Panik - Kopf über Wasser

Erstellt: 08.03.2009

Interessant für: Bass , DJ , Drums , Gitarre , Keyboards und Synthie , Vocals

Viele Bands würden nach dem, was die Jungs von Ex-„Nevada Tan“, jetzt wieder „Panik“, durchgemacht haben, verzagen und aufgeben. Man merkt es ja schon am neuen/alten Bandnamen: der wurde nicht durch einen bandinternen Streit und Umbesetzungen geboren, sondern durch Zoff mit dem alten Management. Mit den Ursachen und Konsequenzen darf sich das Hamburger Landgericht derzeit beschäftigen. Dennoch, die sechs lassen sich nicht unterkriegen und starten zum Neuangriff auf die Charts – diesmal zu 100 % Panik.

Wir trafen Franky (Gesang), Timo (Rap, Gitarre), David (Gitarre, Keyboard, Background-Gesang), Linke (Bass, Gitarre, Background-Gesang), Jan (DJ) und Juri (Schlagzeug) in den renommierten Berliner Hansa Tonstudios, in denen quasi Studio an Studio mit Panik auch Herbert Grönemeyer sein neues Album aufnahm. Während Franky und Timo mit uns vor der Kamera plauschten, übte der Rest schon mal Posen fürs Covershooting.

Momentan läuft vor dem Hamburger Landgericht noch der Rechtsstreit mit euren Ex-Managern. Sieht es für euch gut aus?

Franky: Viel sagen dürfen wir natürlich nicht, dennoch sieht es für uns sehr gut aus. Für eine endgültige Regelung gibt es noch mehrere Möglichkeiten, da wägen wir gerade ab. Aber in den nächsten Wochen wird auf jeden Fall eine Entscheidung fallen.

David

Habt ihr für euch aus dieser Zeit ein Fazit gezogen?

Timo: Man lernt ja immer dazu. Man lernt, dass man, wenn es dazu kommt, Verträge gut checkt, bevor man sie unterschreibt.

Franky: Man guckt Menschen viel genauer an, man checkt die Hintergründe von Personen, die man kennenlernt. Man schaut: Wer ist das so? Was hat der bisher gemacht? Kennt den jemand, den ich auch kenne, und kann ich da mal nachfragen? Man lässt sich nicht mehr auf Leute ein, die man nicht richtig kennt – und das kann ich auch nur anderen Bands raten.

Auf uns kommen momentan viele Bands zu, sei es auf MySpace oder anderen Plattformen, die uns fragen: „Hey, wir haben hier ein Management, die wollen das so und so machen. Könnt ihr nicht mal gucken, ob das okay ist?“ Ich bin auch kein Anwalt, aber wenn mir jemand erzählt, „unser Manager ist auch unser Produzent“, dann sieht man schon gewisse Parallelen (grinst) und kann den Rat geben: Pass da mal besser auf, und informier dich bei einem Rechtshelfer.

Timo: Wir haben eben viel Erfahrung gesammelt, nachdem wir ins kalte Wasser geschmissen worden sind, und wir sind daran gewachsen.

Franky: Wir sind nicht untergegangen.

Passend zum Neuanfang mit eurem zweiten Album wollt ihr auch keine Teenieband mehr sein, zu der ihr von Magazinen wie Bravo gemacht worden seid. Warum?

Franky: Ich finde das einfach schade. Ich meine, wir werden dieses Jahr alle 22. Wir sind einfach keine Teenies mehr. Klar, es ist verständlich, dass Leute, die älter als wir sind, nicht unbedingt auf unsere Musik abfahren müssen. Aber man merkt auch, dass Leute von Anfang an sagen: „Nee, mag ich nicht, ist scheiße“, weil wir eben in ein paar Medien stattfinden, die nicht so cool sind. Sobald die Leute aber die Musik hören und auf die Konzerte kommen, finden sie’s doch ganz cool.

Zudem haben wir keine Lust mehr, mit Leuten in einen Topf geschmissen zu werden, wo wir einfach nicht hingehören. Wir produzieren vier Monate lang ein Album, schreiben alles selber, machen alles selber – und dann stehen wir trotzdem wieder auf der gleichen Seite wie solche Tanzpuppen.

Timo: Die Leute haben uns nicht geglaubt, dass wir auch das erste Album komplett selber gemacht und selber geschrieben haben. Das ist dieses Mal noch extremer mit unserem David als Co-Produzent. Es ist schade, dass das nicht anerkannt wird.

