• Korrektur zur Rode-Vorstellung: Kugelcharakteristik hat Nahbesprechungseffekt!

    Ich habe mit Interesse die Mic-Serie zu den Rode-Mics gelesen. Dabei bin ich über eine Aussage gestolpert, die es zu korrigieren gilt: Bei der Kugelcharakteristik gäbe es keinen Nahbesprechungseffekt. Das ist eine oft gehörte Behauptung. Sie hat nur einen Fehler - sie ist schlicht falsch! Die Kugelcharakteristik bei umschaltbaren Mikrofonen wird durch die Addition der Signale zweier Nierenkapseln (die beiden Seiten einer Doppelmembran) erzeugt. Damit bleibt der Nahbesprechungseffekt weiterhin erhalten! Ausnahme: Eine Schoeps-Kapsel (MK5), bei der die Umschaltung tatsächlich mechanisch erfolgt und aus dem Druckgradientenempfänger Nierenkapsel dann einen reinen Druckempfänger mit  Kugelcharaktersitik macht.Fazit: Wer keinen Nahbesprechungseffekt haben will, muss ein Mikrofon mit "echter" Kugelkapsel (aufgebaut als Druckempfänger) kaufen. Alle anderen geben sich weiterhin mit dem vorhandenen Nahbesprechungseffekt zufrieden.

    • #1
    • 11.12.2007 13:07

    Der Nahbesprechungseffekt verschwindet auch bei (elektrisch) umschaltbaren Mikrofonen. Probier’s einfach mal aus. Ich hab ne tiefe Stimme und kann den Nahbesprechungseffekt bei mir selber sehr gut hören. Vielleicht verschwindet er nicht immer perfekt, weil die Kapsel keine perfekten Nieren ausbildet oder eine Hälfte etwas anders klingt als die andere. Aber der Nahbesprechungseffekt verschwindet bzw. verringert sich sehr stark von Acht über Niere bis Kugel. Was im Übrigen auch einen Reiz der umschaltbaren Richtcharakteristik für Vokalaufnahmen darstellt. Auch bei Akustikgitarre sehr nützlich.

    Du hast im übrigen auch den Effekt, dass ein "gekugeltes" Großmembran-Kondensatormikro wie echte Kugeln meist einen tiefer reichenden Bass im Kugelmodus produzieret. Schau dir beispielsweise mal auf www.neumann.com die Sollfrequenzgänge des TLM127 an. Trotzdem erscheint dir im Nahbereich die Niere und erst recht die Acht deutlich wuchtiger. Eben wegen des Nahbesprechungseffekts, der bei Niere und Acht den früheren Roll-off mehr als ausgleicht.

    • #2 Antwort auf #1
    • 11.12.2007 13:47

    Lieber Andreas,

    Alle Druckgradientenempfänger haben im Gegensatz zu reinen Druckempfängern einen Nahbesprechungseffekt.

    Punkt.

    Die ursprüngleiche Aussage des Threadstarters:

    "die es zu korrigieren gilt: Bei der Kugelcharakteristik gäbe es keinen Nahbesprechungseffekt."

    Ich weiß nicht, ob die Aussage ursprünglich exakt im Heft so gemacht wurde, falls ja ist sie falsch...

    Beste Grüße

    Wolfram

    • #3 Antwort auf #2
    • 11.12.2007 13:55

    Danke.

    Es ist ja schon so, dass der Nahbesprechungseffekt um so größer ist, je stärker der offene Druckgradientenempfänger in "Reinform" eine Rolle spielt.

    Die Acht hat demnach auch den stärksten Nahbesprechungseffekt. Die Niere weniger und anscheinend ist es so, dass bei einer Zusammenschaltung von zwei Nieren zur Kugel der Nahbesprechungseffekt noch etwas weniger zu Tage tritt. Dennoch ist der Effekt vorhanden.

    Am stärksten wirkt er sich im tiefsten Frequenzbereich aus. Hier (http://www.kgw.tu-berlin.de/lehre/lehrveranstaltungen/wise_05_06/kt1/Bore_Peus%20Mikrofone.pdf) ist auf S. 16 eine entsprechende Grafik zu finden, die das verdeutlicht.

    • #4 Antwort auf #2
    • 11.12.2007 15:05

    Ich rede in Tests eigentlich nie von Druckempfängern oder Druckgradientenempfängern, sondern von Kugeln, Nieren und Acht etc. Weil allgemein verständlicher. Entsprechend steht da, dass das Rode in Kugelstellung keinen Nahbesprechungseffekt hat. Was sich ja durch einfaches Ausprobieren verifizieren lässt. Also: einfach mal davor stellen, ein tiefes "uh" singen und bei verschiedenen Abständen den Klang in Kugel Niere und Acht vergleichen. Wenn kein Rode da ist, tut’s auch ein Neumann oder AKG.

