Musik prägt die Atmosphäre einer ganzen Schule

Lehrer Florian Aschenbrenner und die Albert-Schweitzer-Realschule Regensburg

Florian Aschenbrenner dirigiert Orchester der Albert-Schweitzer-Realschule Regensburg | Foto: Tobias Neubert

Nein, die Albert-Schweitzer-Realschule liegt nicht in der pittoresken Altstadt von Regensburg, sondern im Stadtteil Reinhausen, auf der anderen Seite der Donau. Kein Weltkulturerbe, sondern Wohnblöcke, Zweckbauten, Einkaufszentren. Wenn man auf die Schule zugeht, zeigt sich ein typischer 60er-Jahre-Bau, etwas kühl und schmucklos. Aber schon der erste Schritt hinein lässt einen staunen: Irgendwo probt eine Band, ein Schüler auf dem ansonsten leeren Gang grüßt höflich, im Eingangsbereich viele bunte Flaggen von Partnerschulen im Ausland.

Neben dem Sekretariat Urkunden, Auszeichnungen, Preisverleihungen für verschiedene Schulprojekte. Ein ganz wichtiger, sehr renommierter Preis ist jetzt noch dazugekommen: der medienwirksame, in Musikkreisen äußerst populäre „Opus Klassik“. Er ging an den Musiklehrer der Schule, Florian Aschenbrenner, für sein Konzept „Musik als Schlüssel zur Integration“.

Aber der Preis gebühre ihm nicht allein, beteuert Aschenbrenner vehement, sondern dem gesamten Team aus Musiklehrerkollegen, Schulleitung und allen Mithelfern. Eingereicht hatten Aschenbrenner und sein Team ein professionell gedrehtes Video, ein spaßiges Hohelied der Schüler auf ihre Albert-Schweitzer-Realschule, unterlegt mit selbst geschriebenen und selbst eingespielten Songs.

Musiklehrer Florian Aschenbrenner erhält den Musikpreis „Opus Klassik“ | Foto: Mo Wüstenhagen

Und was genau wurde da nun prämiert? Florian Aschenbrenner bringt es mit wenigen Worten auf den Punkt: „Kindern und Jugendliche die Musik näherbringen, ohne irgendwelche Hürden.“

Der Weg zur „Ordentlichen musischen Realschule“

Die ersten Anfänge dieses musikpädagogischen Konzepts liegen inzwischen zehn Jahre zurück. „Wir wollten musikalisch etwas gestalten an der Schule“, so Florian Aschenbrenner, „aber es gab nur Frust. Von den 500 Schülern spielte gerade mal eine Handvoll ein Instrument, im Chor saßen zehn Schüler, jede Woche habe ich wieder von vorn angefangen mit der leichten Mehrstimmigkeit. Ich dachte nur, so können wir nicht arbeiten, und so können wir auch nichts präsentieren. Meine Idee war dann: eine Bläser-Klasse ausprobieren. ‚Geht nicht‘, meinte ein Kollege, hätte er auch schon versucht, die Eltern haben kein Geld. Okay, dachte ich, dann müssen wir das so schaffen.“

Und Florian Aschenbrenner schafft es. Unterstützt von der damaligen Schulleitung, akquiriert er Spenden, nutzt vorhandene Gelder aus dem Haushalt und kauft die ersten 15 Instrumente.

Inzwischen sind 110 Kinder und Jugendliche aus allen Jahrgangsstufen musikalisch aktiv, also etwa ein Fünftel der gesamten Schülerschaft. „Ordentliche musische Realschule“, seit 2025 darf die Albert-Schweitzer- Realschule sich so nennen. Der etwas sperrige Amtstitel meint damit nach bayerischem Schulrecht eine „reguläre, d.h. staatliche oder städtische Realschule mit dem Schwerpunkt Musik“. Konkret sind es in den Klassen fünf und sechs sogenannte Bläserklassen, später dann Talentgruppen zur musikalischen Begabtenförderung, Schulbands, Ensembles und Chöre. Ganz wichtig sind dabei im Frühjahr die Probentage in einem Schullandheim in der Nähe von Regensburg. Sie sind das Highlight: Musik und Gemeinschaft, Begeisterung und konzentriertes Arbeiten verbinden sich hier zu einem rundum gelungenen pädagogischen Erlebnis.

Auftritt Schüler der Albert-Schweitzer-Realschule Regensburg | Foto: Tobias Neubert

Daneben gibt es Workshops, Konzertbesuche und Musikfahrten, auch schon mal zum Musical nach Hamburg.

Drei Musikstunden pro Woche haben die Jüngsten, aus den Klassen fünf und sechs in den so genannten Bläserklassen. Zwei Stunden davon gemeinsam, eine Stunde im Instrumentalunterricht in Kleingruppen. Alles ist kostenfrei. „Ganz wichtig“, so Florian Aschenbrenner, „sonst würde es nicht funktionieren.“

Wie geht es dann weiter? „Ab der siebten Jahrgangsstufe können interessierte und begabte Schüler in Talentgruppen, bzw. seit letztem Schuljahr im musischen Zweig weiterarbeiten“, erklärt Florian Aschenbrenner.

