
Sechs aufgeregte Jugendliche sitzen auf ihren Stühlen im Konzertraum der Privaten Musikschule Laubenheim in Mainz, als Antuanetta Mishchenko vor dem Flügel tritt. Die 34-Jährige Pianistin aus Cherson freut sich sichtlich auf die ereignisreiche musikalische Woche, die vor ihnen liegt. Ist sie doch nicht nur Initiatorin des ersten Berufsorientierungscamps, genannt regioCAMP, das sich mit klassischer Musik beschäftigt, sondern auch Eigentümerin und Geschäftsführerin der Organisation.
Die agile Konzertpianistin beschreibt die Zielgruppe so: „Talentierte Jugendliche, die Musik mit politischen, medialen, journalistischen oder wirtschaftlichen Seiten verbinden wollen. Meist wurden diese Heranwachsenden zwischen 14 und 25 Jahren bereits in der Ukraine gefördert, mussten aber wegen des russischen Angriffskriegs das Land verlassen.“
Check it: regioCAMP
- Das Projekt zeigt jungen Musikern Perspektiven für Karriere und Studium
- Am ersten Lehrgang nahmen geflüchtete ukrainische Jugendliche teil
- Vorher durchliefen sie einen anspruchsvollen Auswahlprozess
- regioCAMP übernimmt Kosten für Unterkunft, Verpflegung und Materialien
- Künftig sollen auch Nachwuchsmusiker aus anderen europäischen Ländern
Medienkontakte für eine Karriere in Deutschland und Europa
Mit dem regioCAMP, einer non-profit-Organisation, möchte sie ihnen konkrete Perspektiven für eine Karriere oder ein Studium in Deutschland und Europa vermitteln. „Das Programm kombiniert Einzelunterricht, Ensemblearbeit, Sprachtraining, Musiktheorie, unterschiedliche Orientierungs-Workshops und natürlich die Konzertpraxis.“ Mishchenko selbst hat sich früh in der Ukraine nicht nur als Konzertpianistin einen Namen gemacht, sondern auch als politische Aktivistin. Bereits im Winter 2013/2014, als es in Kiew zu den Maidan-Demonstrationen und der Besetzung der Krim durch Russland kam, hat sie couragiert an Straßenkonzerten und pianistischen Kunstaktionen teilgenommen, um die Proteste zu unterstützen. Die polnische Regisseurin Vita Maria Drygas hat darüber sogar einen Film gedreht.

Als sie jetzt, zwölf Jahre später, ihre Rede an die Jugendlichen beginnt, betont sie: „Das hier ist kein Projekt für Kinder, die bereits vorbildlich sind und zum Beispiel Preise bei ‚Jugend musiziert‘ abgeräumt haben. Wir möchten uns vielmehr um die Jugendlichen kümmern, die sich sehr für Musik interessieren, aber zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht wissen, in welchem Bereich genau sie sich in der Zukunft engagieren möchten.“ Fünf ukrainische Jugendliche haben es in die Endauswahl geschafft und eine deutsche Teilnehmerin: Alegra Martinaityte, die sich, das unterstreicht Mishchenko, „von Anfang an außerordentlich produktiv und engagiert eingebracht hat.“
Die energiegeladene Pianistin setzt sich nun an den Flügel und intoniert ein bewegendes Musikstück, das sie selbst komponiert hat und das sie schlicht „Melodie“ betitelt. Auf zarte Weise korrespondiert es am Ende mit der berühmten „Melodie“ Myroslav Skoryks, die sie final ebenfalls vorträgt. Skoryks Komposition ist mittlerweile weltweit dermaßen berühmt, dass man sie für ein Volkslied halten könnte. Spätestens seit dem Überfall der Sowjetunion auf die Ukraine 2022, aber auch schon vorher, wird sie in vielen Konzertsälen gespielt. Und gilt als musikalisches Symbol für Mitgefühl, Freiheitsliebe und Protest des angegriffenen Volkes.

