Wo Hören zu Sehen, Fühlen und Bewegen wird

Jugendliche mit und ohne Höreinschränkungen gestalten ein Konzert

Konzert „HEAR! We move“ | Foto: Valentin Behringer

Was heißt eigentlich hören? Beim Projekt „Miteinander Hören“ des Freiburger Barockorchesters, zusammen mit dem Ensemble Recherche, wird aus dieser scheinbar einfachen Frage ein künstlerisches Experiment. Beim Sonderkonzert „HEAR! We move“ erleben etwa 150 Kinder und Jugendliche mit und ohne Höreinschränkungen Musik dabei nicht nur mit den Ohren, sondern mit ihrem Körper, mit Berührung und Bewegung. Alte Musik, Neue Musik und Tanz verbinden sich zu einem Konzertformat, in dem Schüler nicht länger bloß Zuhörer sind, sondern selbst gestalten.

Ein Konzert als Experimentierfeld, in dem die Grenzen zwischen Hören, Sehen und Fühlen verschwimmen. Genau darin liegt die Besonderheit des Projekts: Es versucht nicht, Musik für Menschen mit unterschiedlichen Voraussetzungen passend zu machen – es verändert das Konzerterlebnis von Grund auf. Jetzt wurde dieser einzigartige Versuch das Hören und Erleben von Musik neu zu definieren mit dem „Opus Klassik“ ausgezeichnet.

Alle sollen Musik erleben können

Stattgefunden hatte die Aufführung im Freiburger Konzerthaus im März 2026, vorausgegangen war eine anspruchsvolle Vorbereitungszeit, mit Workshops, Proben, wissenschaftlichen Untersuchungen und Gesprächen. Ausgangspunkt und zentrale Frage waren dabei: Wie muss ein Konzert aussehen, damit wirklich alle Menschen im Konzert Musik erleben können?

Wirklich alle! „Das ist der entscheidende Punkt“, sagt Hans-Georg Kaiser, ehemaliger Intendant und Geschäftsführer des Freiburger Barockorchesters und Initiator des Projekts „Miteinander Hören“. „Das Klassische Konzert ist ein toller Begegnungsort für Menschen, um gemeinsam Musik zu erleben. Die dabei gemeinsam atmen, gemeinsam empfinden und diesen Moment als etwas ganz Besonderes genießen. Aber die Frage ist: wen schließen wir dabei aus? Uns ist klargeworden, dass es natürlich Menschen gibt, die mit dem Hören ganz generell große Probleme haben. Entweder weil sie gar nichts mehr hören, aber früher vielleicht gehört haben oder weil sie ein Cochlea-Implantat tragen.“

Ein Cochlea-Implantat ist eine elektronische Hörprothese für Menschen mit hochgradiger Schwerhörigkeit oder Taubheit. Es sitzt unter der Haut hinter dem Ohr, verwandelt Schall in elektrische Signale und stimuliert damit direkt den Hörnerv. Das Hören mit Cochlea-Implantat unterscheidet sich deshalb vom natürlichen Hören. Musik zu hören ist dabei besonders anspruchsvoll, weil Klangfarben, Tonhöhe und feine Nuancen schwierig wahrzunehmen sind.

Konzert „HEAR! We move“ | Foto: Valentin Behringer

Als Hans-Georg Kaiser 2023 eine Ausschreibung der damaligen Kulturstaatsministerin Claudia Roth auf den Schreibtisch flattert, für ein Förderprojekt „Diversität und Nachhaltigkeit“, fällt ihm dazu gleich etwas ein: Es wäre doch großartig, alle Menschen mit Musik zu erreichen, Ihnen diese magische Erfahrung zu ermöglichen, Musik gemeinsam zu erleben, zu atmen, zu genießen.

Aus der vagen Idee wird schnell ein konkretes Projekt, wissenschaftlich begleitet vom Institut für Musikermedizin, einer gemeinsamen Einrichtung der Musikhochschule und der Medizinischen Fakultät der Universität Freiburg. Im Gespräch mit Prof. Dr. Bernhard Richter vom Freiburger Institut für Musikermedizin kommt sehr schnell die Idee auf, das Hören an sich in den Blick zu nehmen, die unterschiedlichen Bedürfnisse von Menschen mit und ohne Höreinschränkungen zu untersuchen. Es geht um die Frage: was genau bedeutet Hören? Wie unterschiedlich lässt sich das Hören erleben, und wie kann man genau das darstellen? Ausgesucht für das Projekt werden zwei Schulen aus Stegen bei Freiburg, die unterschiedlicher kaum sein können: Auf der einen Seite das katholische, allgemeinbildendes Gymnasium St. Sebastian mit christlich- ganzheitlichem Werteleitbild und Musikschwerpunkt, auf der anderen das staatliche Sonderpädagogisches Bildungs- und Beratungszentrum (SBBZ) mit dem Förderschwerpunkt Hören.