Zuletzt, am Ende der 10. Klasse, steht dann eine praktische und schriftliche Abschlussprüfung in Musik. So wie bei der 15-jährigen Chantal. Sie beginnt gerade ihr letztes Schuljahr und spielt mit großer Begeisterung Querflöte. Alles macht ihr großen Spaß, das Orchesterspielen, das Instrumentalspiel, die Auftritte. „Ich finde, das Musikmachen verbindet auch die Klassen nochmal anders als normaler Unterricht, man agiert mehr miteinander“, erzählt Chantal. Ihre Freundin Marlene kann nur beipflichten: „Oder im Orchester, da entwickelt sich ein soziales Gefühl. Im normalen Unterricht gibt es sowas nicht.“

Marlene Greiner und Chantal Wendler | Foto: Ines Pasz

Klassische Musik gibt es natürlich auch. „Zum Hören ist es nicht so mein Ding“, gesteht Marlene, „aber zum Spielen schon, da ist es echt toll“. Das Repertoire ist vielseitig und bunt. „Bei unserem letzten Konzert hatten wir ‚Earth, Wind & Fire‘ im Programm, einen Zwiefachen aus der Oberpfalz, also Volksmusik, ein tschechisches Stück von Karel Svoboda, und was Klassisches. Für Jeden war etwas dabei.“

Persönliche Entwicklungen durch das Musikmachen

Natürlich geht es bei dem ganzen Projekt nicht nur um das reine Musikmachen, sondern um ein Gemeinschaftsgefühl, ein soziales Miteinander, um Verantwortung, Konzentration und natürlich Integration. Kinder und Jugendliche aus mehr als 50 Nationen besuchen die Albert-Schweitzer-Realschule. Nicht alle von ihnen wachsen behütet auf, erläutert Florian Aschenbrenner: „Wir haben hier Kinder, die müssen selber aufstehen, frühstücken, sich fertig machen, weil die Eltern schon beim Arbeiten sind oder noch beim Arbeiten sind. Das alles ist schon eine Herausforderung bei uns. Aber durch diese ganze Arbeit mit Musik hat man das Gefühl, dass es irgendwie abfärbt auf die Psyche dieser Kinder. Es bringt ihnen etwas Positives, etwas Schönes im Alltag, und sie entwickeln dabei ihre Persönlichkeiten. Die musikmachenden Kinder verstehen sich sehr gut, und sie sind auch enorm eigenständig. Letzten Mittwoch war die 10. Klasse beim Wandertag, meine Musikschüler haben mit mir Unterricht gemacht, freiwillig. Zwei Schüler meinten dann, sie würden in zwei Monaten in Flossenbürg ein KZ besuchen und bräuchten dafür ein musikalisches Programm. Das war ihnen ganz wichtig, dass das stilistisch zum Anlass passt. Das hat mich sehr beeindruckt.“

Solche Schüler bewegen sich dann schon auf einem höheren Niveau, bei den Anfängergruppen klingt es schon mal noch etwas schräg. Die Kinder suchen nach den richtigen Tönen, Florian Aschenbrenner gibt geduldig Tipps. Wenn dann irgendwann ein erkennbares Lied herauskommt, strahlen alle um die Wette. Am Ende der Stunde noch ein kleines Experiment. „Vom Geräusch zum Klang“, mit dieser Prämisse schickt Florian Aschenbrenner die Kinder auf die Suche. Was genau steckt klanglich alles drin in meiner Trompete oder meinem Saxofon? Einige Schüler zerlegen ihr Instrument und forschen nach unentdeckten Schallquellen. Es pfeift, zischt und grummelt. „Dasselbe hatte ich neulich mit der 10. Klasse versucht und dabei sehr tolle Ergebnisse erzielt“, erklärt Aschenbrenner. Im Hintergrund steht hier der Wettbewerb „teamwork! neue musik (er)finden“ des Bundesverbands Musikunterricht, der alle zwei Jahre stattfindet. In der Bläserklasse der 5. und 6. Klasse ist es bis zur Neuen Musik zwar noch ein weiter Weg, aber die Saat ist gelegt.

„Musik-Gymnasien haben natürlich ein ganz anderes Niveau als wir“, so Florian Aschenbrenner, „die Schüler haben da ganz andere Voraussetzungen, bei uns fangen alle komplett bei null an.“

In der Tat kann in der Albert-Schweizer-Realschule jeder und jede mitmachen, musikalische Vorkenntnisse sind nicht nötig.

