raum auch mit ihrem Marketing offensiv umgegangen sind. Selbst die Absicht, unter dem Radar zu bleiben, ist natürlich alles andere als einfach, wenn man solche Instrumente herstellen und verkaufen möchte. Ob das Urteil für die Zukunft der Vielfalt gut oder schlecht ist und wie konsequent Fender es letztlich umsetzen wird, bleibt abzuwarten.
Dass das Thema nicht so ganz neu ist, zeigt übrigens auch dieser Artikel: „Fender Stratocaster – der Klassiker-Sound, aus dem die Hits sind„