Und deshalb macht ihr die Tür zu diesen Medien lieber zu?

Frank

Franky: Wir machen die Tür gar nicht ganz zu. Wir wollen es nur ordentlich machen. Es mag ja sein, dass es zehn Leute da draußen interessiert, was für eine Farbe unsere Boxershorts haben, aber das ist nicht unbedingt etwas, über das wir reden müssen. Wenn man uns eine ordentliche Geschichte anbietet, uns etwa auf Tour begleitet und es einfach um Musik geht, dann haben wir gar nichts dagegen. Wir werden eben in Zukunft diese Schiene nicht mehr mitfahren und das machen, was die Leute gerne hätten oder erwarten.

Habt ihr dabei keine Angst, einen Teil eurer alten Fans zu vergraulen?

Franky: Gar nicht. Unsere Fans wachsen mit, die sind jetzt auch zwei Jahre älter. Die verstehen es selber nicht, warum wir in gewissen Medien stattfinden. Ich glaube, denen ist es im Endeffekt egal, auf welcher Plattform wir präsent sind.

Timo: Es war bei uns ja auch nie so, dass in der kompletten ersten Reihe nur 13- und 14-Jährige gestanden hätten.

Franky: … ganz am Anfang vielleicht. Das hat sich dann aber gelegt.

Timo: Panik waren auch nie komplett „Teenie-mäßig“. Es war nur immer so, dass wir mit Vorurteilen zu kämpfen hatten. Die haben wir mittlerweile ziemlich aus dem Weg geräumt. Gerade auch jetzt durch die Gerichtssache haben wir ein anderes Standing als davor.

Sind die neuen Songs auch darauf abgestimmt worden? Welche Elemente sind anders?

Timo: Wir stimmen eigentlich gar nichts ab, wir machen die Musik, die wir cool finden. Das Problem beim ersten Album war, dass es ziemlich verpoppt worden ist. Das hatten wir eigentlich auch gar nicht so vorgehabt. (grinst tragisch) Dieses Mal haben wir das gemacht, worauf wir Bock hatten. Und die Platte ist, wie ich finde, sehr gut geworden.

Könnt ihr sagen, dass ihr euch in eine bestimmte Richtung weiterentwickelt habt?

Timo: Man entwickelt sich ja immer weiter, auch dadurch, dass man immer wieder andere Bands geil findet, ist man stets neuen Einflüssen ausgesetzt.

Franky: Ich will Abstand nehmen von dem immer gleichen Gerede vieler Bands: „Wir sind jetzt erwachsen geworden … bla, bla, bla.“ Mein Gott, wir haben uns ein Stück weiterentwickelt, wir haben die Songs geschrieben, die im vergangenen Jahr aktuell waren. Und wenn man zurückblickt: Wir haben eineinhalb Jahre an diesem Album gearbeitet und hätten es am liebsten auch schon letztes Jahr rausgebracht. Wenn man sieht, welche Songs nun auf dem Album drauf sind und welche nicht drauf gekommen wären, wenn wir schon letztes Jahr releast hätten, dann sind wir ganz froh, dass wir uns so viel Zeit genommen haben. Wir haben jetzt auf dem Album viele neue Sachen: Linke singt einen Song, David ebenso – wir haben viel Abwechslung.

Timo: Man muss auch dazu sagen, dass das erste Album Songs enthält, die teilweise schon 2004 geschrieben worden sind. Da waren wir ja noch Kinder! (lacht) Natürlich haben wir uns dahingehend weiterentwickelt. Das neue Album zeigt das aktuelle Bild der Band, und das ist natürlich viel näher am Jetzt als damals. Beim ersten Album ist es ja so, dass die Songs quasi ein Best-of des ganzen bisherigen Lebens reflektieren.

Beim zweiten Album fängt man von Null an, aber die Zeitspanne dazwischen ist viel kürzer. Mit den neuen Sachen können wir uns dementsprechend auch mehr identifizieren als mit dem alten Kram.

Jan

Die neuen Songs kamen mir auf jeden Fall düsterer vor.

Franky: Düstere Zeiten, die wir gerade durchmachen! (allgemeines Gelächter)

Timo: Ich sag’s mal so: Wenn man Texte schreibt, dann schreibt man darüber, was einen gerade beschäftigt. Und wenn wir momentan vor Gericht stehen, irgendwelche Anzeigen auf uns hereinprasseln und wir uns mit der Steuerfahndung etc. beschäftigen müssen, dann spiegelt das das auch wider.

