Mit den Fingern auf der Zither singen

Sarah Luisa Wurmer spielt Zither

Sarah Luisa Wurmer spielt die Altzither mit Bogen | Foto: Bettina Boyens

Ob mit klassischem Bogen, feinen Fingerkuppen oder Vibraphon-Schlägern: Wenn Sarah Luisa Wurmer die Zither spielt, ist sie angetrieben von Neugier auf ungewöhnliche Klänge. Dabei interessiert die 22-jährige Münchnerin besonders das kreative Wechselspiel zwischen barocker und zeitgenössischer Musik.

Ambitionierter Forschergeist blitzte jedenfalls durch, als sie jetzt im Frankfurter Kunstverein Montez Stücke aus ihrer ersten CD „Intimacy“ präsentierte. Während ihre sensiblen Fingerspitzen unvorstellbar geglaubte Töne aus ihrer 36-saitigen Altzither hervorlocken, huscht immer wieder ein Lächeln über ihr helles Gesicht. Ganz so, als genieße sie das Konzert mindestens genauso wie die Besucher.

Sarah Luisa Wurmer spielt klassisch mit Fingerspitzen an der Altzither | Foto: Bettina Boyens

Weshalb brennt sie auf ihrem Instrument, das im klassischen Konzertsaal so gut wie nie vorkommt, eher für Barockmusik und Zeitgenössisches als für voralpenländische Heimeligkeit? „Als ich mit dem Zitherspiel begonnen habe, war mir gar nicht so bewusst, dass die Zither im Alpenraum so ein Traditionsinstrument ist“, sagt sie und setzt sich nach dem fokussierten Spiel an einen Cafétisch im Montez. „Ich war zehn Jahre alt, als ich in München auf dem Sommerfest unserer Pfarrgemeinde in Riem die Schwester des Chorleiters auf der Zither spielen hörte. Weil mir der Klang so gut gefiel, haben wir sie angesprochen und da stellte sich heraus, dass sie auch noch Zither-Lehrerin ist. Ein paar Wochen später hatte ich meine erste Stunde bei ihr. Mir ist erst später richtig klar geworden, wie wichtig die Zither in der Volksmusik ist. Denn ich habe von Anfang an sehr umfangreiches Repertoire gespielt und komme nicht aus der traditionellen Richtung.“

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Ihr jüngst erschienenes erstes Album ist entstanden, weil Sarah Luisa Wurmer in diesem Jahr den Fanny-Mendelssohn-Förderpreis gewonnen hat. Ein Teil des Preises ist die Aufnahme ihrer Debüt-CD. Darin lotet Wurmer die Beziehungen zwischen ihrem Herzstück, Johann Sebastian Bachs Solo-Cellosuite Nr. 6 in D-Dur BWV 1012 und eigens für sie komponierten Werken aus. Ihr eigenes Arrangement der Bachsuite auf der Altzither trifft dabei auf neueste Stücke, die nicht nur für Altzither, sondern auch für die Diskantzither oder die mongolische Wölbbrettzither Yatga geschrieben wurden. Sie stammen von Dorothea Hofmann, Leon Zmelty, Eva Kuhn und Julius von Lorentz.

Sensibilität und Berührbarkeit

Warum lautet der Titel der CD ausgerechnet „Intimacy“? „Bei Bach ist man als Interpretin immer stark auf sich selbst zurückgeworfen“, berichtet die junge Zitheristin. „Besonders bei den Solo-Suiten, da ist man sehr exponiert und wendet sein Innerstes nach außen. Für mich bedeutet Intimität, dass mir etwas so vertraut ist, dass ich das Gefühl habe, es mit den Fingerkuppen nachzeichnen zu können. Entweder ein vertrautes Gesicht, das man ganz genau kennt, oder ein Stück, das man auswendig spielt.“

Sarah Luisa Wurmer | Foto: Oliver Mark

Die magnetische Sensibilität ihrer Fingerkuppen ist jedenfalls auf dem Album in jeder Minute spürbar. „In der Komposition von Leon Zmelty berühre ich mit dem Finger meine Haut, reibe Kieselsteine aneinander – alles sehr intime Vorgänge.“ Und was wünscht sie sich für die Besucher des Konzertes, welche Eindrücke sollen sie mit Nachhause nehmen? Sie hoffe, sagt sie nach kurzer Überlegung, dass Menschen, die ihr Programm hören, auch feinfühlig werden beim Zuhören. Sie wünsche sich „Neugierde und Offenheit, gekoppelt mit Berührbarkeit: Das brauchen wir heute.“ Will sie die Menschen in unserer immer schnelllebigeren Welt auf diese Weise zum Innehalten bewegen? Sie nickt vorsichtig: „Musik kann einen Raum schaffen, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen und Berührbarkeit wieder wahrzunehmen. Und sich Gedanken zu machen: Was berührt mich, wo entstehen Töne aus der Stille, was nehme ich wahr von der CD?“