Etwa 150 Kinder und Jugendliche aus beiden Schulen sollen nun bei einem gemeinsamen Tanzprojekt Musik für sich und das Publikum erlebbar und erfahrbar machen. Keine leichte Aufgabe. Musikalisch geschulte Schüler, mit Instrumentalausbildung und Chorerfahrung stehen höreingeschränkten gegenüber, mit komplizierten Biographien und schwierigem sozialen Hintergrund, manche mit Fluchterfahrung oder erlebter Ausgrenzung. „Für unsere Schüler war das Ganze etwas ganz, ganz Besonderes“, sagt Lina Baumgarten, die Musiklehrerein des SBBZ. „Schon die Musik, mit der wir gearbeitet haben, war für sie total ungewohnt. Die hören sonst eher Tik-Tok Hintergrundmusik oder Gangsta-Rap.“

Auch die Künstler machen neue Erfahrungen

Hier waren es jetzt Klassik, Sphärenklänge und Avantgarde. Aber Lernmomente gibt es nicht nur für die Schüler. Auch Projektleiter Andreas Heideker muss sich erst mal intensiv auseinandersetzen mit der Lebensrealität von Menschen mit Hörbeeinträchtigungen. Er weiß nicht, wie sich das Hören mit Cochlea-Implantaten anfühlt, hat keine Vorstellung von Frequenzen, die fehlen, von den 16 Elektroden, die für 30.000 Haarzellen stehen. Doch dann sitzt er den Vertretern der Cochlea-Implantat-Gesellschaft gegenüber und schnell ist ihm klar: Hören hat viele Facetten und ist enorm vielschichtig.

Barockgeigerin Anna Kaiser | Foto: Johannes Berger

Das musikalische Konzept übernimmt die Barockgeigerin Anna Kaiser. Eine musikalische Reise über das Miteinander schwebt ihr vor, über den Kosmos und die vier Elemente. Darunter Sphärenmusik, mit der Vorstellung, dass das gesamte Universum durch Klang und Bewegung miteinander verwoben ist. „Das war die Vision des Programms und hat sehr gut gepasst zum Thema Miteinander Hören“, erklärt Anna Kaiser. „Aber eben auch als eine Reaktion darauf, was in der Welt passiert. „Ich glaube, dass die Jugendlichen eine große Sehnsucht haben nach Verbindungen und Beziehungen zur Umwelt.“

So wird die Bühne zum Universum. NASA-Frequenzaufnahmen der Sonne treffen auf Antonio Vivaldis Musik „Der Sommer“ aus „Die vier Jahreszeiten“, ein Stück von Katherine Balch mit Wasserklängen auf eine erdige Chaconne, die Komposition „Luftwurzeln“ von Carola Bauckholt auf Umweltgeräusche. „In der Phase eins ging es um die Vorstellung des Kosmos, in dem wir leben. In der zweiten Phase um die Frage, wo der Einzelne steht und wie er sich da verorten kann. Was passiert, wenn man jegliche Anknüpfung verliert, wenn man einsam ist oder isoliert? Das waren dann lauter Solo-Stücke, unter anderem ein Satz aus einer Bach-Cello-Suite, der Saal total dunkel, nur ein Spieler auf der Bühne und einer auf dem Balkon. Der hat aus dem Off geantwortet, wie ein Echo, als Symbol für die Einsamkeit. In Phase drei dann das Chaos als eine mögliche Folge von Vereinzelung und Bezugsverlust. Zuletzt, in Phase vier dann eine Alternative zum Chaos, eine Vision, wie ein Miteinander aussehen könnte. Ein Zustand, in dem Individuen sich frei, aber aufeinander bezogen, miteinander in Verbindung stehend, bewegen.“

Die größte Herausforderung bei dem ganzen Projekt aber liegt bei der Berliner Choreographin Ece Bodo-Çınar. Sie muss die zwei sehr unterschiedlichen Gruppen zusammenführen, muss aus gegensätzlichen Voraussetzungen ein homogenes Ensemble formen. Mit einer komplizierten Choreographie würde sie nicht weit kommen, das erkennt Ece Bodo-Çınar schon bei der Kick-off Veranstaltung. So setzt sie auf ausdrucksstarke Gruppenbilder.

Choreographin Ece Bodo-Çınar | Foto: Phuong Tran Minh.

Aber schon das ist schwierig genug. Hörgeschädigte sollen sich zu Musik bewegen, die sie teilweise gar nicht oder ganz anders wahrnehmen als Hörende. Auf der anderen Seite Gymnasiasten, die absolut routiniert mit Musik umgehen, die sich auch schon mal schnell langweilen und Rücksicht erst lernen müssen. Wer ein Cochlea-Implantat trägt, hört alles gleich laut, kann nicht unterscheiden zwischen einem Busgeräusch und einer Frage. „Also mussten wir auf absoluter Stille bestehen“, so Projektleiter Andreas Heideker, „dass das funktioniert hat, war die erste kleine Sensation.“

Noch weitere werden folgen. Vier Wochen lang wird intensiv geprobt, vor allem mit den Schülern des SBBZ. „Ich habe meine Choreographie zwischendurch immer wieder verändert, angepasst“, erklärt Ece Bodo-Çınar. „Die Frage war: Wie viel müssen wir wiederholen? Wie gut können die Kinder die Musik aufnehmen? Wie können sie damit umgehen?“ Bei Kindern mit Restgehör oder Implantaten werden die Bewegungsrollen nach den jeweils wahrnehmbaren Frequenzbereichen verteilt – tiefe und hohe Töne von unterschiedlichen Teilnehmern reflektiert.

