
Die musikalische Formenlehre wird oftmals als Korsett der Kreativität falsch verstanden. Dabei ist sie ein analytisches Werkzeug, mit dem Struktur und Aufbau von Werken erst nachträglich definiert werden. Zuerst komponierten die Komponisten, dann kam die Formenlehre und sagte: Das ist eine Sonate. Wir gehen gemeinsam auf musikalische Spurensuche.
Check-it: Was ist eine Sonate?
In diesem Artikel zur Thematik der musikalischen Formenlehre stellen wir die Frage: Was ist eine Sonate? Erfahre mehr über die Entstehung, den Wandel und die Analyse. Verstehe den Aufbau von der Sonatenhauptsatzform mit Exposition über die Modulation bis hin zur Durchführung, Reprise und Coda. Ein Begriff der Formenlehre im Wandel der Jahrhunderte:
Was ist eine Sonate?
Die Abgrenzung bzw. Definition der Sonate ist recht einfach und eindeutig. Spätestens seit dem 16. Jahrhundert steht die Sonate für eine instrumentale Komposition. Abgeleitet ist die Bezeichnung von lateinischen „sonare“. In der Übersetzung bedeutet das „klingen“. Und somit kommt die Fachwelt auf die irrwitzige Idee, die Sonate als Klingstück zu bezeichnen.
Aberwitzig deshalb, weil andere musikalische Formen natürlich auch klingen, aber mit diesem Begriff nicht mehr besetzt werden können. Sei’s drum, abgegrenzt wird die Sonate damit gegen die Cantata als Singstück und die Ballata als Tanzstück. Wir lernen also zunächst: Die Sonate ist eine Instrumentalkomposition.
Wer spielt eine Sonate?
Gehen wir eine Stufe weiter ins Detail, um uns dem Verständnis der Sonate zu nähern. Typisch für diese Kunstform ist neben der rein instrumentalen Ausrichtung, dass sie solistisch oder in kleiner Besetzung aufgeführt wurde und wird, also in der Regel nicht für das große Orchester geschrieben ist, obschon eine Sinfonie schlussendlich nichts anderes als eine „Sonate für Orchester“ ist. Dabei besteht die Sonate als groß angelegtes Musikstück aus mehreren eigenständigen Teilen, die als Sätze bezeichnet werden. Meistens wird die Sonate aus drei oder vier Sätzen gestrickt.

Wie verändere sich die Sonate über die Zeit?
Im Laufe der Jahrhunderte hat sich die Bedeutung des Begriffs Sonate immer wieder verschoben. Werfen wir einen Blick zurück in die Zeit des Barock, stellen wir fest, dass hauptsächlich die Tempi mit der Abfolge langsam, schnell, langsam, schnell definiert wurden und die Sätze sich durch ihren klanglichen und charakterlichen Zusammenhalt auszeichneten.
Das änderte sich später in der Ära der Klassik insofern, dass die Sätze erstens vielschichtiger ausgestaltet wurden und vor allem von einer neuen Idee ausgegangen wurde. Nunmehr wurde zwei charakterlich vollkommen gegensätzlich Themen gegenübergestellt. Der sich daraus ergebende Konflikt der Gegensätze machte seither den speziellen Reiz der Sonate aus.
Wie entstand die Sonate?
Vielleicht ist es hilfreich, wenn wir bei dieser Thematik zunächst die richtige Perspektive einnehmen. Gemeinhin könnte man glauben, irgendwer hätte eine musikalische Form vorgegeben und sämtliche Komponisten der jeweiligen Epoche hätten sich ohne Abweichungen geradezu obrigkeitshörig daran gehalten. Etwa wie die kryptische Aufbauanleitung eines schwedischen Möbelhauses, an der man schlussendlich ohnehin verzweifelt. So war es beileibe nicht.
Es hat sich einfach so ergeben
Vielmehr haben die oftmals genialen Komponisten Musik geschrieben, die schlichtweg dem damaligen Zeitgeist und Musikgeschmack entsprach. Und daraus ergeben sich dann eben auch die formalen Ähnlichkeiten und Übereinstimmungen. Auch wenn die klassische Musik üblicherweise komplexer als die Popularmusik ist, lässt sich das gut mit aktueller Musik vergleichen. So ist der formale Aufbau von Chartsongs aus diversen Genres eigentlich immer nahezu identisch. Niemand hat gesagt, das müsse so sein. Es hat sich einfach so ergeben.

