
Seit Jahrzehnten dreht sich im Leben von Sascha Reckert alles um Musik, Wasser und Glas. Er ist ein Tüftler im allerbesten Sinn. So hat er 1985 nicht nur ein Instrument aus Glasröhren erfunden, für welches er den seit 1800 gängigen Begriff „Verrophon“ verwendet und das er mit seinem Ensemble „Sinfonia di Vetro“ auf der ganzen Welt spielt. Sondern er hat auch Solar- und E-Bikes entwickelt und Hochgeschwindigkeitsfahrräder gebaut. Aktuell arbeitet er als Geschäftsführer einer Stiftung an Wasserfiltern für Afrika.
Check it: Glasharmonika
In seiner Wiesbadener Werkstatt kann man Teile all seiner spannenden Projekte begutachten. Da steht eine klassische Glasharmonika auf dem Werktisch, wie es sie schon zu Mozarts Zeiten gab und einige einzelne Glasröhren unterschiedlichster Länge, die er gerade in ein Museums-Stück montiert. Die meisten der zehn führenden, professionellen Glasmusiker weltweit spielen auf den von ihm erbauten Instrumenten. Wenn also das Verrophon in George Benjamins Oper „Written on Skin“ erklingt, das kürzlich an der Oper Frankfurt prominent besetzt war, kann man sicher sein, dass Sascha Reckert es gebaut hat.
Die Erfindung des Verrophons
Wie genau kam es zu seiner Verrophon-Erfindung? Reckert erinnert sich. Als Student leitete er in Münster das Theater „Ansichten“ und suchte für die Aufführung „Die Wiedertäufer“ nach einem besonderen Klang. Das Theater war nach dem Bauhaus-Prinzip konzipiert – „mit Pina-Bausch-Elementen, Improvisationen und triadischen Balletten“, wie der dynamische 1965 Geborene berichtet. Die Idee war, eine Art mittelalterliche Mysterienspiele aufzuführen, die alle Künste umfassen.

Bei seiner Recherche entdeckte er die berühmte Schallplatte Bruno Hoffmanns, auf der Melodien einer „Glasharfe“ aufgenommen waren. Als er diesen besonderen Klang hörte, suchte er nach dementsprechenden Instrumenten, fand aber zunächst keine, auf denen man hätte spielen können. „Und dann habe ich etwas gebaut, von dem ich damals gar nicht wusste, dass ich eine Erfindung gemacht hatte.“ Er ließ Glasröhren unterschiedlichster Länge senkrecht in eine Holzkonstruktion ein. „Der Durchmesser der Röhren zum Bass hin nimmt nicht zu, jedoch die Länge der Röhren. Je nach Lage sind sogar sechs- bis achtstimmige Akkorde greifbar.“ Wenn man mit angefeuchteten Fingern über die Ränder dieser Glasröhren streicht, erzeugen sie einen feinen, gläsernen Klang. Daraus entstand in mehreren Erfindungsschritten schließlich das Verrophon. Mit dem Ergebnis, dass auch die gesamte klassische Glasharmonika-Literatur darauf sehr gut spielbar ist. Wegen seiner außergewöhnlich guten Klangintensität findet es Verwendung im symphonischen Bereich, als Solo- und Orchesterinstrument, vor allem aber auch in der zeitgenössischen Oper. Aber wieso Röhren? Die klassische Glasharmonika sieht mit ihren vertikal aufgereihten Schalen doch ganz anders aus.
Reckert erklärt das so: „Als Trompeten-, Flügelhorn-, Kontrabass- und Gambenspieler, der ich vor den Glasinstrumenten war, habe ich vor allem immer vom Klang her gedacht. Als ich anfing das Verrophon aus Glasröhren zu bauen, erinnerte ich mich daran, dass ich früher eine ganze Weile auf Schrottplätzen und Baumärkten unterwegs war und sogar einmal ein Instrument aus Aluminiumröhren entwickelt hatte.“ Dabei habe er die Röhren wie bei einem Vibraphon angeordnet und mit dem Bassbogen gestrichen. „Das war ein unglaubliches, infernalisches Instrument. Es hatte eine Nachhallzeit von 45 Sekunden.“ Die Performancegruppe „Stomp“ interessierte sich schließlich für diese Aluminiumharfe und hat sie auf einer ihrer Touren benutzt – neben anderen Glasinstrumenten aus Reckerts Werkstatt. „Da dachte ich mir: Was auf Metall geht, muss physikalisch auch mit Glas möglich sein. Nach etlichen Versuchen kam ich auf die Idee, die Glasröhren in Gummiplatten einzuklemmen und eingetrocknetes Nivea als Klebstoff zu verwenden. So entstand mein Verrophon.“
Der Nachbau der klassischen Glasharmonika
Gleichzeitig recherchierte er in der Münsteraner Musikwissenschaft weiter in puncto klassische Glasharmonika und lernte, dass der amerikanische Staatsmann und Naturwissenschaftler Benjamin Franklin 1761 eine „armonica“ erfunden hatte. Diese Glasharmonika besteht aus unterschiedlich großen, ineinandergeschobenen Glasschalen, die auf einer waagerechten Welle lagern. Die wiederum kann durch ein Pedal in Rotation gebracht werden. Der Musiker berührt die Glasränder mit seinen angefeuchteten Fingern, um den Ton zu erzeugen. Auch hier galt für Reckert: Wo das Instrument hernehmen, um es auszuprobieren? In den Zeiten nach Mozart geriet die Glasharmonika langsam in Vergessenheit, bis sie praktisch ausgestorben war. „In Detmold habe ich Jörg-Peter Mittmann kennengelernt, der für Flöte und Glas komponiert hat. Genau das wollte ich machen.“

