Musikalisch Verantwortung übernehmen – Zukunft gestalten

Die Musikmentoren-Schulung an der Landesmusikakademie NRW

Solmisation (kennen)lernen vor dem Spiegel | Foto: Jakob Wensing

Wenn junge Menschen an der Landesmusikakademie NRW zusammenkommen, um gemeinsam zu musizieren, geht es längst nicht mehr nur um das Einstudieren von Stücken oder das Verfeinern instrumentaler Fertigkeiten. Vielmehr entsteht hier ein Lernraum, in dem musikalische Kompetenz, pädagogisches Geschick und persönliches Engagement ineinandergreifen. Im Zentrum steht dabei ein Qualifizierungsangebot, das sich seit Jahren bewährt hat: die Musikmentoren-Schulung.

Das Programm wird dank der Unterstützung des NRW-Ministeriums für Schule und Bildung bereits zum siebten Mal in Folge durchgeführt – ein deutliches Zeichen dafür, dass sich das Konzept etabliert hat. Was als gezielte Förderung engagierter Jugendlicher begann, ist heute ein fester Bestandteil musikalischer Nachwuchsarbeit und ein Modell, das auch in anderen Bundesländern erfolgreich umgesetzt wird.

Vom Ensemblemitglied zur Leitungspersönlichkeit

Die Teilnehmer der Musikmentoren-Schulung sind musikbegeisterte Schülerinnen und Schüler zwischen 13 und 17 Jahren, die bereits Erfahrungen etwa im Ensemblespiel oder im Chorgesang mitbringen. Doch die Ausbildung setzt bewusst an einem anderen Punkt an: Sie richtet den Blick auf das, was hinter den Kulissen an Schule und Musikschule geschieht – und auf die Rolle derjenigen, die musikalische Prozesse anleiten.

Über den Zeitraum eines Schuljahres hinweg lernen die Jugendlichen, Verantwortung zu übernehmen. Sie beschäftigen sich mit der Planung und Strukturierung von Proben, mit grundlegenden dirigentischen Techniken und mit der Frage, wie musikalische Inhalte verständlich vermittelt werden können.

Der Perspektivwechsel ist dabei zentral: Aus Mitwirkenden werden Mitgestaltende. Die Jugendlichen erleben, wie es ist, Musikgruppen anzuleiten, Entscheidungen zu treffen und Prozesse zu steuern – und entwickeln dabei ein neues Verständnis für musikalische Zusammenarbeit.

Musikmentoren beim Einstudieren und Proben eines eigenen Arrangements | Foto: Jakob Wensing

Praxisnahes Lernen in intensiven Arbeitsphasen

Die Schulung ist konsequent praxisorientiert aufgebaut. In fünf Arbeitsphasen an der Landesmusikakademie NRW werden die Inhalte nicht nur theoretisch vermittelt, sondern unmittelbar angewendet. Die Teilnehmer leiten Einsingübungen, proben in Kleingruppen oder übernehmen Teile der Ensemblearbeit.

Ergänzt wird dies durch organisatorische Aufgaben, die einen wesentlichen Teil musikalischer Praxis ausmachen: die Planung von Konzerten, die Organisation von Probenabläufen oder die Begleitung von Orchesterfreizeiten. Auf diese Weise entsteht ein ganzheitlicher Einblick in das musikalische Arbeiten in (Musik-)Schule und Verein.

Diese Verbindung von künstlerischer und organisatorischer Praxis ist ein entscheidender Erfolgsfaktor des Programms. Sie bereitet die Jugendlichen gezielt darauf vor, nach Abschluss der Schulung Verantwortung in ihren eigenen musikalischen Aktionsbereichen zu übernehmen.

Hochqualifizierte Dozenten als Schlüssel zum Erfolg

Ein wesentlicher Bestandteil der Qualität der Musikmentoren-Schulung ist das Dozententeam. Die Ausbildung wird von erfahrenen Musikpädagogen, Chorleitern, Dirigenten und Musikvermittlern begleitet, die sowohl über fundierte fachliche Expertise als auch über umfangreiche Praxiserfahrung verfügen.

Viele der Dozenten sind selbst in leitenden Funktionen in Schulen, Musikschulen oder Ensembles tätig und kennen die Herausforderungen des musikalischen Alltags aus erster Hand. Diese Nähe zur Praxis ermöglicht eine besonders anschauliche und realitätsnahe Vermittlung der Inhalte.

Darüber hinaus bringen die Lehrenden unterschiedliche künstlerische und pädagogische Perspektiven ein. Sie arbeiten interdisziplinär, greifen aktuelle Entwicklungen auf und fördern individuelle Stärken der Teilnehmenden. Feedbackgespräche, Reflexionsrunden und personifizierte Betreuung sorgen dafür, dass die Jugendlichen gezielt gefördert werden.