Franky: Wir waren ja noch nie eine Fun- bzw. Alles-ist-gut-Band, wir haben schon immer Probleme aufgefasst. Klar, wir singen auf Deutsch, da fällt das immer gleich extrem auf und ins Gewicht. Dann hast du etwa eine Nummer wie Keiner merkt es, wo jemand denken mag: „Oh, die ist ja echt schwer.“ Aber dafür ist der Song auch von der musikalischen Seite her großartig, und ich denke, das unterstützt das Ganze. Ich bin mir sicher, dass viele Leute bei der Nummer sagen werden: „Das geht mir genauso“ oder „Kenne ich“.

Müssen Songs denn immer Tiefgang haben?

Timo: Nicht immer. Wenn man mal Bock hat, eine Schrabbel-Nummer zu machen, die ebenfalls geil ist, dann sollte man das tun. Jeder Mensch ist anders. Ich persönlich finde auch irgendwelche amerikanischen Punk-Bands, die nicht so viel Aussage haben, super. Solange das authentisch ist und man das der Musik auch anfühlt, kann man alles machen.

Franky: Es kommen immer mal wieder Leute zu uns und meinen: „Macht doch mal ein bisschen was Lustigeres oder Fröhlicheres!“ Aber warum sollten wir das tun? Musik schreibst du aus deinen Emotionen heraus, und wenn du gerade diese Emotionen durchlebst, dann entsteht eben solche Musik.

Ist die zweite LP denn schwieriger gewesen, auch im Hinblick auf die Erwartungen der Plattenfirma?

Timo: Man muss erwähnen, dass das letzte Album eine Top-10-Platte war und wir Gold in Russland gemacht haben. Wir hatten durch das Album Erfolg in ganz Europa. Ein gewisser Druck ist also schon da. Aber wir haben nicht analysiert, was wir beim ersten Album gemacht haben und was wir jetzt beim zweiten machen wollen. Wir haben immer einfach nur Musik gemacht, die anscheinend auch ein paar anderen Leuten gefällt, und das wird sich auch nicht großartig ändern. Und wenn doch, ist es auch nicht schlimm, wenn wir weniger verkaufen. Wir machen das, worauf wir Bock haben, und das ist jetzt wirklich das Album, hinter dem wir zu 100% stehen.

Franky: Was anders ist – wie oben erwähnt – ist, dass du am Anfang die Schublade voll mit Ideen hast, mit allem, was du jemals gemacht hast, seit du Musik machst. Und dann kommst du an den Punkt: Du bist auf Tour, du weißt, unser Album ist jetzt langsam durch, die letzte Single ist da – wir müssen langsam anfangen, an dem neuen Album zu arbeiten. Jetzt ist es bei uns ja nicht so, dass irgendwelche Songwriter dahinter stehen, die die Songs für uns vorbereiten; wir machen das selbst.

Das heißt, wir müssen dann sagen, okay, wir sind jetzt zwei Wochen weg zum Songwriting, dann gibt es in dieser Zeit aber auch keine Promo oder Konzerte.

Timo: Das ist eigentlich schade, dass man das so betonen muss, weil es selbstverständlich sein sollte, dass die Leute, die die Songs spielen, diese auch schreiben. Leider ist es aber gerade auch in Deutschland so, dass 70 % der Künstler, die hier vertreten sind, ihre Songs nicht selber schreiben.

Timo

Wie läuft das Songwriting bei euch ab? Wer schreibt mit wem zusammen? Und wie organisiert ihr vor allem das Zusammenspiel zwischen euch beiden, also zwischen Rap und Gesang?

Franky: Wir haben ja echt viele krasse Künstler bei uns: David etwa, der neben der Gitarre auch das Klavier perfekt beherrscht. Daher kommt, musikalisch gesehen, das meiste von David und von Linke, der auch viel macht. Von textlicher Seite ist Timo mit dabei, weil ich ja schlecht für Timo die Raps schreiben könnte. Die drei bilden den „Hauptkern“, und wir anderen helfen, wo es eng wird.

