Lösungsversuche für den musikalischen Nachwuchs

Motiviert üben und lernen – auch in Krisenzeiten

Foto: Shutterstock von Anton Karavaev

Die Event-Branche ist von den Corona-bedingten Einschränkungen besonders hart betroffen. Unter welchem Druck professionelle Kulturschaffende, Event-Dienstleister, Veranstalter und Künstler stehen, ist dramatisch und hinlänglich bekannt. Welche Auswirkungen aber haben Social-Distancing & Co. auf die zahlreichen Hobby- und Nachwuchsmusiker? Wie soll man motiviert üben und lernen, wenn gemeinsamer Austausch nicht mehr möglich ist? Ein paar Lösungsansätze:

Check it: Motiviert üben und lernen

  • Was bedeutet Social Distance für den Nachwuchs
  • Lernszenarien und unterschiedliche Lerntempi
  • Lösungsansätze für kontaktfreie Zeiten
  • Online-Varianten für Konferenz-Üben
  • Musikalisches Online-Puzzle

Motiviert üben und lernen: Was wird mit dem Nachwuchs?

Die Profis und Semiprofis stehen am Rande ihrer Existenz, vielfach haben sie die Pandemie-Einschränkungen und nicht möglichen Auftritte bereits wirtschaftlich nicht überlebt. In den Jahren 2020/2021 findet ein Massensterben von Veranstaltungs-Locations statt, zahlreiche Künstler waren und sind gezwungen, auf vollkommen andere Weise ihren Lebensunterhalt zu verdienen. So denn überhaupt noch andere Möglichkeiten existieren. Um die Pandemie einzudämmen, ist das offensichtlich nötig. Besser wird die jeweils individuelle Situation nicht.

Uns interessiert an dieser Stelle eine andere Perspektive. Nämlich die Frage, wie Hobby- und Nachwuchsmusiker mit der Situation umgehen. Welche Auswirkungen haben die Kontaktbeschränkungen auf diejenigen, die gerade ein Instrument lernen möchten und den Sprung in eine möglicherweise bezahlte Kreativität erst noch schaffen wollen? In diesen Gedanken geht es uns um die emotionale Ebene der Kids und Schüler, bei denen gerade der musikalische Funke gezündet hat und die sich nun in einer eher tauben und stumpfen Lernebene befinden.

Exakt diese Gemeinschaft gibt es in Krisenzeiten leider nicht
Exakt diese Gemeinschaft gibt es in Krisenzeiten leider nicht Foto: Shutterstock von Monkey Business Images

Geheimnis der vielfältigen Lernszenarien für deine Motivation

Ein Instrument zu erlernen ist ein in sich spannender Prozess. Einer, der aus dem Wechselspiel zwischen dir, dem Instrument, aber auch im Zusammenspiel mit anderen entsteht. Dabei erfährst du Erfolgserlebnisse auf unterschiedlichen Ebenen bzw. in verschiedenen Konstellationen. Und allesamt haben ihre eigene Qualität und ihre spezifischen Vorzüge. Üblicherweise wirst du nur mit der wechselseitigen Symbiose motiviert üben und lernen.

Diese Vielfalt ist angesichts der Pandemie-Entwicklung massiv eingeschränkt. Heißt das jetzt, dass du besser gar nicht erst anfangen solltest, dass das Instrument für später mal in die Ecke gepfeffert wird oder du es ungleich schwerer haben wirst, dein Hobby auf vernünftige Beine zu stellen? Nein, hoffentlich nicht. Versuchen wir mal, die unterschiedlichen Szenarien zu sezieren und daraus einen Plan zu konstruieren, damit du weiterhin motiviert üben und lernen und auch zügig vorankommen kannst:

Lerneffizienz in den ersten Gang geschaltet – die Basics

Zunächst bist da du selbst mit  deinem Instrument. Endlose Stunden werte ihr beide zusammen verbringen, euch immer enger miteinander anfreunden,  bis ihr eine vertraute Einheit bildet. Schritt für Schritt wirst du besser werden. Funktionieren kann das nur, wenn du dir zunächst die Basics draufschaffst und die immer wieder übst. Zur Wahrheit gehört auch, dass das bisweilen auch monoton bis langweilig werden kann. Die ersten Töne und Tonleitern sitzen nun mal erst dann, wenn man sie bis zu Erbrechen rauf und runter geübt hat. Dabei hat jedes Instrument seine eigenen Anforderungen.