Aufmerksamkeit ist beim Erarbeiten einer eigenen Filmmusikszene geboten | Foto: Jakob Wensing

„Es geht uns nicht darum, fertige Dirigentinnen oder Dirigenten auszubilden“, betont eine Dozentin. „Wir wollen vor allem Begeisterung wecken, Potenziale sichtbar machen und die Jugendlichen ermutigen, Verantwortung zu übernehmen.“

Förderung durch das Ministerium für Schule und Bildung NRW

Die Bedeutung des Programms spiegelt sich auch in seiner institutionellen Einbettung wider. Die Musikmentoren-Schulung wird seit Anbeginn vom Schulministerium gefördert und begleitet. Diese Unterstützung unterstreicht den bildungspolitischen Stellenwert des Angebots.

Es geht dabei nicht allein um musikalische Bildung, sondern um die Entwicklung zentraler Kompetenzen wie Selbstständigkeit, Teamfähigkeit und Kommunikationsstärke. Fähigkeiten, die im schulischen Kontext ebenso relevant sind wie im späteren Berufsleben.

Durch die Anbindung an das Schulministerium wird zudem sichergestellt, dass das Kurskonzept möglichst langfristig verankert und weiterentwickelt werden kann. Die Schulung ist damit nicht nur ein Einzelprojekt, sondern Teil einer strategischen Förderung musikalischer Bildung und Nachwuchsarbeit.

Engagement als zentrales Ziel

Ein wesentliches Anliegen der Musikmentoren-Schulung ist die Förderung der Teilnehmer zum Engagement: Die Jugendlichen sollen dazu motiviert werden, sich aktiv in das musikalische Leben ihrer Umgebung einzubringen – ob in Schulensembles, Vereinen oder freien Projekten.

Nach Abschluss der Ausbildung sind die jungen Musiker in der Lage, Chöre, Orchester und Ensembles unterstützend zu begleiten. Sie übernehmen organisatorische Aufgaben, assistieren bei Proben oder leiten kleinere Einheiten selbstständig an. Damit leisten sie einen wichtigen Beitrag zur Stabilität und Weiterentwicklung musikalischer Strukturen in der Amateurmusikszene, insbesondere auch im ländlichen Gebiet.

Gerade in Zeiten, in denen ehrenamtliches Engagement aufgrund ausbleibenden Nachwuchses unter Druck steht, gewinnt diese Form der Förderung zunehmend an Bedeutung. Die Musikmentoren wirken als Multiplikatoren, die ihr Wissen und ihre Erfahrungen weitergeben und neue Impulse setzen. Dieses Ziel hat sich im Verlauf der letzten Jahre erfolgreich bewährt.

Ein bundesweit erfolgreiches Modell

Die Ausbildung von Musikmentoren ist kein isoliertes Konzept. In mehreren Bundesländern wird sie bereits seit Jahren durchgeführt und stetig weiterentwickelt. Die positiven Erfahrungen zeigen, dass das Modell nachhaltig wirkt.

Jugendliche werden frühzeitig an Leitungsaufgaben herangeführt, entwickeln Selbstvertrauen und entdecken neue Perspektiven. Gleichzeitig profitieren Schulen, Musikvereine und Ensembles von den zusätzlichen Kompetenzen, die die jungen Mentoren einbringen.

Digitale Medien und Musik-Apps zählen zu festen Bestandteilen der Schulung | Foto: Jakob Wensing

Der Austausch zwischen den Bundesländern trägt dazu bei, das Programm kontinuierlich zu verbessern. Konzepte werden angepasst, Erfahrungen geteilt und neue Impulse gesetzt. Die Durchführung an der Landesmusikakademie NRW ist Teil dieses überregionalen Netzwerks.

Nachhaltige Wirkungen

Die skizzierten Erfolge der Musikmentoren-Schulung an der Landesmusikakademie NRW lassen sich auch konkret bilanzieren: Eine Befragung ehemaliger Teilnehmer der Jahrgänge 2020 bis 2025 zeigt, dass viele Alumni ihre musikalischen Kompetenzen weitergeben, Verantwortung übernehmen und aktiv zur Nachwuchsförderung an verschiedenen Standorten in NRW beitragen.