Auch auf dem Podium überzeugt sie mit ihrer sehr besonderen Art, Bachs Suite zu interpretieren, die ursprünglich für fünfsaitiges Cello geschrieben wurde. Seine ersten fünf Suiten würden in der Zithergesellschaft häufiger gespielt, berichtet sie, „die sechste aber nicht. Das genau reizt mich. Da kann ich selbst noch Neues entdecken und selbst entwickeln.“ Die erweiterten Möglichkeiten ihres Instruments reizen sie dabei besonders. „Ich habe zum Beispiel bei Bach viele Bässe eine Oktave tiefer genommen als beim Cello – einfach, weil ich es auf der Altzither kann, weil ich eine andere Polyphonie in den Händen halte bezüglich der Orgelpunkte. Auf diese Weise kann ich der Suite etwas wirklich Neues in Bezug auf Klanglichkeit und Schattierung hinzufügen.“ Dabei streut sie die einzelnen Sätze neugierig unter die zeitgenössische Musik. „Mich interessiert besonders, wenn die Ränder verschmelzen“, meint sie. „Deshalb habe ich auf der CD und auch eben im Konzert den Übergang von der Neukomposition ‚topography of fragility‘ von Leon Zmelty zu Bachs Sarabande praktisch attacca ausgeführt. Der erste Akkord der Sarabande steht im Zwischenbereich zwischen neuer und alter Musik und könnte in diesem Augenblick zu beidem gehören. Diese Begegnung, diese Überraschung – das reizt mich.“

Instrumentenbau

Bach und seine musikalischen Vorfahren haben für die Zither nicht komponiert, weil das Instrument noch nicht ausgereift war. Darüber ist Sarah Luisa Wurmer bestens informiert: Die Zither habe sich erst Ende des 18. Jahrhunderts fertig entwickelt, erläutert sie. „Sie ist prinzipiell aus zwei mittelalterlichen Instrumenten zusammengesetzt: Dem Scheitholt und dem Psalterium. Danach gab es verschiedene Entwicklungsstufen. Und weil es ein kombiniertes Instrument ist, besitzt es ein Griffbrett und einen Freisaitenbereich – und damit zwei ganz unterschiedliche Register.“

Sarah Luisa Wurmer und Leon Zmelty, Komponist des Werkes „topography of fragility“, | Foto: Bettina Boyens

Da die Zither erst Mitte des 19. Jahrhunderts ihre erste Blüte erlebte, habe sie viele Epochen verpasst, bedauert die bayerische Musikerin. Damit sei immer die Herausforderung: Wie schafft man originäre Literatur für so ein besonderes Instrument? Wurmer erzählt sehr lebendig, dass es in den 1960er Jahren einen weiteren Entwicklungsschub und einen Sprung im Instrumentenbau gegeben habe. „Die traditionellen Zithern sind vielleicht halb so groß wie meine Konzertzither. Ernst Volkmann hat sie wieder auf die Psalterform, sprich die Trapezform, die man auch bei Hackbrett beobachten kann, fokussiert. Der Instrumentenbauer Klemens Kleitsch, von dem meine Instrumente stammen, hat den Saitenhalter wieder auf die Decke gesetzt. Vorher waren die lange auf der Zarge. Dann aber benötigt man einen Tisch als Resonanz, weil die Schwingungsanregung indirekt über die Zarge funktioniert. Hier ist der Saitenhalter wieder auf der Decke, deswegen brauche ich nur dieses Gestell.“ Später hätten sich dann noch Alt- und Basszither entwickelt. Die Basszither reiche noch eine Oktave tiefer als die Altzither. „Ihr Klang ist mit nichts vergleichbar“, schwärmt sie. „Sie ist ein Ort von ungehörten Klängen.“