Die Strukturform kam erst mit anschließender Analyse
Erst hinterher hat man hingesehen und festgestellt: Aha, an die Stelle gehört das Intro, dann die erste und zweite Strophe, der Refrain, die dritte Strophe, der Refrain, die Bridge, dann der gedoppelte Refrain und abschließend das Outro. Das ist bei nahezu jedem aktuellen Song einheitlich, sogar bei den Malle-Hau-Drauf-Songs. (Anmerkung der Redaktion: Inzwischen gibt es in der Popmusik kaum noch eine dritte Strophe, aber das ist ein anderes Thema.)
Allerdings ist das eben nicht formal vorgegeben, stattdessen den kommerziellen Hörgewohnheiten geschuldet. Und genauso hat sich das mit der Sonate und der später analysebasiert entstandenen Sonatenhauptsatzform entwickelt. Die Musik war bereits vorhanden, als jemand mit dem Finger auf sie zeigte und sagte: Du bist eine Sonate.
Wie ging es von der Sonate zur Sonatenhauptsatzform?
Während die Entstehung der Sonate etwa auf das 16. Jahrhundert zurückgeht, hat sich rund zwei Jahrhunderte später, also ab dem 18. Jahrhundert, die Sonatenhautsatzform entwickelt. Das mag jetzt missverständlich ausgedrückt und sogar faktisch nicht korrekt sein. Aber wie sag ich’s meinem Kinde?
Die Sonatenhauptsatzform gab es bereits, ohne dass sie es wusste. Etliche Komponisten der Klassik wie Beethoven, Mozart oder Haydn hatten bereits solche Werke geschrieben, ohne zu wissen, dass man sie anschließend wiederum in ein musiktheoretischen Korsett pressen würde. Entstanden ist die Sonatenhauptsatzform erst durch die spätere Analyse ihrer Kompositionen.
Wo kommt die Sonatenhauptsatzform überall vor?
Zu finden ist die Sonatenhauptsatzform tatsächlich in Sonaten als auch Sinfonien. Als Ganzes betrachtet ergibt die Sonatenhauptsatzform eine Dreiteiligkeit, nämlich bestehend aus Exposition, Durchführung und Reprise. Vermutlich kratzt du dich gerade an der Denkerstirn und fragst dich, wie eine Sonate dann auch aus vier Sätzen bestehen kann. Die Erklärung ist simpel: Manche Sonaten haben am Schluss noch eine Coda. Und somit wird die Coda zur Sonatenhauptsatzform gezählt. Entscheidend für den Charakter des jeweiligen Stückes ist insbesondere der erste Satz, der sogenannte Kopfsatz.
Allenfalls selten wirst du bei Sonaten auf eine Einleitung treffen, in längeren Werken wie eben der Sinfonie durchaus. In der Regel wird dabei der erste Satz mit langsamem Tempo begonnen. Eine solche Ouvertüre ist aber nicht festgeschriebener Teil der Sonatenhauptsatzform.
Exposition
In der sogenannten Exposition als dem üblicherweise ersten Teil der Sonate werden nacheinander zwei Themen vorgestellt, nämlich das Hauptthema und das Seitenthema. Die beiden könnten unterschiedlicher nicht sein. Während das Hauptthema in der Regel vor Energie nur so strotzt und dabei sehr lebhaft rüberkommt, ist das Seitenthema eher was für die balladesken Romantiker, zumal es deutlich ruhiger und lyrischer ausgestaltet wird.
An welche tonalen Prinzipien muss sich die Sonate halten?
Und da gibt es auch tonale Prinzipien, an die man sich natürlich unbedingt halten muss, um nicht die Fassung bzw. die Form zu verlieren. Das ist schon irre, welchen Beschränkungen man sich dabei unterwirft. So steht das erste Thema – das Hauptthema – immer in der Grundtonart. Handelt es sich dabei um eine Dur-Tonart, steht das zweite Thema – das Seitenthema – in der Dominanten-Tonart.