Die Schüler wachsen über sich hinaus

Immer wieder geraten die Schüler an ihre Grenzen. „Eine echte Grenzerfahrung“, sagt die Musiklehrerein Lina Baumgarten, „gerade für die Jugendlichen, die gerne abhängen und sportfaul sind. Da aber mussten sie sich bewegen und in sich hineinspüren. Das war für sie enorm anstrengend. Aber das Tolle an den Choreographien war das starke Gruppenfeeling. Wenn die Schüler Feuer dargestellt haben oder fließendes Wasser funktionierte das eben nur, wenn alle gut mitgemacht haben, wenn sie auf den Hintermann achteten und die Vorderfrau. Allein diese Blicke, die durch den Raum gingen, dieses Aufeinander-Achten, das war großartig.“

Viele der hörgeschädigten Schülerinnen und Schüler wachsen an dem Projekt, beim Konzert im Freiburger Konzerthaus ohnehin, aber auch schon bei der intensiven Probenarbeit.

Antonio (vorn links) und Alina (hinten rechts) im Konzert „HEAR! We move“ | Foto: Valentin Behringer

„Zuerst war ich aufgeregt und hatte Angst, aber danach wurde ich entspannter, weil wir so viel geprobt haben. Ja, ich habe es mir zugetraut, nur mit meinem Körper und ohne Sprache etwas auszudrücken“, erzählt Antonio, und Alina fügt hinzu: „Am Anfang war ich etwas unsicher, aber danach war ich erleichtert und sogar stolz auf mich“.

Stolz sind nicht nur die Kinder und Jugendlichen, auch alle beilegten professionellen Musiker und Musikerinnen vom Freiburger Barockorchester und dem Ensemble Recherche erleben eine bewegende und hochemotionale Veranstaltung. Und eine lehrreiche. „Am meisten überrascht hat mich die Erkenntnis, dass das Hören nicht allein über die Ohren funktioniert, sondern auch über die anderen Sinne, über das, was man sieht und was man fühlt“, sagt die FBO-Konzertmeisterin Judith von der Goltz, „das hat auch meine eigene Wahrnehmung vom Hören verändert. Als Geigerin habe ich natürlich schon immer gewusst, dass man auch übers Fühlen hört, über die Finger am Instrument. Aber dieses Umfassende, dass die Sinne ineinandergreifen können und gegenseitig auch etwas übernehmen können, das ist mir bei dem Projekt sehr bewusst geworden.“

Beim Konzert „HEAR! We move“ am 21. März 2026 im Freiburger Konzerthaus wachsen dann alle über sich hinaus. „Wir waren bei der Generalprobe nochmal in der Probenhalle in Stegen“, erzählt Hans-Georg Kaiser, „und das war das totale Chaos, wie das eben so ist bei Schulaufführungen. Alles ging quer durcheinander. Als aber am Abend im Konzerthaus das Licht ausging und die Aufführung begann, und die jungen Tänzerinnen und Tänzer hereinkamen, das war ein unglaublicher Moment. Die haben so diszipliniert getanzt, so voller Ernsthaftigkeit, das war ein Gänsehautmoment für alle. Wir waren total fasziniert.“

Dass dort Jugendliche Musik erleben und wiedergeben, sie mit ihrem Körper ausdrücken, sich im Rhythmus und nach den Vibrationen bewegen, das ist schon großartig genug. Dass sie aber dabei zwei sehr unterschiedliche kulturelle Welten überbrücken, das gibt dem Ganzen eine zusätzliche Bedeutung. „Man hat es an diesem Abend nicht mehr unterscheiden können, wer aus welcher Schule kam“, sagt Dramaturgin Anna Kaiser nachdenklich, „weder in der Präzision noch im Ausdruck“.

Selma Brauns und Hans-Georg Kaiser vom Freiburger Barockorchester erhalten für alle Beteiligten den „Opus Klassik“ | Foto: Mo Wüstenhagen

„HEAR! We move“ hat mit dem „Opus Klassik“ einen wichtigen und sehr populären Musikpreis gewonnen. Seine größte Leistung aber ist vielleicht etwas Anderes: Kindern zur klassischen Musik einen eigenen Zugang eröffnet zu haben. Wo Hören zu Sehen, Fühlen und Bewegen wird, kann aus einem ungewohnten Klang etwas Eigenes werden – und aus Zuhörern werden Entdecker.

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