Beim Eröffnungskonzert hat Mishchenko noch zwei weitere Höhepunkte parat, die sie gemeinsam mit einer ihrer langjährigsten Weggefährtinnen, der Sopranistin Anna Kochergina, vorträgt. Es sind das Liebeslied „Wenn ich sticken könnte“ von N. Andrievska und die berauschenden „Zwei Bäche aus Chornogora“, die in der Vertonung von A. Kos-Anatolsky viel Applaus bekommen. Kochergina wird im Gesangsbereich die gesamte Woche über Einzel- und Ensembleunterricht erteilen. Die 41-Jährige studierte mit „Netta“, wie sie Mishchenko nennt, in Kiew an denselben Musikinstitutionen – der Kinderkunstakademie, der Spezialmusikschule M. Lysenko und später der Nationalen Musikakademie. „Besonders in Erinnerung geblieben sind mir aber meine Kindheitsjahre an der Akademie. Ich bin fünf Jahre älter als Netta. Wir haben uns kennengelernt, als meine Lehrer sie in die Klasse aufnahmen, nachdem sie und ihre Familie von Cherson wegzogen sind. An der Akademie mussten wir unter anderem drei Fremdsprachen lernen und wir hatten zusätzlich eine exzellente musikalische Ausbildung.“
Musik als Weltanschauung
Mishchenko bestätigt die Qualität ihrer Ausbildung und erklärt daraus auch ihre Motivation für das regioCAMP: „Ich hatte das Privileg, von den besten Professoren und Musikern unterrichtet zu werden, die es in Cherson und in Kiew gibt. Sie haben mir beigebracht, dass Musik nicht nur aus Noten besteht und Musiker zu sein nicht nur bedeutet, Klavier zu spielen oder Sänger zu sein. Musik ist weit mehr als das. Es ist eine ganze Weltanschauung.“ Mit drei Jahren fing sie an Klavier zu spielen, mit sieben gab sie bereits ihr erstes Benefizkonzert. „Obwohl ich keine typische Kindheit gelebt habe, spürte ich immer: Die Musik ist meine Welt und in ihr leben Menschen, die mir ungeheuer wichtig sind. Diese wunderbaren Erfahrungen möchte ich nun mit meinen über 30 Jahren, nachdem ich international prämierte Pianistin und Dozentin am Peter Cornelius Konservatorium in Mainz geworden bin, unbedingt an die nächste Generation weitergeben.“
Trotzdem bildet sie sich weiter. „Da mich auch die Finanzierung von klassischer Musik interessiert, habe ich zusätzlich ein BWL-Studium aufgenommen. Im zweiten Semester hatten wir das Fach Projektmanagement. Mein Professor Harald Düster betreute jahrelang die Projektorganisation regioCAMP. Er hat mir dann angeboten, darin meine Ideen, die ich in dem Semester bei ihm entwickelt hatte, umzusetzen und die Organisation von ihm zu übernehmen.“

Alle Jugendlichen im Alter zwischen 14 und 25 Jahren mussten einen Auswahlprozess in drei Runden durchlaufen und sich anschließend noch zwei Monate lang mit Hausaufgaben vorbereiten. Wie der pianistische Überflieger Artem Kolotenko, der mit seinen 14 Jahren als einer der Jüngsten extra aus Kassel angereist ist. Im Gegenzug übernimmt „regioCAMP“ nicht nur ihre Kosten für Unterkunft, Verpflegung und Materialien. „Wir betreuen die Jugendlichen auch nach dem Camp weiterhin“, versichert Mishchenko. Und weiter: „Artem Kolotenko hat jetzt bei der Berliner Konzertagentur Hampl einen wichtigen Termin bekommen. Wir wollen ihn auch bei der Vorbereitung dieses Treffens professionell beraten. Denn wenn man mit 14 Jahren so eine Einladung bekommt: Dieser Termin könnte sein ganzes weiteres Leben verändern.“
Artem, der ursprünglich aus Kiew stammt, hat gerade eine kraftvolle Ballade Evgeny Khmaras einstudiert, einem Komponisten aus der ukrainischen Hauptstadt. Er sieht entschlossen und ehrgeizig aus, wenn er auf seine Karriereziele angesprochen wird: „Spannend finde ich, dass regioCAMP Musik mit weiteren Fächern kombiniert. Denn mich interessiert auch Filmindustrie und Medienmanagement.“ Welche Art von Musik bildet seinen Schwerpunkt? „Ich spiele jedes Genre, alles was mir ins Ohr geht.“ Und er komponiere gerne.

