
Der Schweizer Komponist und Arrangeur Daniel Hellbach (geb. 1958) hat sich mit seinen über 100 Unterrichtswerken in den vergangenen Jahren weit über die Landesgrenzen hinaus einen Namen gemacht. Was einst aus der Unterrichtspraxis heraus entstand, ist heute in der Schweiz und in ganz Europa fester Bestandteil moderner Instrumentalpädagogik.
Hellbachs Musik vereint Einflüsse aus Pop, Rock und Jazz mit Elementen der klassischen Tradition. Seine Tonsprache ist zeitgemäß, eingängig und zugleich musikalisch anspruchsvoll – eine Klangwelt, die den Geschmack eines breiten Publikums trifft und insbesondere junge Menschen unmittelbar anspricht. Seine Kompositionen erfüllen einen lang gehegten Wunsch vieler Schülerinnen und Schüler: Musik spielen zu dürfen, mit der sie sich identifizieren, in der sie sich wiederfinden und durch die sie ihre eigenen Gefühle ausdrücken können.
Doch Hellbachs Werke überzeugen nicht nur durch ihre stilistische Vielfalt. Für Musikpädagoginnen und -pädagogen sind sie zu einem wertvollen Arbeitsinstrument geworden. Sie verbinden klangliche Attraktivität mit didaktischer Klarheit und methodischer Zielgerichtetheit. Technische Herausforderungen sind so in musikalisch reizvolle Kontexte eingebettet, dass sie beinahe spielerisch bewältigt werden. Lernen geschieht hier nicht abstrakt, sondern im lebendigen musikalischen Erlebnis.
Neben seiner kompositorischen Tätigkeit ist Daniel Hellbach bis heute als Klavierlehrer an verschiedenen Musikschulen tätig. Sämtliche seiner Stücke entstehen aus der unmittelbaren Unterrichtssituation heraus.
Der Musikwissenschaftler Kai Marius Schabram sprach mit dem Komponisten über seine Arbeitsweise, seine pädagogischen Überzeugungen und die musikalischen Ideen, die sein Schaffen prägen.
Frage: Gab es bestimmte Momente oder Erfahrungen in Ihrer Jugend, die Ihre Liebe zum Klavier und zur Komposition geprägt haben?
Daniel Hellbach: Die gab es tatsächlich. Es kamen gleich ein paar Sachen zusammen. Zum einen haben mir meine Eltern damals beim Beethovenjahr 1970 eine Schallplatten-Kollektion mit allen Beethoven-Sinfonien geschenkt. Die habe ich tage- und wochenlang abgespielt. Fast zur selben Zeit habe ich mich mit drei Jungs aus der Nachbarschaft zusammengetan und wir haben einfach jeden Fetzen Notenpapier, der uns in die Finger kam, zurechtgeschustert und gespielt.
Das reichte von klassischen Sachen über die „Oberkreiner“ bis hin zu Pop und Rock. Kurz darauf habe ich mit einem Trompeter aus dem Dorf die gängige Trompetenliteratur gespielt. Auch da mussten wir uns allerhand einfallen lassen. Als er zum Beispiel ein Trompetenkonzert von Leopold Mozart spielen wollte, haben wir gemerkt, dass die Noten für C-Trompete gedacht waren. Also habe ich den ganzen Klaviersatz transponiert inklusive Einbau einer Kadenz.
Wir hatten niemanden, der uns coachte. Wir wollten einfach spielen. Aber so habe ich früh gelernt zu arrangieren, improvisieren – und da lag das Komponieren nahe.

Man spürt in Ihren Werken diese Verbindung von Spielfreude, stilistischer Vielfalt und pädagogischem Anspruch. Wie würden Sie selbst Ihre stilistischen und didaktischen Grundsätze beschreiben?
Ich habe mich früh gefragt: Was macht das Klavier eigentlich faszinierend? Einstimmigkeit kann es nicht sein – nach dem Anschlag ist der Ton unveränderbar. Das wirklich Attraktive am Klavier ist das Mehrstimmige, das Akkordische, was aber auch früh eine gute Pedalbedienung verlangt. Deshalb war es mir wichtig, dass meine Stücke früh gut klingen. Die Zeiten, in denen man sagte: „Jetzt machen wir erst einmal vier Jahre Tonleitern, Musik kommt später“, sind vorbei. Es muss von Anfang an musikalisch befriedigend sein.
Mir ist außerdem wichtig, dass Kinder früh stilistische Vielfalt kennenlernen. Nicht nur Rock & Pop, sondern Brücken zu verschiedensten Musikstilen. Und jedes Stück soll proportional stimmig sein: Länge, Form und musikalischer Inhalt müssen im Gleichgewicht stehen.