Im Normalfall wirst du dich dafür in ein ruhiges Zimmer zurückziehen müssen. Für dich ist das ausgiebige Einstudieren der Basics eine dringend wichtige Angelegenheit, selbst wenn zuweilen von motiviert lernen und üben nicht die Rede sein kann. Für Nachbarn, Hausmeister und sonstige unfreiwillige Konzertgänger ist das nur nervig. So ist es eben.

Da müssen die durch, du kannst a nicht aus Rücksichtnahme auf entnervte Nachbarn auf deine Karriere verzichten. Tatsache bleibt: Du wirst häufig vollkommen allein üben müssen. Gleichermaßen stimmt aber auch, dass das die Situation ist, in der du die allergeringste Rückmeldung bekommst, keinerlei Feedback und keinerlei menschliche Interaktion.

Das soll dich keinesfalls abschrecken; für einen gewissen Zeitraum kann auch gerade diese abgeschiedene Konzentration Spaß machen, zumal du nicht permanent fremdkontrollierten Blicken und Beurteilungen ausgesetzt bist. Du musst lediglich wissen, was auf dich höchstwahrscheinlich zukommen wird, um nicht gelangweilt vom Weg abzukommen. Diese Form des Lernens ist zwingend notwendig, idealerweise nach den didaktischen Vorgaben der Musiklehrer.

Das „einsame“ Üben ist wichtig für die Basics
Das „einsame“ Üben ist wichtig für die Basics Foto: Shutterstock von Olesya Kuznetsova

Zweiter Gang: Im Austausch potenziert sich die Lerngeschwindigkeit

Allerdings darf man auch nicht unerwähnt lassen, dass das „einsame“ Üben konkrete Erfolgsgrenzen hat. Erst dann, wenn du deine erlernten und eingeübten Fähigkeiten mit anderen austauschen kannst, wirst du dein Können auch anwenden können. Was sollst du mit drei Akkorden, wenn du nicht weißt, wohin damit. Sobald du Songs mit weiteren Musikern spielst, erblüht aus der musikalischen Einöde plötzlich dieses Besondere, dieses Einzigartige und unbeschreiblich Schöne. Exakt jetzt passiert Musik.

Tatsächlich begibst du dich damit auf die nächste Stufe. Du bist jetzt an der wichtigen Stelle angelangt, an der du deine Fähigkeiten mit denen anderer koordinierst und die anderen sich mit deinen Fähigkeiten austauschen. Jetzt musst du auf die anderen hören und im Umkehrschluss die anderen auf dich. Stell dir diesen Augenblick vor wie ein Netz aus Kreativität, bei dem nun die zahlreichen Fäden zu einem großen Ganzen gesponnen werden.

Fakt ist, dass du im gemeinsamen Spielen mit anderen nicht nur deine eigenen Fähigkeiten festigen wirst, sondern ungleich schneller lernst als im auf dich allein gestellten Umfeld. Sobald du ein paar Lieder mit anderen spielst, vielleicht sogar die erste Session machen kannst, potenziert sich dein Lerntempo. Der Grund: Das rudimentär Eingeübte kannst du plötzlich einordnen und ihm Leben einhauchen. Der Austausch mit anderen ist ein überaus bedeutender Bestandteil des Musizierens. Erst recht dann, wenn du noch am Anfang stehst und motiviert üben und lernen möchtest.

Der Turbo zündet, wenn du mit anderen spielst
Der Turbo zündet, wenn du mit anderen spielst Foto: Shutterstock von Kzenon

Ab in den dritten Gang – Live-Auftritte vor Publikum

Unter Musikern unbestritten ist die konkrete, allerdings auch bisweilen unbarmherzige Effektivität von Live-Auftritten vor Publikum. Die Band kann zwanzigfach proben und sich immer wieder an kleinsten Fehlern aufhängen. Schlichtweg nirgends sind die Lernerfolge so prägnant wir bei einem Auftritt. Das kann der riesengroße Auftritt vor 20.000 Leuten sein, ebenso aber die Vorführung in der Schulaula oder mit dem Keyboard- oder Posaunenorchester vor den bewundernden Eltern und Verwandten. Die Größenordnung spielt dabei kaum eine Rolle.