Auch die 17-jährige Ilona Plieva, die seit 2023 in der Nähe von Münster lebt, ist die Vorfreude anzumerken. Sie brennt für Gesang und Musicals. Bereits in ihrer zentralukrainischen Heimatstadt hatte sie drei Jahre lang gesungen und getanzt, bevor sie in der Musikschule im westfälischen Lengerich eine neue künstlerische Heimat fand. Weil sie mit Anna Kochergina ihr Konzertprogramm einstudieren wird, hat sie entsprechende Noten mitgebracht. Edith Piafs „Non, je ne regrette rien“ ist aktuell ihr Lieblingsstück. Sie lächelt leise, als sie verrät: „Ich bereue auch nicht, dass ich hergekommen bin. Denn hier gibt es so viele Möglichkeiten musikalischer Art.“ Auch Beethovens „Marmotte“ und Lieder von Wolodymyr Wermenytsch stehen auf ihrem Programm.
Musiktheorie, Film, Zeitbasierte Medien
In der Woche gibt es für die sechs jungen Menschen eine Menge zu erleben. Neben Einzelunterricht und einem Überblick über die deutsche und europäische Kulturlandschaft können sie etwa einen Workshop bei der Komponistin und Flötistin Madina Mardieva mit Schwerpunkt Filmindustrie absolvieren. Oder sich bei dem Tubisten und Euphonium-Spieler Arnaud Meier in Musiktheorie auf die Sprünge helfen lassen.

Oder aber bei Kristina Sukhiach einen Vortrag über „Zeitbasierte Medien“ erleben. Zeitbasierte Medien, was ist das genau? Kristina Sukhiach muss ein bisschen lächeln, denn diese Frage wird häufiger gestellt. „Darin geht um die Animation als Verbindung von Bild und Ton. Im Unterschied zum Kommunikationsdesign, wo der Schwerpunkt mehr auf den statischen Medien liegt, ist es bei uns das bewegte Bild. Ich selbst interessiere mich für die Nische zwischen immersivem Klang und Film, wie etwas Ausstellungskunst, die Video- und Soundformate verbindet.“ Die fremdsprachenbegeisterte Ukrainerin aus Dnipro hat bereits zuvor in Charkiw erfolgreich einen Bachelor im Fach „Soziologie der Kommunikation, Werbung, Medien“ beendet. Sie findet: „Wenn hier musikbegeisterte Jugendliche gefördert werden, ist das natürlich auch für die Eltern interessant. Oft haben sie ein höchst talentiertes Kind zuhause und wissen gar nicht, was für spannende Möglichkeiten es gibt und wie viele Brücken zwischen Musik, Klang, Bild und Wirtschaft. Das habe ich auch an mir selbst in meiner frühen Zeit festgestellt: Ich wusste, ich kann malen, ich kann zeichnen, ich kann spielen. Nur wusste ich nicht: Wie bringe ich das alles zusammen, wie finde ich mich dabei? Daher brenne ich für das Konzept von Antuanetta Mishchenko, die all das auf den Punkt bringt. Sie öffnet wirklich ganze Horizonte.“
Dramatische Flucht aus Kiew
Das scheint auch der junge Kiewer Sänger Arthur Shevchenko zu empfinden, der gerade seine Einzelstunde bei Anna Kochergina genießt. Er lebt aktuell in Mainz und ist großer Opernfan. Seine Augen werden ganz weit, wenn er sich daran erinnert, dass er vor dem Krieg im Kinderchor der Kiewer Oper gesungen hat. Seine Gesangslehrerin hört ihm mit viel Mitgefühl zu. Sie selbst ist unter dramatischen Umständen mit ihren beiden betagten, kranken Eltern aus dem umkämpften Kiew geflohen, nachdem die Beiden noch versucht hatten, zwei Wochen lang mit Essenresten in der U-Bahn auszuharren.

Nach der Flucht musste Kochergina noch einmal zurückkehren, um Ausweise und Papiere zu besorgen. „Aber es war unmöglich, in meiner Wohnung zu bleiben. Bereits in der ersten Nacht, als ich in meinem Apartment im neunten Stockwerk schlafen wollte, gab es schwere, nicht enden wollende Bombardierungen. Ich legte mich also auf den Flurboden, weil die Fenster dauernd klirrten. Von da an habe ich wieder jede Nacht in der U-Bahn zugebracht.“ Mit ihrer deutschen Zufluchtsstadt Kassel verbindet sie eigentlich eine traurige Familiengeschichte: „Dort haben sich meine Großeltern als ukrainische Zwangsarbeiter im Zweiten Weltkrieg kennengelernt. Umso mehr freut es mich, dass mir in diesen letzten Jahren die evangelischen Kirchengemeinden in Kassel, besonders die Markuskirche, die wunderbare Möglichkeit gegeben hat, Unterricht und Konzerte für ukrainische Geflüchtete zu geben. Ich habe das Gefühl, dass meine Veranstaltungen für sie wie eine Insel sind, ein Ort, an dem sie ihre Identität wiederfinden können.“