Manchmal verwende ich sogar Zitate: Eins meiner Klavierstücke beginnt wie der zweite Satz aus einem Mozart-Konzert, kommt aber wesentlich poppiger daher. Der Mittelteil stammt wiederum aus Beethovens 7. Sinfonie – alles in Originaltonarten. Auch Tonartvereinfachungen für Schüler habe ich ausprobiert, damit sie die Werke leichter spielen können.
Spielen biografische Bezüge eine Rolle? Sind manche Stücke für bestimmte Schülerinnen oder Schüler entstanden?
Ja, durchaus. Einige Stücke sind konkret für einzelne Schülerinnen und Schüler entstanden. Aber es sind keine Unikate – oft gefallen sie später auch anderen. Ich improvisiere viel. Ideen, die beim Improvisieren entstehen, halte ich fest. Manchmal entstehen daraus Stücke, manchmal sind es Auftragswerke.
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Wie entwickeln Sie ein neues Stück: Beginnt es bei Ihnen eher mit einer melodischen Idee, einem rhythmischen Motiv oder einem pädagogischen Problem?
Es ist unterschiedlich. Manchmal ist es tatsächlich ein pädagogisches Problem, das ich musikalisch „verpacken“ möchte. Aber ich fühle mich als Harmoniker. Viele Melodien entstehen bei mir aus der Harmonik heraus. Wie gesagt – ich improvisiere viel. Daraus entwickeln sich oft Themen, welche ich später verarbeite.
Welche musikalischen Einflüsse prägen Ihre Improvisation und Komposition?
Improvisiert habe ich meist im klassisch-romantischen Stil – Beethoven, Schubert, diese Richtung. Gleichzeitig führte ich ein „Doppelleben“: Neben dem klassischen Unterricht spielte ich früh in einer Rockband. Das habe ich meiner Klavierlehrerin erst gestanden, als sie 82 war … Popmusik war also immer präsent. Jazz habe ich später entdeckt – besonders die Harmonik interessiert mich sehr. Ich würde mich aber nicht als Jazzer bezeichnen. Da fehlt mir einiges an Spielpraxis und Erfahrung. Ich kann zwar jazzig spielen, aber über komplexe Akkorde improvisieren kann ich nicht – das müsste ich vorbereiten.
Mir ist bei der Internetrecherche aufgefallen, dass Kinder und Erwachsene Videos hochladen, auf denen sie Stücke von Ihnen spielen. Kennen Sie diese Beiträge, und was halten Sie davon?
Ja, ich verfolge schon, was da alles hochgeladen wird. Die Qualität der Interpretationen ist sehr unterschiedlich – von „Naja…“ bis hervorragend gibt es alles. Spannend ist, wie meine Stücke auch bearbeitet werden, zum Teil in einigen Ländern auf länderspezifische traditionelle Instrumente übertragen werden. Erstaunlich ist auch, dass es Beiträge von Taiwan bis USA oder Brasilien gibt …

Was verstehen Sie unter „richtigem Üben“?
Üben ist sehr individuell. Ich selbst habe eher wenig, aber sehr analytisch geübt. Ich habe ein Stück erst strukturell und harmonisch verstanden und dann technisch erarbeitet. Viele Schülerinnen und Schüler üben ineffizient: Sie spielen von vorne, stolpern an schwierigen Stellen, wiederholen sie mehrfach und gehen weiter – ohne gezielt zu analysieren. Im Unterricht funktioniert differenziertes Arbeiten oft gut. Zu Hause jedoch fehlt manchmal die Geduld. Die richtige Mischung aus Übedauer, Regelmäßigkeit und kluger Herangehensweise ist entscheidend.
Haben Sie bestimmte Methoden oder Übungen entwickelt, um Motivation oder Übegewohnheiten zu fördern?
Das Wichtigste ist die Freude. Die Schülerinnen und Schüler sollen Lust und Freude haben. Sie müssen auch spüren, dass ich Freude habe, sie zu unterrichten. Sie müssen ein echtes Interesse daran haben, ein Stück spielen zu können. Wichtig ist auch, dass man es schafft, sie im pubertären Alter weiterhin bei Laune zu halten. Da muss ich mir halt auch mal das eine oder andere einfallen lassen. Natürlich habe ich da einige Ideen oder Übetricks auf Lager, aber auf die jetzt einzugehen, würde zu weit führen.
Wie hat sich der Stellenwert des Amateurmusizierens in den letzten Jahrzehnten aus Ihrer Sicht verändert?
