
Es beginnt oft gleich: Die Hände werden kalt oder feucht, der Puls steigt, die Gedanken rasen. Obwohl man sich monatelang vorbereitet hat, fühlt sich plötzlich alles unsicher an. Lampenfieber gehört zu den konstantesten Erfahrungen im künstlerischen Leben – unabhängig davon, ob man vor zwei Menschen oder vor einem ausverkauften Konzertsaal spielt.
Die Pianistin und Pädagogin Ana-Marija Markovina beschreibt diesen Zustand jedoch nicht als Problem, sondern als Ausgangspunkt: Ihrer Erfahrung nach ist Lampenfieber keine Störung, sondern eine Energie, die wir lernen können zu nutzen. Darüber sprach sie kürzlich bei einem Vortrag in der Landesmusikakademie NRW.
Der Säbelzahntiger im Konzertsaal
Um zu verstehen, was beim Vorspielen passiert, lohnt sich – so erklärt es Ana-Marija Markovina – ein Blick in den menschlichen Körper. Unser Nervensystem kennt zwei grundlegende Zustände: Aktivierung und Entspannung. Verantwortlich dafür sind die Hirnregionen des Sympathikus und Parasympathikus. Gerät der Mensch in eine stressreiche Situation, übernimmt der Sympathikus und schaltet den Körper auf „Fight or Flight“. Evolutionsgeschichtlich war das überlebenswichtig: Der Körper mobilisierte alle Kräfte, um zu reagieren – zu kämpfen oder zu fliehen.
Heute stehen wir nicht mehr vor einem Raubtier, sondern auf einer Bühne. Doch laut Markovina reagiert unser Körper identisch: Herzschlag, Atmung, Muskelspannung steigen – und genau das erleben wir als Lampenfieber.

Angst oder Antrieb?
Hier setzt ein zentraler Gedanke von Ana-Marija Markovina an: Nicht jedes unangenehme Gefühl vor dem Auftritt ist Angst. Vielmehr sei es entscheidend, zwischen destruktiver Angst und produktivem Lampenfieber zu unterscheiden.
Angst lähmt. Lampenfieber hingegen kann beflügeln. Es stellt die nötige Energie bereit, um im entscheidenden Moment präsent zu sein. Entscheidend ist also die Interpretation: Wie wir das Gefühl bewerten, bestimmt seine Wirkung.
Markovina betont, dass viele Musikerinnen und Musiker das sogenannte „präkonzertante Elend“ mit zunehmender Erfahrung sogar vermissen. Denn ohne diesen inneren Druck fehlt oft die intensive Präsenz auf der Bühne.
Das unterschätzte „Elend“ vor dem Auftritt
Vor einem Konzert fühlen sich viele unruhig, gereizt oder unsicher. Selbstzweifel tauchen auf, das eigene Können wird infrage gestellt. Ana-Marija Markovina beschreibt diese Phase als weit verbreitet – und zugleich als individuell gefärbt.
Wichtig sei, diese Empfindungen nicht zu dramatisieren. Sie gehören zum Prozess. Sie sind kein Zeichen von Schwäche, sondern Ausdruck einer erhöhten Aufmerksamkeit und Sensibilität. Und genau diese Empfindsamkeit ist, so Markovina, die Grundlage jeder künstlerischen Gestaltung.
Vorbereitung: mehr als nur Üben
Ein scheinbar einfacher, aber entscheidender Punkt: Man sollte gut geübt haben. Ana-Marija Markovina betont, dass das Bewusstsein über die eigene Vorbereitung eine enorme Sicherheit gibt. Jede geübte Stunde zählt.
Doch Vorbereitung bedeutet mehr als technische Arbeit. Es geht auch darum, sich mit den Rahmenbedingungen vertraut zu machen: Raum, Instrument, Akustik. Denn oft bringen uns kleine Unbekannte aus dem Gleichgewicht.
Markovina spricht hier von „Interferenzen“ – Dingen, die sich zwischen uns und die gewohnte Situation stellen. Genau diese sollten in der Vorbereitung berücksichtigt werden.

