
Statt Notenblättern werden Gegenstände verteilt: Metallfedern, Papier, Holzstücke. Ein Schüler streicht mit einer Plastikflasche rhythmisch über den Boden, zwei Mädchen antworten mit raschelndem Papier. Nach wenigen Minuten wird das Klassenzimmer zu einem Klanglabor, richtig und falsch spielen keine Rolle mehr, die Kinder suchen, hören, verwerfen und erfinden. Musikunterricht als Experiment. Was die Schülerinnen und Schüler am Werner-von-Siemens-Gymnasium in Bad Harzburg erleben, ist natürlich nicht die Norm im deutschen Schulalltag.
Check it: Studie zum Musikunterricht an Schulen
- 69 Prozent der Erwachsenen halten Musikunterricht für wichtig
- Mehr als die Hälfte profitiert noch heute von den Inhalten
- Musikunterricht fördert auch soziale Kompetenz und Kreativität
- Häufig fehlt es aber an qualifizierten Musiklehrkräften
- Stunden fallen aus oder werden von fachfremden Lehrern gegeben
Doch trotzdem hat sich da viel entwickelt in den letzten Jahrzehnten. Zwar haben sich ein paar Spitzenreiter gehalten, wie „Der Freischütz“, „Karneval der Tiere“ und „Peter und der Wolf“, aber statt musiktheoretischer Analyse und Komponistenporträts setzen die Lehrpläne inzwischen vor allem auf Improvisation, Komposition, Bandarbeit und kreatives Gestalten.
Musikunterricht an Schulen bedeutet heute weniger den Umgang mit Werken, als die Hinwendung zum Subjektiven, zum Miteinander, zur persönlichen Ansprache. Was hat die Musik, oder besser haben die Musiken mit den Lebenswelten der Schüler zu tun, wie erleben sie Musik in ihrem Alltag, wie verstehen sie sie und was lässt sich in kreativen Prozessen daraus entwickeln?
Diese Fragen stellen sich einem zeitgemäßen, innovativen Musikunterricht in unseren Schulen heutzutage. Sie umzusetzen, bzw. zu beantworten wäre der Idealfall, die Realität aber sieht meistens anders aus, vor allem dann, wenn der Musikunterricht mal wieder ausfällt, oder kaum noch stattfindet. Weil Lehrkräfte fehlen, weil er mit anderen Fächern zusammengelegt wird, weil Bildungspolitiker ihn als nicht relevant betrachten. Nach Bremen, Bayern und Thüringen hat im Schuljahr 2025/2026 auch Mecklenburg-Vorpommern die Fächer Musik, Theater und Kunst in einem Verbund zusammengefasst.
Dabei hat der Musikunterricht für viele Menschen in diesem Land eine enorme Bedeutung, ergab jetzt eine repräsentative Allensbach-Umfrage des Deutschen Musikinformationszentrums, Auftakt der neuen Umfragereihe Musikmonitor Deutschland. Rückblickend sollten da Menschen in Deutschland ihren Musikunterricht bewerten, wie sie ihn erlebt haben, welche Bedeutung sie ihm heute beimessen. Das Ergebnis ist eindeutig: 69 Prozent der Bevölkerung ab 16 Jahren halten ihn für wichtig oder sehr wichtig. Bei denjenigen, die großen Spaß am eigenen Musikunterricht hatten, liegt dieser Anteil sogar bei 92 Prozent.

Die Ergebnisse der Studie haben den Musikrat selbst überrascht
Für Antje Valentin, Generalsekretärin des Deutschen Musikrats ist das ein eindeutiges Signal: „Der Stellenwert von Musik im schulischen Alltag wird in bildungspolitischen Debatten oft unterschätzt“, meint sie. Vom Ergebnis der Studie ist sie deshalb auch leicht positiv überrascht: „Wir waren schon sehr erfreut über das Ergebnis, wir hatten schon die Sorge, dass es schlimmer ausgeht.“
Die Studie erweist sich jedenfalls als eindeutiges Bekenntnis zum Musikunterricht, als eine prägende Erfahrung mit positiven Erinnerungsmomenten. „Man sollte gerade heute verstärkt auf die kreativen Fächer setzen“, so Antje Valentin, „sie sind zunehmend unverzichtbar, gerade in den Zeiten von KI und technischer Beschleunigung“.
Aber leider verstünden gerade Bildungspolitiker Deutschland noch immer als ein Land der Ingenieure, als Standort von Maschinenbau und technischer Exzellenz. Doch diese Sicht greife zu kurz. Heute sei Kreativität selbst ein zentraler wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Faktor. „Unser Kapital ist die Kreativität, die Kreativwirtschaft ist längst eine der wichtigsten Wirtschaftszweige in Deutschland“.
Bei den Schulen ist dieses Wissen allerdings häufig noch nicht angekommen.