Massiv. Früher konnte man davon ausgehen, dass Kinder sich mit einer Sache länger auseinandersetzen. Heute muss vieles sofort funktionieren – per Knopfdruck. Wenn etwas beim zweiten Versuch nicht gelingt, geben viele schon auf. Gleichzeitig sind Kinder schulisch stark belastet. Das macht kontinuierliches Üben schwieriger.
Aber genau hier liegt auch eine Chance: Musikunterricht kann ein Gegenpol sein. Hier lernt man, an etwas dranzubleiben, Frustration auszuhalten und Erfolg zu erleben. Wichtig ist, dass wir als Lehrende Geduld, Humor und gute Stimmung bewahren. Kinder reagieren sehr genau darauf.
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Sie haben viel mit Ihrer damaligen Frau Jeannette zusammengearbeitet und sehr erfolgreiche Literatur und Lehrgänge für Blockflöte geschrieben. Wie sah diese musikalische Kooperation konkret aus?
Jeannette ist ausgebildete Primarlehrerin sowie Blockflöten- und Klavierlehrerin. Sie komponiert selbst nicht im eigentlichen Sinn, aber sie brachte die didaktische Perspektive ein – besonders für die Blockflöte. Sie sagte mir zum Beispiel: „Dieser Ton kommt neu hinzu, aber rhythmisch bitte nicht zu komplex – und von unten her nicht zu schnell.“ Mein Ziel war dann: Wie mache ich daraus Musik?
Diese Herausforderung – mit rein didaktischen Vorgaben musikalisch überzeugend zu schreiben – war großartig. Inzwischen habe ich sogar mehr für Blockflöte als für Klavier komponiert.
Ihre Blockflötenschulen sind besonders erfolgreich – was macht den Reiz dieser Werke aus Ihrer Sicht aus?
Das hat viele Gründe: 1. Ein didaktischer Aufbau, welcher schlicht und einfach funktioniert. 2. Wir haben die Blockflöte weggeholt von „Hänschen klein“ etc. plus zweite Stimme für den Lehrer. Stattdessen haben wir die Blockflöte in schlichte, aber passende harmonische Begleitungen eingebettet. So klingt schon ein Stück mit drei Tönen sehr ansprechend. (Das heißt aber nicht, dass wir die Volkslieder verbannt haben. Insgesamt sind auf alle Bände verteilt Volkslieder aus über 30 Ländern enthalten.) 3. Die Kompositionen und Arrangements sind genau auf die entsprechenden Lernschritte abgestimmt. 4. Eine stilistische Vielfalt, welche vom Mittelalter bis heute durch alle Epochen und Stile hindurch reicht, inklusive Jazz, Rock und Pop. 5. Authentische Einspielungen und Playbacks. Wir wollten keine computergenerierten Aufnahmen. Es wurde alles live eingespielt. Dabei haben wir keine Mühen und Kosten gescheut. Für das Mittelalter kamen Spezialisten für Alte Musik, mit historischen Instrumenten. Dasselbe gilt entsprechend für die Barockmusik. Für irische Musik hat eine irische Band gespielt. Und so geht es weiter: Rockband, Balkan-Spezialisten, viele Stücke sind mit Streichquartett begleitet. Alles „echte“ Musiker und Instrumente. 6. Tolle Illustrationen, welche nicht nur schön sind, sondern auch im musikalischen Sinn einen echten Mehrwert bedeuten.

Sie haben über 100 Unterrichtsbände veröffentlicht – alle im selben Verlag?
Ja, fast alles erschien im selben Verlag. Nur kürzlich habe ich etwas für einen anderen Verlag geschrieben, ein Kinderbuchprojekt mit Musik. Aber der Großteil ist beim gleichen Verlag erschienen.
Gibt es auch einen Komponisten Daniel Hellbach jenseits der Unterrichtsliteratur?
Ja, den gibt es. Ich habe mehrere kleinere Chorwerke, drei Klavierkonzerte und ein Konzert für Alt- oder Querflöte geschrieben. Eines der Klavierkonzerte ist veröffentlicht, andere wurden in der Schweiz, Portugal und Deutschland aufgeführt. Stilistisch bin ich vielseitig, aber ich würde mich als Spätromantiker bezeichnen – mit Betonung auf „Romantiker“. Ein Vorbild ist beispielsweise der englische Komponist Ralph Vaughan Williams, der meine Klangsprache beeinflusst hat. Tonalität ist mir wichtig. Völlige Atonalität hat mich nie wirklich angesprochen. Eines meiner Klavierkonzerte ist fast vollständig modal, nur an wenigen Höhepunkten durchbricht eine klassische Dominant-Tonika-Beziehung das Klangbild. Ich liebe große Klangfarben – auch das ist Teil meiner musikalischen Identität.
Herr Hellbach, vielen Dank für das Gespräch!
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