Die Bühne ist kein Übezimmer
Ein verbreitetes Phänomen: Zuhause klappt alles – auf der Bühne nicht. Ana-Marija Markovina widerspricht der Annahme, dass man im Konzert tatsächlich schlechter spielt. Vielmehr, so ihre Beobachtung, verändert sich unsere Wahrnehmung. Auf der Bühne sind wir wacher, kritischer, aufmerksamer. Wir hören genauer – und nehmen Schwächen deutlicher wahr.
Hinzu kommt der Einfluss des Adrenalins. Es steigert zwar die Leistungsfähigkeit, kann aber auch zu Hektik führen: zu schnelles Tempo, Unsicherheiten, mangelnde Kontrolle. Das Konzert ist also kein „schlechteres Spiel“, sondern oft ein ehrlicheres.
Üben unter realen Bedingungen
Die Konsequenz aus diesen Erkenntnissen ist für Ana-Marija Markovina klar: Man muss die Situation des Vorspielens üben – nicht nur das Stück. Das bedeutet:
- mit vollem emotionalem Einsatz spielen
- „Privatkonzerte“ geben
- sich bewusst unter Druck setzen
Viele üben kontrolliert, aber ohne Risiko. Doch genau dieses Risiko gehört zur Performance. Wer es nicht trainiert, wird davon überrascht.
Interferenzen als Trainingspartner
Ein besonders praktischer Ansatz von Markovina ist das bewusste Einbauen von Störungen ins Üben. Dazu gehören:
- fremde Räume
- ungewohnte Zeiten
- Müdigkeit oder Hunger
- Ablenkungen
- plötzlich auftretende Unterbrechungen
All das simuliert Stress. Und genau dieser Stress ist es, der im Konzert auftaucht. Ziel ist es, unter möglichst vielen Umständen stabil spielen zu können.

Fehler als Wegweiser
Fehler, so betont Ana-Marija Markovina, sind keine Katastrophe – sondern eine wichtige Informationsquelle. Sie zeigen, wo Unsicherheiten liegen. Besonders wertvoll sind die sogenannten „Sollbruchstellen“: jene Momente, in denen Dinge ins Wanken geraten. Wer diese erkennt und gezielt bearbeitet, gewinnt zusätzliche Sicherheit. Fehler werden damit zu einem Werkzeug der Verbesserung – nicht zu einem Beweis des Scheiterns.
Das Geheimnis des Weglegens
Ein überraschender Rat von Markovina: Stücke bewusst weglegen. Lernen geschieht nicht nur aktiv. Vieles konsolidiert sich im Hintergrund. Wenn ein Stück eine Zeit lang ruht, zeigt sich, was wirklich verankert ist. Erst dann ist es – im Sinne der Pianistin – wirklich gelernt: wenn es Teil der eigenen Persönlichkeit geworden ist.
Kreativität braucht Mut – und Übung
Ein zentrales Spannungsfeld beschreibt Ana-Marija Markovina so: Sicherheit und künstlerische Freiheit lassen sich nicht gleichzeitig erzwingen. Wer kreativ gestaltet, riskiert Fehler. Doch genau dieser Mut macht Musik lebendig. Deshalb empfiehlt sie, verschiedene Ausdrucksformen bewusst zu üben:
- neutral
- übertrieben expressiv
- sehr langsam oder sehr schnell
- analytisch oder emotional
Diese Vielfalt stärkt die Flexibilität – und hilft, auf der Bühne spontan zu reagieren.
Vorspielen als Königsweg
Immer wieder betont Ana-Marija Markovina die Bedeutung des Vorspielens. Jede Gelegenheit sei wertvoll: im Unterricht, vor Freunden, in kleinen Konzerten. Vorspielen ist Training. Es konfrontiert uns mit genau den Bedingungen, die wir sonst nicht erzeugen können: Aufmerksamkeit, Erwartung, Energie. Ein prägnanter Gedanke aus ihrem Vortrag: Ein Vorspiel kann so wirksam sein wie viele Stunden Üben.