Sein späterer Wohnort München veranlasste ihn schließlich, mit der Glashütte Eisch im Bayerischen Wald Kontakt aufzunehmen, in Folge mehrere Glasharmonikas zu rekonstruieren, ein internationales Glasmusikfestival in der Glasstraße zu organisieren und als Intendant zu leiten. Damit nahm Reckert 1986 die Tradition der böhmischen Glasharmonikabauer Pohl wieder auf und stellte die Glasharmonika aus mundgeblasenem Kristallglas her. Nun war es wieder möglich, Mozart-Werke und originale Glas-Kammermusik erklingen zu lassen.
Sinfonia di Vetro
Durch ein Konzert mit Solisten der Berliner Philharmonikern kam dem Erfinder schließlich die Idee, sein Glasensemble „Sinfonia di Vetro“ zu gründen. Reckert: „Wir spielten das Mozart-Quintett KV 617 auf der Glasharmonika und Harald Genzmers Komposition auf dem Verrophon. Bei einer Probe sagten mir die Solisten dann: ‚Das Verrophon klingt soviel besser, wieso spielen Sie nicht auch den Mozart darauf?'“ Das aber sei gar nicht so einfach. „Ich kann mit der rechten Hand auf der Glasharmonika eine Melodie spielen, die gebunden ist und zahlreiche Verzierungen aufweist. Und mit der Linken umfangreiche Akkorde. Auf der Glasharmonika, wo die Schalen alle nebeneinander liegen, geht das. Auf dem Verrophon aber, auch wenn die Ränder sehr eng nebeneinander stehen, ist das bedeutend schwieriger.“
Um auf die jeweiligen Anfragen und unterschiedlichsten Anforderungen am besten reagieren zu können, gründete er daher 1996 die „Sinfonia di Vetro“. Jetzt ließen sich die komplexen Kammermusik- und Solokonzerte vierhändig, bzw. auf zwei Instrumenten vollständig umzusetzen. Die Ensemble-Mitglieder können nicht nur sämtliche gängige Partien der Opern-, Orchester- und Kammermusikliteratur spielen, sondern auch seltene Instrumente wie das Euphon, ein Bassinstrument aus längsschwingenden Glasstäben. Einer seiner wichtigsten Mitstreiter seit 2002 ist Philipp Alexander Marguerre, seines Zeichens ausgebildeter und preisgekrönter Pianist, der darüber hinaus das größte Notenarchiv für Originalwerke aufgebaut hat.