Zur Verdeutlichung, falls du im Bereich der Harmonielehre noch nicht so sattelfest bist: Steht das Hauptthema in der Tonart C-Dur, folgt das Seitenthema in der Tonart G-Dur. Ist das Hauptthema hingegen in einer Moll-Tonart geschrieben, folgt das Seitenthema in der parallelen Durtonart. Auch hier ein praktisches Beispiel: Wenn das erste Thema in a-Moll steht, folgt das zweite in C-Dur.

Überleitung durch Modulation
Nächster Lerneffekt: Die Teile innerhalb der Exposition zeichnen sich also durch verschiedene Tonarten aus. Damit weder die Hörer noch die Musiker selbst beim Tonartwechsel vor den musikalischen Kopf geschlagen werden, wird der durch eine sogenannte Modulation vorbereitet; irgendwie muss man da ja rüberkommen. Sind die beiden konträren Teile durchgespielt, werden sie abschließend durch die Schlussgruppe abgerundet und – wie der Name bereits ausdrückt – klangschön beendet.
Wie funktioniert die Durchführung der Sonate?
Auf die Exposition folgt die Durchführung. Und – Wunder gibt es immer wieder – an dieser Stelle gibt es keine festgezurrten Formvorgaben, an die sich jeder halten müsste. Ganz im Gegenteil, eigentlich können die Komponisten hier machen, was sie wollen. Das allerdings hört sich freier an, als es in der Praxis stattfindet und umgesetzt wird.
Zumal es, wie erwähnt, bei der neuen Sonatenform um die Darstellung von Kontrasten und musikalischen Gegensätzen in Haupt- und Seitenthema geht, greifen die meisten Komponisten auch in der Durchführung oftmals auf diese Gegensätzlichkeiten zurück.
Immer weiter ins Detail gehend
Sie arbeiten die Themen detaillierter aus, entwickeln sie weiter oder verarbeiten beispielsweise einzelne Motive aus den Themen in der Sonate. Themen werden in ihre motivischen Bruchstücke zerlegt und harmonisch, dynamisch, melodisch und klangfarblich verarbeitet. Die Komponisten können sich in der Durchführung beliebig durch verschiedene Tonarten schwingen, neue Ideen vorstellen und vieles mehr.
Das wird selten bis ins Extrem realisiert. Immerhin reden wir hier nicht von einem Potpourri, sondern klären die Frage: Was ist eine Sonate? Schlussendlich aber geht es vor allem darum, die Zuhörer nicht allzu sehr zu verwirren. Schließlich soll sich das Auditorium im musikalischen Drehbuch wiederfinden können.
Wie funktioniert die Reprise der Sonate?
Als nächster Teil der Sonate folgt in der Sonatenhauptform die Reprise. Im Wesentlichen entspricht die als dritter Formteil der Exposition, wobei das thematische Material den Hörern nochmals aus anderer Perspektive vorgestellt wird. Die Reprise ist demnach eine Rückkehr und zwar eine doppelte Rückkehr zum Anfang des Satzes.
Einer der wichtigen Unterschiede zur Exposition ist, dass in der Reprise sowohl das Haupt- als auch das Seitenthema in der Grundtonart stehen. Das damit einhergehende Resultat ist, dass die Überleitung – die Modulation – zwischen den Themen entfällt. Stehen beide in derselben Tonart, muss da auch nichts moduliert werden. Man wüsste ja nicht mal wohin.
Was ist die Coda der Sonatenhauptsatzform?
Abschließend kann eine Coda folgen, die mehr oder weniger kurz sein kann und allgemein als musikalischer Schluss verstanden wird. Dieser Part war anfänglich kein bedeutender Teil der Sonate, auch nicht der Sonatenform, eigentlich ist sie erst im Laufe der Klassik in die Werke eingeflossen und daraufhin zunehmend zelebriert worden.
Zu den wichtigsten Wegbereitern gehört Beethoven, der maßgeblich mitverantwortlich dafür war, dass die Coda zum vierten Formteil von Sonate und Sonatenhauptsatzform wurde. Und schon erkennen wir wiedermal: Es war nicht so, dass erst die Form existierte und dann schablonenartig die Musik darüber komponiert wurde. Am Anfang stand die Musik, das Raster wurde ihr erst später übergestülpt.
Mehr Theorie gefällig? Wie wäre es hiermit?: „Musikalische Formenlehre: Was ist ein Oratorium?“