Die Rolle des Publikums
Viele sorgen sich darum, wie sie auf andere wirken. Markovina rät, diesen Fokus zu verschieben. Es gehe nicht darum, das Publikum zu kontrollieren – sondern ihm etwas mitzuteilen. Musik sei im Kern eine Erzählung. Wer spielt, erzählt. Wer erzählt, teilt etwas Persönliches. Diese Haltung verändert den Auftritt grundlegend: weg vom Perfektionsdruck, hin zur Kommunikation.
Perfektion ist eine Illusion
Fehler passieren. Immer. Auch bei den größten Künstlerinnen und Künstlern. Das betont Ana-Marija Markovina ausdrücklich. Die Vorstellung einer perfekten Aufführung ist unrealistisch – und oft hinderlich. Entscheidend ist nicht Fehlerlosigkeit, sondern Ausdruck. Das Publikum erinnert sich nicht an jeden falschen Ton, sondern an das Gefühl, das geblieben ist.
Die entscheidende Fragestellung
Am Ende steht eine Frage, die Ana-Marija Markovina selbst ins Zentrum stellt: Wer bin ich beim Üben – und wer bin ich auf der Bühne?
Je näher diese beiden Zustände zusammenkommen, desto stabiler wird das Spiel. Und desto größer wird die Freude. Denn letztlich geht es nicht darum, Angst zu vermeiden. Sondern darum, etwas zu teilen. Oder, wie Markovina es formuliert: Glück kann man üben – und die Freude am Vorspielen auch.

Im Gespräch: Fragen aus der Praxis
Zum Abschluss des Vortrags entwickelte sich eine lebhafte Diskussion, die zahlreiche Aspekte des Vortrags nochmals aufgegriffen und vertieft haben. Die Fragen der Teilnehmer kreisten dabei immer wieder um die zentrale Herausforderung: Wie lässt sich die Theorie in die eigene Praxis übertragen?
Frage: Frau Markovina, ich habe manchmal das Gefühl, dass ich eigentlich gut vorbereitet bin – und spiele auf der Bühne trotzdem plötzlich vorsichtig und zurückhaltend. Woran liegt das?
Ana-Marija Markovina: Das ist sehr verbreitet. Sie wissen, was Sie können – aber Sie trauen sich in der Situation nicht, es zu zeigen. Auf der Bühne kommt ein sozialer Faktor hinzu: Sie stehen in Beziehung zu anderen, zum Publikum, zu Erwartungen. Das kann hemmen. Mein Rat wäre: Üben Sie bewusst das „Risiko“. Spielen Sie zuhause nicht nur korrekt, sondern mit maximalem Ausdruck. Wenn Sie diesen Ausdruck nicht geübt haben, wird er auf der Bühne auch nicht spontan entstehen.
Ich habe häufig das Problem, dass mich Kleinigkeiten völlig aus dem Konzept bringen. Wie kann ich damit besser umgehen?
Genau diese Dinge nenne ich Interferenzen. Und wir können sie trainieren. Üben Sie in verschiedenen Räumen, auf unterschiedlichen Instrumenten, unter wechselnden Bedingungen. Ihr Ziel ist nicht, die perfekte Situation zu schaffen, sondern flexibel zu werden. Je mehr Ungewohntes Sie kennen, desto weniger wird Sie überraschen.
Mir passiert es im Konzert oft, dass ich plötzlich Dinge falsch mache, die zuhause immer funktioniert haben. Das frustriert sehr.
Das ist kein Zufall. Auf der Bühne sind Sie wacher – und damit auch kritischer. Gleichzeitig wirkt das Adrenalin. Es bringt uns in einen Zustand, der im Üben kaum vorkommt. Deshalb ist es so wichtig, diesen Zustand mitzuüben. Fragen Sie sich nicht: „Warum passiert mir das?“, sondern: „Wie kann ich solche Situationen vorbereiten?“ Dann wird aus Frustration ein Lernprozess.
Was kann ich konkret gegen Lampenfieber tun? Gibt es eine Technik, die immer hilft?