Musik kann die Schulatmosphäre verändern
Dabei ist gerade der regelmäßige Unterricht besonders wichtig, zeigt die Allensbach-Studie. Von den Menschen, die während ihrer gesamten Schulzeit Musikunterricht hatten, musizieren heute immerhin noch 42 Prozent. Und viele ehemalige Schülerinnen und Schüler, nämlich 56 Prozent profitieren von den Inhalten des Musikunterrichts wie Notenlesen, Rhythmusgefühl oder musikalischem Allgemeinwissen.
Das zu vermitteln ist allerdings oft schwierig in einem Schulalltag, der geprägt ist von einer starken Heterogenität der Schüler, von unterschiedlichen familiären Hintergründen, musikalischen Sozialisationen und kulturellen Bezüge. „Das macht den Unterricht anspruchsvoll, aber auch wertvoll“, so Antje Valentin, „da gibt es so viele unterschiedliche Musikerfahrungen, schwierig, aber auch eine Chance. In den Klassen, in denen gemeinsam musizieren wird, herrscht signifikant eine bessere soziale Struktur, ein besseres Miteinander, ohne Ausgrenzung, ohne Mobbing. Musik kann eine ganze Schulatmosphäre verändern.“
Das aber funktioniert vor allem durch aktiv-kreatives Gestalten.
„Musikunterricht ist ja nicht nur Wissen über Musik anzureichern, sondern eben auch die Musik zu erleben“, sagt Melanie Mattinger, Musiklehrerin am Gymnasium in Achern. „Man muss Theorie erst mal musizierbar machen und dann an der erlebten Musik erklären. Wenn man diesen Ansatz konsequent durchführt, nehmen die Schüler die Melodien mit und singen auch noch beim Rausgehen aus dem Klassenraum.“

Melanie Mattinger bemüht sich sehr, alle Schüler in den Unterricht zu integrieren. Sie bearbeitet Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ für jedes Niveau und jede Spielerfahrung.
Wichtig ist ein gemeinsames kulturelle Erlebnis
„Daraus kann man ja sehr einfach Melodien nehmen, und so verändern, dass alle das spielen können, mit ganz einfachen Instrumenten, das mache ich schon in der fünften Klasse. Aber wenn man alles nur auf Dreiklängen, Septakkorden und Umkehrungen aufbaut, was die Schüler wirklich gar nicht mehr verstehen, dann muss man sich nicht wundern, wenn sie abschalten. Es gibt Kollegen, die machen mittelalterliche Tonarten, Modi in der siebten Klasse, das ist doch viel zu mathematisch. Da fehlt doch jede Anwendung in der Praxis.“
Wichtig hingegen, findet Melanie Mattinger, sei ein gemeinsames und verbindendes kulturelles Erlebnis, ihrer Meinung nach eines der Hauptkriterien für einen gelungenen Musikunterricht.

An den gemeinsamen Projekten zeige sich auch, wie eng Schule und musikalisches Leben insgesamt zusammenhingen, findet Antje Valentin vom Deutschen Musikrat. „Musikunterricht fördert nicht nur musikalische Fähigkeiten, sondern auch soziale Kompetenz, Teamfähigkeit und Kreativität. Mein tollstes Beispiel ist immer dieses Improvisationsorchester, wo ein Kind vorne steht und nur mit Gesten das Orchester leitet, es leiser oder lauter spielen lässt, langsamer, schneller, es trocken klingen lässt oder große Klangflächen entwickelt. Das ist unglaublich, wie die Kinder plötzlich anfangen in einer Leitungsposition kreativ zu werden, in Kontakt mit den anderen, ohne Sprache, nur mit Gesten“.
Spannende Aktivitäten entwickeln, Neugier wecken und spielerisch an komplexe Inhalte heranführen, das sind die neuen Aufgaben im heutigen Musikunterricht.
„Schule kann hier ein echter Ermöglichungsraum sein, gerade auch für junge Menschen aus einem weniger privilegierten sozialen Umfeld“, so Stefan Jakobs, Landesvorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft in Rheinland-Pfalz. „Besonders Grundschulen sind der einzige Ort, an dem noch alle Kinder erreicht werden können. Dort können sie Instrumente kennenlernen, die ihr privates Umfeld vielleicht gar nicht bieten kann.“