Von insgesamt 120 Absolventen beteiligten sich 66 an der Befragung – eine Rücklaufquote von rund 55 Prozent. Besonders deutlich wird die Bedeutung der Schulung für den weiteren musikalischen Weg der Teilnehmer: Zwölf Alumni der Jahrgänge 2020 bis 2023 haben ein Musikstudium oder ein musikbezogenes Studium aufgenommen. Weitere acht Teilnehmer der Jahrgänge 2024/25 planen konkret einen entsprechenden Ausbildungsweg nach der Schule. Dabei reicht die Bandbreite von künstlerischen Musikstudiengängen über das Lehramt Musik bis hin zur Elementaren Musikpädagogik.

Multiplikation für die Amateurmusik

Die Wirkung reicht jedoch weit über den Schulbereich hinaus und stärkt beispielsweise die Amateurmusikszene in NRW nachhaltig. Zahlreiche ehemalige Musikmentoren übernehmen heute Verantwortung in Chören, Orchestern, Bands und anderen Ensembles. Sie leiten Proben, betreuen Register- und Satzproben, geben Instrumentalunterricht oder begleiten junge Musiker durch Workshops und Coachings.

Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Nachwuchsförderung: Alumni engagieren sich in Bläserklassen, Nachwuchsorchestern, Übepatenschaften und musikalischen Projekten für Kinder und/oder Jugendliche. Auch organisatorische Aufgaben in Vereinen, die Entwicklung eigener Konzert- und Ensembleprojekte sowie Neugründungen musikalischer Formate gehören zu den Wirkungsfeldern der ehemaligen Teilnehmer.

Die Ergebnisse der Umfrage verdeutlichen: Die Musikmentoren vermitteln nicht nur musikalische Fähigkeiten, sondern schaffen langfristig Multiplikationen, indem sie Wissen weitergeben, Verantwortung übernehmen und die musikalische Vielfalt in der Amateurmusikszene NRWs aktiv mitgestalten.

Persönlichkeitsentwicklung durch Musik

Die Wirkung der Musikmentoren-Schulung reicht weit über die Vermittlung musikalischer Inhalte hinaus. Viele Teilnehmer berichten, dass sie während der Ausbildung persönlich gewachsen sind. Sie lernen, vor Gruppen zu sprechen, soziale Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen.

Das Gruppenfeeling unter musikalisch Gleichgesinnten bildet einen wichtigen Bestandteil des Kurses | Foto: Jakob Wensing

Dabei werden auch persönlichkeitswirksame Herausforderungen bewusst einbezogen: Unsicherheiten, Lampenfieber oder Konflikte innerhalb von Gruppen gehören zum Lernprozess dazu. Die Jugendlichen entwickeln Strategien, um damit umzugehen – und gewinnen dadurch an Sicherheit und Souveränität.

Diese Erfahrungen prägen nachhaltig. Sie wirken sich nicht nur auf das musikalische Engagement aus, sondern auch auf schulische und berufliche Perspektiven.

Drei Wege zum Ziel: Wie Musikmentoren Ensembles entwickeln

Die Abschlussprojekte, die die Teilnehmer der Schulung zur Erlangung eines Zertifikats erarbeiten und vorstellen, verdeutlichen auf anschauliche Weise, wie unterschiedlich musikalische Leitung, pädagogische Ansätze und organisatorische Kompetenzen in der Praxis zusammenwirken können. Trotz ihrer individuellen Ausrichtungen lassen sich anhand der (im Folgenden beispielhaft ausgewählten) Projekte dreier Alumni zentrale Gemeinsamkeiten verdeutlichen, die den Kern der Ausbildung ausmachen: eigenverantwortliches Arbeiten, praxisnahe Ensembleleitung und eine reflektierte Auseinandersetzung mit musikalischen Lernprozessen:

1. Valentina (15 Jahre): Arrangieren und dirigieren – Popmusik im Streichorchester

Ein besonders künstlerisch geprägter Zugang zeigte sich in Valentinas Projekt. Sie hat mit „Clocks“ von Coldplay bewusst ein populäres Stück ausgewählt, das sie eigenständig für ein schulisches Streichorchester arrangiert hat. Dabei wurde deutlich, wie stark die Rolle als Musikmentorin über das reine Musizieren hinausging: Sie hat Tonart, Schwierigkeitsgrad und Länge des Stücks gezielt an die Fähigkeiten ihres Ensembles angepasst und ein Arrangement entwickelt, das sowohl gut spielbar als auch musikalisch überzeugend war.

In den Proben hat sie strukturiert und methodisch gearbeitet, indem sie schwierige Passagen isoliert geübt, das Tempo schrittweise gesteigert und gezielt auf Dynamik und Zusammenspiel geachtet hat. Gleichzeitig hat ihr Projekt gezeigt, wie wichtig Motivation und Identifikation für erfolgreiche Ensemblearbeit waren: Durch die Wahl eines bekannten Popsongs ist es ihr gelungen, die jungen Musiker emotional anzusprechen und aktiv einzubinden. Besonders prägend war dabei ihr persönlicher Lernprozess gewesen: Die anfängliche Unsicherheit im Umgang mit der Gruppe ist zunehmend einem wachsenden Selbstvertrauen in ihrer Rolle als Leiterin gewichen.