Hier findet statt, was Musikschulen wegen ihrer hohen Gebühren schon lange nicht mehr gewährleisten können: musikalische Bildung, unabhängig von Herkunft und finanziellen Möglichkeiten. Die Albert-Schweitzer-Realschule hat sich dadurch in der Region einen Namen gemacht. Und 2025 erhielt sie sogar den deutschen Schulmusikpreis.

Auch Schuldirektor Bernd Namislo ist sichtbar stolz auf seinen prämierten Lehrer und auf das gesamte Konzept, das er mittragen muss und will. „Unser Musik-Projekt prägt die gesamte Atmosphäre an der Schule“, so Namislo, „den ganzen Tag über hört man immer irgendwo Musik bei uns. Instrumentalunterricht, Bandprobe, Bläserklasse, irgendwas ist immer los. Musik bildet, Musik verbindet, Musik hilft, dass alle besser vernetzt sind, fördert die Disziplin und das Durchhaltevermögen. Wichtig dabei: keine Bildung ohne Bindung. Wenn ich nicht vorher anfange, mit den Kindern Beziehungen aufzubauen, so wie hier bei uns, dann brauchen wir gar nicht über Lernen sprechen.“

Bernd Namislo, Direktor der Albert-Schweitzer-Realschule Regensburg | Foto: Werner Müller

Bernd Namislo lobt die Stadt Regensburg für die Übernahme eines Teils der Kosten. „Sachaufwandsträger“ heißt das im Schuldeutsch, das bedeutet, die Stadt bezahlt die Instrumente, das Land Bayern kommt für die zusätzlichen Unterrichtsstunden der Lehrkräfte auf. Seine Aufgabe als Schuldirektor ist dann das Organisatorische. Die Bands und Orchester setzen sich zusammen aus Schülern unterschiedlicher Jahrgangsstufen, die fehlen dann im Unterricht und das muss natürlich mit den anderen Lehrkräften kommuniziert werden. Aber immer wieder fällt das Wort „Schulfamilie“, man hat den Eindruck einer gut funktionierenden Gemeinschaft, in der alle am gleichen Strang ziehen, nämlich den Kindern und Jugendlichen ein optimales Angebot zu machen, sie mitzunehmen, sie zu fördern und zu stützen und ihre Begeisterung zu wecken, für die Musik und das Musizieren.

Das übrigens auch bei denen, die das zusätzliche Musikangebot nicht nutzen. Regelmäßiger Musikunterricht ist Standard in der Albert-Schweitzer-Realschule, mindestens einmal pro Woche.

Musiklehrer aus Leidenschaft

„Jungs, Mädels“, immer wieder ruft Florian Aschenbrenner mit seiner markanten Stimme in die 9. Klasse hinein und animiert seine Schüler zum Mitmachen. In den nächsten Wochen sollen sie die Spuren des Regensburger Komponisten Joseph Renner (1868-1934) erkunden.

Wer war das eigentlich und was hat er mit der heutigen Stadt zu tun? In kleinen Gruppen sollen die Schüler in der Stadt Fotos machen, Eindrücke sammeln und recherchieren, was aus den historischen Orten geworden ist. Sie sollen Renners Nachfolger als Domorganist interviewen und sich mit einem Sänger des Renner-Ensembles unterhalten. Aus all diesen Puzzleteilen soll eine besondere Stadtführung entstehen: Regensburg zu Renners Zeit trifft auf das Regensburg von heute. Musikgeschichte also nicht zum Auswendiglernen, sondern zum Entdecken – mitten in der eigenen Stadt.

Schüler konzertieren in der Albert-Schweitzer-Realschule Regensburg | Foto: Tobias Neubert

Florian Aschenbrenner ist ein Musiklehrer aus Leidenschaft, aber auch einer, der das Beste aus seinen Schülerinnen und Schülern herausholen will.

Auch Respekt und Konzentration spielen dabei eine Rolle. So lässt er zur Begrüßung die ganze Klasse aufstehen – kein Relikt aus autoritären Schulstrukturen, sondern ein Moment der Sammlung und der gegenseitigen Achtung.

Zum ersten Mal wird der renommierte „Opus Klassik“ in der Kategorie „Musiklehrer des Jahres“ vergeben. Ausgezeichnet werden soll damit eine Lehrkraft, die „musikalische Bildungsprozesse individuell, kreativ und nachhaltig gestaltet, neue Formen der Vermittlung ausprobiert und damit Impulse für die nächste Generation gibt.“ Normalerweise geht der OPUS KLASSIK an Musiker und Sänger im Rampenlicht, an Stars der Klassikszene. 2026 führt sein Weg jetzt auch in eine Realschule in Regensburg. Die Botschaft dahinter ist unüberhörbar: Die Zukunft der klassischen Musik entscheidet sich nicht nur auf der großen Bühne – sondern auch dort, wo junge Menschen mit Musik ihre ersten Erfahrungen machen, und überhaupt erst lernen, zuzuhören.

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