Markovina: Es gibt nicht die eine Technik für alle. Aber es gibt ein wichtiges Prinzip: Versuchen Sie nicht, das Lampenfieber wegzubekommen. Das wird nicht funktionieren. Lernen Sie, es zu nutzen. Es ist Energie. Wenn Sie diese Energie gegen sich richten, wird sie Angst. Wenn Sie sie in die Musik lenken, wird sie Ausdruck.
Wie gelingt es, auf der Bühne wirklich präsent zu sein und nicht ständig an mögliche Fehler zu denken?
Indem Sie sich eine neue Aufgabe geben. Denken Sie nicht daran, nichts falsch zu machen – das funktioniert psychologisch nicht. Denken Sie stattdessen an die Musik. Erzählen Sie etwas. Wer erzählt, ist automatisch im Moment. Der Fokus verschiebt sich vom „Kontrollieren“ zum „Gestalten“.
Ich habe den Eindruck, dass ich beim Üben oft zu bequem bin. Gibt es eine Möglichkeit, das zu verändern?
Ja – indem Sie sich selbst ernst nehmen. Spielen Sie im Übezimmer so, als säßen Menschen vor Ihnen. Investieren Sie emotional. Die meisten spielen zuhause „auf Sparflamme“ und erwarten dann auf der Bühne ein Feuerwerk. Das kann nicht funktionieren. Üben Sie das Feuerwerk.
Wie wichtig ist es, möglichst oft vorzuspielen? Ich habe manchmal Hemmungen, unfertige Stücke zu zeigen.
Es ist enorm wichtig. Vorspielen ist kein Test, sondern Training. Sie müssen nicht warten, bis etwas „perfekt“ ist – im Gegenteil. Gerade das Unfertige ist interessant. Sie lernen durch das Vorspielen Dinge, die Sie allein im Übezimmer nie erfahren würden.
Und wenn etwas wirklich schiefgeht auf der Bühne?
Markovina (lacht): Dann geht es schief. Das passiert. Allen. Wirklich allen. Die Frage ist nur: Bleiben Sie in der Musik oder steigen Sie aus? Fehler sind wie Atmen – sie gehören dazu. Entscheidend ist, dass Sie weiterspielen und Ihre Geschichte weitererzählen.
Gibt es einen Moment, in dem Lampenfieber ganz verschwindet?
Markovina: Nein – und das ist auch gut so. Ohne diese Aufregung fehlt etwas Entscheidendes. Die Kunst besteht nicht darin, keine Angst mehr zu haben, sondern sich trotz – oder besser: mit – dieser Aufregung wohlzufühlen.

Zur Person:
Ana-Marija Markovina zählt zu den profilierten Stimmen der internationalen Klavierszene – und zu den reflektiertesten Denkerinnen über das Musizieren selbst. Die promovierte Pianistin, 1970 in Kroatien geboren, wurde in Berlin, Wien und Weimar ausgebildet und steht seit vielen Jahren als Solistin auf den Bühnen im In- und Ausland. Ihre umfangreiche Diskografie – mit inzwischen über 40 Aufnahmen – umfasst auch vielbeachtete Ersteinspielungen, etwa von Hugo Wolf oder Luise Adolpha Le Beau. Für ihre Gesamtaufnahme sämtlicher Klavierwerke Carl Philipp Emanuel Bachs wurde sie nicht nur mit dem Preis der Deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet, sondern auch für einen Grammy nominiert.
Parallel zu ihrer Konzerttätigkeit engagiert sich Markovina seit über zwei Jahrzehnten intensiv in der musikalischen Bildung: als Jurorin, Kursleiterin und Referentin an der Schnittstelle von Musik, Psychologie und künstlerischer Praxis. Mit ihrem Buch „GLÜCKS-Spiel“ (2019) hat sie zudem eine vielbeachtete Verbindung zwischen Musizieren und persönlichem Wohlbefinden beschrieben – ein Thema, das auch ihren Blick auf Lampenfieber und Auftrittssituationen prägt.