2. Florian (16 Jahre): Chorprojekt unter realen Bedingungen

Einen anderen Schwerpunkt hat Florian gesetzt, dessen Projekt vor allem die organisatorischen und sozialen Dimensionen musikalischer Praxis in den Mittelpunkt gestellt hat. Mit der Gründung eines Projektchors für die Erarbeitung des Songs „Man in the Mirror“ von Michael Jackson hat er nicht nur musikalische Verantwortung übernommen, sondern auch umfangreiche Planungs- und Koordinationsaufgaben bewältigt.

Dabei ist deutlich geworden, wie stark musikalische Projekte von äußeren Faktoren beeinflusst werden können: Schwierigkeiten in der Kommunikation, wechselnde Besetzungen und ein anfänglich unzureichendes Zeitmanagement haben große Herausforderungen dargestellt. Florian hat darauf mit Flexibilität und Anpassungsfähigkeit reagiert, indem er sein Konzept mehrfach überarbeitet und den Fokus gezielt auf eine besser erreichbare Zielgruppe gelegt hat.

Übergabe Zertifikate an die Musikmentoren zum Abschluss der Schulung, mit NRW-Schulministerin Dorothee Feller (1. Reihe, 8.v.l.), Heike Wermer, Vorstandsvorsitzende des Trägervereins der Landesmusikakademie NRW (7.v.l.) und Akademiedirektor Stefan Vörding (9.v.l.) und den Dozenten | Foto: Maya Eckardt

Methodisch arbeitete er dabei stark projektorientiert: Er organisierte Probenstrukturen, moderierte Gruppenprozesse moderiert und bemühte sich aktiv um Motivation und Zusammenhalt innerhalb des Ensembles. Sein Projekt hat exemplarisch gezeigt, dass musikalische Leitung immer auch soziale Führung bedeutete – und dass Problemlösungskompetenz, Durchhaltevermögen und Kommunikationsfähigkeit zentrale Qualitäten von Musikmentor sind.

3. Mathilda (16 Jahre): Analyse und Vergleich – Zwei Ensembles, zwei Lernkulturen

Einen analytisch-reflektierenden Ansatz hat Mathilda verfolgt, die zwei unterschiedliche Ensembles – eine schulische Bläserklasse und ein vereinsgebundenes Nachwuchsorchester – systematisch miteinander verglichen hat. Ihr Projekt hat praktische Probenarbeit mit einer differenzierten Beobachtung und Auswertung verschiedener Faktoren wie Motivation, Lernfortschritt, Probenkultur und musikalische Umsetzung verbunden.

Auffällig ist dabei ihr strukturierter methodischer Zugriff gewesen: Sie hat klare Bewertungskriterien entwickelt, parallel angelegte Proben durchgeführt und ihre Beobachtungen sorgfältig dokumentiert. Besonders interessant war ihre Erkenntnis, dass sich die Lernbedingungen innerhalb der beiden Ensembles deutlich unterschieden hatten: Während die Bläserklasse stärker von schulischen Strukturen geprägt war, hat sich das Vereinsorchester durch eine lockerere und intrinsisch motivierte Atmosphäre ausgezeichnet.

Beide Systeme haben jedoch auf unterschiedlichen Wegen zum musikalischen Ziel geführt. Mathildas Projekt hat damit verdeutlicht, wie wichtig es war, Probenmethoden an die jeweiligen Rahmenbedingungen anzupassen und Lernprozesse differenziert zu betrachten.

Insgesamt zeigen die Abschlussprojekte eindrucksvoll die Bandbreite dessen, was junge Musikmentoren leisten können: Sie arrangieren, dirigieren, organisieren, analysieren und führen. Dabei entwickeln sie nicht nur musikalische Fähigkeiten weiter, sondern wachsen auch in ihrer Persönlichkeit. Die Projekte sind damit nicht nur ein Abschluss der Schulung, sondern zugleich ein Ausblick auf das, was diese jungen Menschen künftig in der musikalischen Bildungsarbeit leisten können.

Wer sich mehr für die verschiedenen Musikmentoren-Programme an den Landes- und Bundesakademien in Deutschland interessiert, der sei auf die aktuelle Überblicksdarstellung des „Bundesverbands Musikunterricht“ verwiesen: https://www.bmu-musik.de/musiklehrer-werden/musikmentorenprogramme/

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