Jeder sitzende Ton wird in der Öffentlichkeit mit der Lupe gehört. Allerdings auch jeder Fehler. Du wirst erfahren, dass die Töne und Sounds im großen Zusammenhang in einem offenen, weiten Raum vollkommen anders klingen und sich auch anders durchsetzen, als wenn du mit deinem Instrument allein bist. Du wirst stolz auf gelungene Passagen sein. Auftretende Fehler sind menschlich, werden aber beim nächsten Mal nicht mehr auftreten.

Im dritten Gang lernst du also am schnellsten. Aber exakt das ist momentan – wie auch die gemeinsame Probe – nicht machbar. Ein Aspekt, der eine radikale Handbremse ziehen könnte, zumal du ja eigentlich weiterhin motiviert über und lernen und zügig vorankommen möchtest.

Nirgends lernt man so schnell wie beim Liveauftritt
Nirgends lernt man so schnell wie beim Liveauftritt Foto: Shutterstock von Muktadir Mridul

Faktisch bedeutet das, dass deine Entwicklung auf deinem Instrument durch diese unsägliche Entwicklung ausgebremst wäre, falls du dich davon runterziehen und einlullen lässt. In einer solche „einsamen“ Situation kannst du dich auch abseits der Corona-Beschränkungen immer wieder befinden. Wem geht das nicht so, dass er oder sie manchmal melancholisch ist, vielleicht vom Liebeskummer überwältigt, und man sich zeitweise nur verkriechen und keinen Menschen sehen möchte? Das heißt, du benötigst ein paar Strategien, um auch in Krisenzeiten weiterhin motiviert üben und lernen zu können.

In der aktuellen Situation und ähnlichen Situationen bleibt dir nichts anderes übrig, als deinen Lern- und Übungsplan anders zu strukturieren, einerseits durchaus in den einen oder anderen sauren Kompromissapfel zu beißen, auf der anderen Seite aber auch mit einer guten Portion Optimismus ein paar sinnvolle Aspekte aus der Situation zu ziehen.

Lösungsansätze gegen saure Äpfel und bittere Pillen

Die Kommunikation, die Nähe, der Austausch ist eine unbedingte Basis für den Spaß an der Musik. Ob in Pandemie- oder sonstigen Krisenzeiten, auch in Augenblicken, in denen du dich schlichtweg einsam und verlassen fühlst, ist dieses Miteinander nicht vorhanden. Möchtest du in solch schwierigen Zeiten motiviert üben und lernen, kannst du es mit mindestens drei verschiedenen Ansätzen versuchen.

Das Internet macht’s möglich, sich auch virtuell mit anderen Musikern auszutauschen. Ihr könnt euch per Video-Schalte verbinden. Dabei musst du allerdings eine musikerspezifische Besonderheit bedenken. Die allermeisten Programme senden und empfangen zeitverzögert. Benannt wird das als Latenz. Je geringer die Latenz, desto mehr sprechen wir von der Übertragung in Realtime.

Für die Musik sind solche Latenzen tödlich. Wenn dein Online-Duopartner dich erst Millisekunden bis Sekunden später hört, ist es faktisch unmöglich, im selben Timing zu spielen. Was auch für dich im Umkehrschluss gilt. Ihr werdet niemals auf einen Nenner kommen. Nicht deshalb, weil ihr zu blöd seid, sondern, weil es nicht möglich ist. Eine sinnvolle Lösung kann es in diesem Zusammenhang sein, auf verzögerungsfreie Programme zu setzen. Die gibt es durchaus. Ein bekanntes Konferenz-Tool ist Zoom.