In Deutschland müssen mehr Musiklehrer ausgebildet werden
Über allem aber schwebt das zentrale Problem des Lehrkräftemangels an deutschen Schulen, vor allem im Fach Musik. Eigentlich, so steht es in den Landesschulgesetzen, stehen Grundschülern in den ersten vier Schuljahren je nach Bundesland ein bis zwei Stunden Musik in der Woche zu. In einer Allensbach-Studie aus dem Jahr 2015, beauftragt von der Bertelsmann Stiftung, dem Deutschen Musikrat und der Landesmusikräte-Konferenz liest man aber: nur zu rund 43 Prozent wird dieser Unterricht von qualifizierten Musiklehrern erteilt, etwa 50 Prozent sind „fachfremd“, sieben Prozent der Stunden fallen komplett aus, unterschiedlich je nach Bundesland. „Werden neue Lehrer eingestellt, dann eher für die Hauptfächer“, so Maresi Lassek, frühere Bundesvorsitzende des Grundschulverbands, „der musisch-ästhetische Bereich wird an der Grundschule total vernachlässigt.“
Ein „Weckruf“, so der Deutsche Musikrat. Werde nicht gegengesteuert, „ist die musikalische Bildung an Grundschulen bald Vergangenheit“. Es müssten deutlich mehr Musiklehrer ausgebildet werden, für die 14 Bundesländer fehlten an den Grundschulen aktuell 23.000 Musikpädagogen. Dazu kommen dann noch fehlenden Musiklehrer an den weiterführenden Schulen.
Aber woher nehmen, wie kann man dem Mangel entgegenwirken?
„Durch eine Qualifizierungsoffensive“, schlägt Antje Valentin vor. Man könne musizierende Lehrkräfte rekrutieren, die im Grunde „als Neigungslehrer oder Fachfremde sicherlich begeistert Musik unterrichten könnten, weil sie Schule von innen kennen. Und es gibt auch viele Musikerinnen und Musiker, die in finanziell prekären Situationen stecken. Denen kann ich nur empfehlen, musikpädagogisch aktiv zu werden. Auch außerhalb der Schule, an Musikschulen und im Ganztag und in ganz vielen Bereichen brauchen wir Musikpädagogen“.
Trotzdem aber gehe es nicht nur um Quantität, sondern auch um Qualität, so Antje Valentin.
Positive musikalische Erfahrungen entstehen nach ihrer Ansicht vor allem dann, wenn Lehrkräfte Begeisterung wecken. „Beim Musikunterricht ist die Qualität von hoher Bedeutung, damit es überhaupt eine Resonanz in den Köpfen der Schüler gibt“, so Antje Valentin. Auch die äußeren Bedingungen seien ein leidiges Thema. Es fehlten Räume, Instrumente und geeignete Voraussetzungen. „Bevor man alle Schüler mit Instrumenten ausgestattet hat, ist schon die halbe Stunde wieder rum“.

Gerade deshalb seien niedrigschwellige, kreative Formen so wichtig. Rap, Beatboxing und andere performative Zugänge als Beispiele für einen modernen Musikunterricht, der Kinder unmittelbar erreicht. Dazu gehört dann natürlich auch die Klassik. „Musik muss in ihrer Gesamtwirkung betrachtet werden“, findet Antje Valentin. „Wer von heutiger Popmusik auf der Klassik blickt, entdeckt plötzlich gemeinsame Akkorde, Melodien und Strukturen. Alles hängt mit allem zusammen“.
Und welchen eindringlichen Wunsch hat sie an unsere Bildungspolitiker?
„Lassen Sie alle Schüler in der Schule Musik erleben durch einen so lebendigen Musikunterricht, dass die ganze Schule anfängt aufeinander zu hören, miteinander zu schwingen, um damit ein politisch demokratischer Ort zu werden.“