Musikarchivar und bester Verrophonspieler weltweit: Philipp Marguerre
„Ich halte meinen Kollegen Philipp Marguerre für den zur Zeit besten Verrophonspieler weltweit. Er spielt enorme Werke mit allen zehn Fingern. Hinzu kommt: Wenn etwas nicht möglich scheint, fuchst er sich dermaßen hinein, das ist einfach unbeschreiblich. Auch, wenn es um zeitgenössische Komponisten geht, ist er ein unverzichtbarer Partner. Darüber hinaus ein unglaublicher Auswendig-Spieler.“ Der so Gepriesene berichtet, dass er in seinem Glasharmonika-Archiv tatsächlich zur Zeit 800 Werke gesammelt hat. Etwa 400 historische und 400 zeitgenössische. „Da das Glas heute wieder häufiger eingesetzt wird, kommen immer mehr neue dazu“, freut sich der in Berlin wohnhafte Phillipp Marguerre.
Hat Marguerre, der jetzt den anspruchsvollen Verrophon-Part in der Frankfurter Opernpremiere von George Benjamins 2012 uraufgeführtem Werk „Written on Skin“ übernahm, einen Geheimtipp fürs saubere Spiel? Berichtet doch sein Kollege Reckert davon, dass er sich den Genuss von Weintrauben kurz vor dem Konzert versage, da sich die Haut anschließend schmierig anfühle. Und schwört er auch auf die Seife mit Lavagestein aus den USA, die eigentlich nur Automechaniker verwenden? Marguerre überlegt kurz: „Mandarinenschalen sind für mich ein Problem. Die meide ich am Konzerttag wegen der potentiell bedenklichen chemischen Stoffe unter den Fingernägeln.“ Eins aber ist natürlich für beide Spieler unerlässlich: Eine Schale mit Wasser – gerne auch mit kalkhaltigem – steht immer neben dem Glas-Instrument bereit.

Viel mehr Komponisten als gedacht haben übrigens für die Glasharmonika komponiert. Johann Adolph Hasse ist darunter, Johann Gottlieb Naumann oder Anton Reicha. Auch Camille Saint-Saëns, Hector Berlioz und sogar Ludwig van Beethoven steuerten Werke bei, genauso wie Luigi Nono oder Carl Orff. Die bekanntesten Kompositionen aber, in denen Glasharmonika bzw. Verrophon erklingen, sind die Passagen in zwei Opern von Gaetano Donizetti und Richard Strauss. Sowohl „Lucia di Lammermoor“ als auch die „Frau ohne Schatten“ führte Reckert später mit großen Orchestern wie den Wiener und Berliner Philharmonikern auf. So erklang 1992 bei den Salzburger Festspielen die Erstaufführung des vollständigen Glasharmonikaparts von Richard Strauss‘ „Die Frau ohne Schatten“ mit Sascha Reckert an der Glasharmonika. Wie ging es danach weiter?
„2002 habe ich angefangen, Opern nur noch mit dem Verrophon zu spielen“, antwortet Reckert. „Am Anfang habe ich die Glasharmonika noch zusätzlich dabei, aber schließlich haben sich alle Dirigenten, darunter Berühmtheiten wie Valery Gergiev, Kirill Petrenko und Kent Nagano, für das Verrophon entschieden.“ Die Aufträge seines Glasensembles begannen sich immer deutlicher zu wandeln: „1999 haben wir noch 135 Kammerkonzerte gegeben und drei oder vier Opernaufführungen. 2002 waren es dann bereits 40 Opern und drei Kammerkonzerte“, bilanziert er. Heute spielt er mit seinem Ensemble „Sinfonia di Vetro“ etwa 80 Opern-Aufführungen und Konzerte. Dazu kommen etwa 40 Proben.

Aber da ist noch mehr: Seit einigen Jahren baut und installiert Sascha Reckert Wasserfilter in Entwicklungsländern. Heute pflegt er direkten Kontakt zu Regierungskreisen in Uganda, Tansania, Kenia und Burundi. Gemeinsam mit weiteren Ingenieuren und Erfindern und unter Zuhilfenahme von seinen Musikwelt-Kontakten arbeitet er an seinem großen Ziel, ganz Afrika mit Wasserfiltern zu bestücken. „In Afrika kocht jeder noch das Wasser ab zum Trinken“, berichtet der Erfinder. Wenn man das Wasser filtere, so Reckert „könnten wir vielleicht so viel CO2 einsparen, wie Deutschland im ganzen Jahr verbraucht.“ Wasser als Musikinstrument, Wasser als Lebenselixier. Ein Element, das Sascha Reckert und seine Kollegen auch weiterhin nachhaltig faszinieren wird.