Wenn Plan A nicht funktioniert, muss eben Plan B her
Wenn Plan A nicht funktioniert, muss eben Plan B her Foto: Shutterstock von Travelpixs

Via Zoom werden viele Online-Schalten abgehalten. Für dich ausschlaggebend ist die Möglichkeit der Peer-to-Peer-Übertragung. Die ist bei Zoom möglich, allerdings nur zwischen zwei Teilnehmern. Aber immerhin es ist ein Anfang. Und zwar ein unkomplizierter.

Ein weiteres durchdachtes Programm für die musikalische Online-Schalte ist Jamkazam. Dieses Programm kannst du kostenlos nutzen, sofern du auf die kostenpflichtigen Tools verzichten kannst. Jamkazam ist von Anfang an für die Anforderungen von Musikern konfektioniert worden und funktioniert rundum bestens. Der Nachteil ist, dass es wirklich haarklein eingestellt werden muss, um die gewünschten Ergebnisse zu liefern. Da solltest du überlegen, ob du dir das antun willst.

Duo-Partner durch dich selbst ersetzen

Zugegeben, das ist eine banale Lösung. Vielleicht fragst du dich, weshalb wir darauf überhaupt hinweisen. Vielleicht deshalb, um dir noch mal in Erinnerung zu rufen, dass diese Möglichkeit existiert. Immerhin ist der Ansatz, sich zusätzliche Sicherheit aus dem Zusammenspiel mit anderen zu holen. Der andere bist in diesem Fall du selbst. Wenn du einen Track aufnimmst, seien es ein paar schlichte Akkorde oder Kadenzen oder auch ein komplexeres Picking, und anschließend über deine Soundentwürfe improvisierst, setzt du dich automatisch mit deiner Grundidee auseinander. Es bleibt ein stummer Kompromiss, aber das mehrspurige Spiel ist zumindest ein Versuch gegen die musikalische Einsamkeit.

Ambitionierter Ansatz: Komplexe Projekte gemeinsam rückwärts aufrollen

Eine weitere Herangehensweise ist es, die eigenen Ansprüche von Anfang an hoch anzusetzen, gewissermaßen mit Projektcharakter. Dir ist in diesem Moment bewusst, dass du die eigene Messlatte verdammt hoch ansetzt, aber du akzeptierst das, weil du ein konkretes Ziel vor Augen hast. Nämlich motiviert üben und lernen zu können.

Du nimmst dir ein paar Stücke, die du gerne spielen möchtest, aber  bis dahin noch nicht beherrscht. Wäre schön, wenn die thematisch oder zumindest stilistisch zusammenpassen. Ideal dann, wenn du damit den typisch roten Faden stricken kannst. Beim herkömmlichen Lernen eines Instrumentes übst du zunächst die Basics, um dich anschließend mit komplexeren Songs zu beschäftigen Hier nun ist die Herangehensweise auf den Kopf gestellt. Du analysierst nun alles irgend Mögliche, jeden Takt, jede winzige Phrase; jede Note kann dir helfen. Alles, was du herausgehört oder dir über Notenmaterial angeeignet hast, nimmst du auf.

Das können die winzigsten Fragmente sein. Denn jetzt kommt’s, worauf wir eigentlich hinauswollen, um deine Motivation beim Austausch mit anderen auf höchstem Niveau zu halten: Diese Schnipsel schickst du mit ein paar zuvor auserwählten Kumpels online hin und her. Schritt für Schritt bastelt ihr euch euer musikalisches Puzzle zusammen, sprecht vielleicht vorher ab, wer welchen Part oder Takt übernimmt. Auch so kann die besondere musikalische Gemeinsamkeit entstehen. Startet ein spannendes Projekt und geht voran. Es gibt nichts Gutes, außer, man tut es.

Ein gemeinsames Projekt motiviert durch Gruppendynamik
Ein gemeinsames Projekt motiviert durch Gruppendynamik Foto: Shutterstock von Chaay_Tee und MF production

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Auch die Profis haben absolutes Verständnis für die Notwendigkeit der Hygienemaßnahmen und Kontaktbeschränkungen, fühlen sich aber weitestgehend vergessen. So auch mit der einstigen Bezeichnung Lockdown Light; die ist „Für die Branche ein zynischer Begriff“.

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