Timo: Ein Song ist ja immer etwas Persönliches. Ich finde daher, dass es wichtig ist, dass ihn eine Person schreibt – nicht dass man sich zu sechst hinsetzt und sagt: „So, wir schreiben jetzt einen Song.“ Denn immer, wenn man Kompromisse macht, geht auch etwas verloren. Erst nachdem der Song fertig ist, sollte man ihn mit den anderen besprechen, dann kommen immer Ideen wie: „Ach ja, da könnte man noch …“

Franky: Wir machen oft eine sogenannte „Themenfindung“. In Münster im Studio etwa hatten wir wunderbares Wetter und saßen alle zusammen draußen auf dem Rasen mit Stiften in der Hand und haben uns überlegt: Über was könnte man momentan Songs schreiben? Was bewegt uns sechs, was bewegt gerade die Allgemeinheit, was die Welt? Dann hat man viele Gedanken, die sich gegenseitig anstoßen.

Timo: Das ist von Song zu Song unterschiedlich. Bei manchen Songs schreibe ich los, und schreibe, schreibe und schreibe, und der Text ist fertig. Bei anderen schreibt man was und ist sich nicht so sicher. Dann tauscht man sich eben aus.

Ihr nehmt euch also immer extra Zeit nur fürs Songwriting?

Franky: Definitiv. Wir waren einen Monat lang in den Principal-Studios, wenn nicht sogar länger, und haben da nur Songs geschrieben.

Timo: Das war auch wichtig. Zu dem Zeitpunkt war der Stress mit dem alten Management gerade rum, wir hatten uns von ihnen getrennt und haben uns einen Monat Auszeit auf dem Land genommen. Super Studios übrigens – dort haben auch Die Toten Hosen ihr Album aufgenommen. Da sind dann Songs wie Keiner merkt es oder Jeder, quasi die ältesten Songs vom jetzigen Album, entstanden.

Juri

Ihr seid ja alles exzellente Musiker, David etwa hat bei „Jugend musiziert“ mehrfach überzeugt. Aber auch jetzt beim SchoolJam-Bandwettbewerb und dem Abhören der eingeschickten Bänder haben wir wieder feststellen müssen, dass das oft noch nicht ausreicht. Habt ihr Tipps für ein gutes Zusammenspiel innerhalb der Band?

Timo: Bei „Jugend musiziert“ spielt man ja Stücke nach. Wichtig in einer Band ist, dass man selber kreativ ist. Das können noch so gute Musiker sein, die etwas perfekt nachspielen können, man muss halt selber etwas schaffen.

Franky: Bevor auch wir mit den Songs loslegen, treffen sich David, Linke und Juri – also die Rhythmusfraktion – und fangen erstmal an, den Grundstock zu legen. Dann erst kommt Jan mit dem DJ-Set dazu, später Timo und ich – das muss sich so fügen.

Außerdem muss man natürlich proben, proben, proben. Man merkt das! Wenn wir mal ein paar Monate nicht geprobt haben, sind auch wir extrem eingerostet. Man muss an sich und der Band arbeiten, denn man hört, ob eine Band ein Jahr zusammen spielt oder schon zwei Jahre – oder eben erst drei Monate.

Habt ihr schon eine Strategie, um euch und euer neues Album ins Gerede zu bringen?

Timo: Wir werden uns in sämtliche Computer und auf alle großen Portalen wie MySpace, Bild.de usw. auf den Startseiten einhacken. (beide grinsen)

Franky: Nein, Quatsch. Wir werden eine Autogrammtour starten, wie wir das schon ein paar Mal gemacht haben. Wir werden mit Homepage, Video und allem, was dazugehört, voll an den Start gehen: Unter Panik-musik.de kann man sich immer top-aktuell informieren.

Timo: Wir drehen ja auch Videos von uns und können die direkt in den Kyte-Player auf unserer Seite uploaden. In den gesamten Kyte-Player-Charts sind wir übrigens – um kurz auch noch ein bisschen zu prollen – auf Platz 15. (grinst) Das heißt, wir sind die einzige europäische Band, die in diesen Top 20 vertreten ist.

Linke

Franky: 50Cent führt die Charts an. (grinst) Ich denke, sobald die Leute das Album gehört haben und gut finden, wird wieder ein Stein ins Rollen kommen, der einige mitnimmt – das hoffen wir zumindest. (allgemeines Gelächter)

Was hofft ihr, über euch dann in der Presse zu hören?

Franky: Dass wir ein supergutes Album gemacht haben, dass es sich vor allem gelohnt hat, sich so lange zurückziehen zu müssen, zu wollen.

Timo: „Panik nach zerstörerischem Rechtsstreit doch noch Kopf über Wasser mit brillantem Album“, das wäre doch eine super Überschrift. (Gelächter)

Text: Martina Gawenda, Fotos: Dominic Bünning, Dirk Matschuk