Auffallend ist, dass der engagierten Zithervirtuosin die klassische Originalliteratur für Zither nicht besonders zusagt, die im 19. Jahrhundert entstand. All die Sonaten im Konzertstil, all die romantischen Charakterstücke findet sie zwar „sehr süß“, interessiert sich aber stärker für die Dualität zwischen Alter Musik und zeitgenössischer. Weshalb arbeitet sie so gerne mit Komponisten? „Dadurch bin ich ganz nah am Stück und kann auch meine Vorstellungen einbringen. Auf diese Weise entdecke ich teilweise ganz neue Spieltechniken. Das ist ein ständiger Austausch und eine wunderbare Entdeckungsreise. Das ist meine künstlerische DNA.“

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Studium in Wien und in der Mongolei

Hat sie schon mal selber ans Komponieren gedacht? Sie schüttelt leicht den Kopf. Aktuell fühle sie sich nicht in der Komponistenrolle. „Eher als Kollaborateurin oder Kreateurin neuer Musik.“ In diesem Wintersemester ist sie Erasmusstudentin an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien im Fach „Contemporary Arts Practice“. Zwischen traditioneller Verwurzelung und aktuellem Zeitgeist forscht sie dort im Masterstudiengang nach einer zeitgemäßen Ästhetik der Zither. „Da improvisieren wir ganz viel mit der Stimme, mit dem Körper und mit dem Instrument.“ In der Tat fällt die Hingabe ihres körperbetonten Zither-Spiels ins Auge, nicht nur bei Bach. Besonders, als sie die Altzither gegen die mongolische Yatga eintauscht und Dorothea Hofmanns siebenminütige Komposition „…mit den Fingern zu singen“ intoniert, ist ihre kantable Expressivität spürbar. Der Titel verweist laut Hofmann auf Fanny Hensel, die auf diese Weise beschrieben habe, wie die „Lieder ohne Worte“ ihres Bruders Felix Mendelssohn-Bartholdy vorgetragen werden sollten. Die elegante Art jedenfalls, wie Wurmer mit den beweglichen Saitenhaltern der Yatga Hofmanns Töne ein- und ausschleift brennen sich ins Gedächtnis ein.

Sarah Luisa Wurmer spielt die mongolische Yatga | Foto: Bettina Boyens

Um ihr Yatga-Spiel zu intensivieren und transkulturelle Klangwelten weiter zu erforschen, legte sie ein Auslandssemester am Mongolian State Conservatory in Ulaanbaatar ein. Dort habe ihr „sehr gefallen, dass es eine generelle Offenheit gegenüber Instrumenten und Stilen gibt.“ Traditionelle und klassische Instrumente stünden unkompliziert nebeneinander. Auf traditionellen Zithern, die in der Mongolei sehr verbreitet seien, würde ganz Unterschiedliches gespielt. „Meine Professorin Munkh-Erdene Chuluunbat spielt dort auf Modenschauen, Pop-Events und in der Philharmonie. Es ist diese unaufgeregte Offenheit und Wertschätzung, die ich mir hier manchmal noch mehr wünschen würde.“

Welche der vielen Zitherinstrumente schätzt sie am meisten? „Während die Diskantzither sich mit ihrer silbrigen Obertonreihe eher dem Volksmusikklang nähert, hat die Altzither einen wärmenden Klang, der an Laute oder Cembalo erinnert. Sie ist am besten geeignet, um Barockmusik zu spielen, die ja leider nicht für sie geschrieben wurde, weil es die Zither in der Form damals noch nicht gab. Ich habe all diese Instrumente zuhause und empfinde es als immense Bereicherung, eine so große Auswahl an Klangfarben und Registern zu besitzen.“

Und ihre Pläne für die Zukunft? „Aktuell beschäftige ich mich damit, die Passacaglia aus den H.I.F. Biber Rosenkranzsonaten zu bearbeiten und Marin Marais Gambenrepertoire zu durchforsten.“ Darüber hinaus hat sie gerade mit einer Sopranistin zwei Arien der venezianischen Komponistin Barbara Strozzi aufgenommen. Ist ihr bei vierhundert Jahre alten Werken die historische Aufführungspraxis heilig? Sie beschäftige sich selbstverständlich damit, meint sie, liebe es aber auch, ihren ganz eigenen Fingerabdruck zu hinterlassen. „Das kann ein Glissando im Prélude sein, das so gar nicht notiert war, das aber einfach die Linie fortsetzt.“

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