    Es ist richtig, dass Druckgradientenempfänger immer einen Nahbesprechungseffekt aufweisen. Wenn ich aber aus zweien durch Addition eine Kugel baue, dann hebt sich der Nahbesprechungseffekt der beiden Kapselhälften weitestgehend auf, und zwar in dem Maß, in dem die beiden eine (perfekte) Kugel bilden. Da Großmembranmikros keine besonders perfekten Richtcharakteristiken ausbilden können und die beiden Hälften auch nie 100% identisch sind, kann wie eben erwähnt ein ganz leichter Nahbesprechungseffekt erhalten bleiben. Das einzige Mikro, bei dem mir das erwähnenswert erschien, war das Samson C03, einer meiner ersten Tests für die Keyboards. Das hatte nämlich eigentlich keine Nieren, sondern Supernierenkapseln, und wahrscheinlich auch keine perfekt aufeinander abgestimmte.

    Bei den Rodes schien mir ein möglicherweise vorhandener letzter Rest an Nahbesprechungseffekt in Kugelstellung nicht erwähnenswert. Den hätte man schon messtechnisch nachweisen müssen, zu hören war er kaum. Grundsätzlich sind Tests kein Platz für Theoretisierunen oder Grundsätzliches. Da geht’s um v.a. um die Praxis und um konkrete Mikrofone. Erwähnt ist aber durchaus, dass die Kugelstellung immer das Stiefkind des umschaltbaren Großmembranmikros bleibt. Vorwiegend aber aus einem anderen Grund: Viel relevanter für die Praxis als ein eventuell noch ganz leicht vorhandener Nahbesprechungseffekt sind die recht starken Off-Axis-Verfärbungen, die eine aus zwei Großmembrannieren hergestellte "künstliche" Kugel aufweist. Gerade dann, wenn die Membranen so groß sind wie bei Rode.

    • #5
    • 28.06.2011 13:39

    Dieser Thread ist alt, aber wenn man nach "Nahbesprechungseffekt" googlet, ist er immer noch ziemlich vorn. Deshalb möchte ich hier mal ein paar neuere Untersuchungsergebnisse anfügen.

    Auf der Neumann-Website ist unter Downloads ein neues AES-Paper von Martin Schneider verfügbar, das u.a. auf die Thematik Nahbesprechungseffekt bei Doppelmembrankapseln eingeht. Martin Schneider belegt dort mit Messungen, dass - wie ich hier beschrieben habe und jeder selbst ausprobieren kann - der Nahbesprechungseffekt auch bei umschaltbaren Großmembranmikros in Kugelstellung (d.h. "elektrische" Kugel aus zwei Druckgradientenempfängern) nahezu vollständig verschwindet.

    Der relevante Abschnitt ist:

    5. Omnidirectional Microphones in the Near Field

    Do double diaphragm designs show proximity effect, i.e. a bass boost, when set to omnidirectional? This question often arises with people working mostly with omnidirectional microphones. The answer is: yes, slightly, but only at minimal distances. Fig.9 shows the behaviour of such a double diaphramgm design at 0.05m.

    In Theory, if the double capsule were perfectly thin, the proximity effect at the front and the rear diaphragm would compensate each other. But with typical real capsules, the front diaphragm will be e.g. 3 - 6 mm closer to the sound source. Thus, proximity effect on the front half of the capsule will be slightly higher than on the rear side, and results in a very slight rise in the low frequencies, with a directivity index of perhaps 0.8 dB. For practical applications this slight rise may well be neglected and the polar pattern regarded as fully omnidirectional.

    Martin Schneider. "Microphone Choice: Large or Small, Single or Double", AES Paper, Presented at the 128th Convention 2010 May 22-25 in London, UK.

    http://www.neumann.com/download....8124_Schneider_Microphone_Choice.pdf

    • #6 Antwort auf #4
    • 02.07.2011 21:17

    Zitat von Andreas_Hau:

    "

    Ich rede in Tests eigentlich nie von Druckempfängern oder Druckgradientenempfängern, sondern von Kugeln, Nieren und Acht etc. Weil allgemein verständlicher. Entsprechend steht da, dass das Rode in Kugelstellung keinen Nahbesprechungseffekt hat. Was sich ja durch einfaches Ausprobieren verifizieren lässt. Also: einfach mal davor stellen, ein tiefes "uh" singen und bei verschiedenen Abständen den Klang in Kugel Niere und Acht vergleichen. Wenn kein Rode da ist, tut’s auch ein Neumann oder AKG.

    Es ist richtig, dass Druckgradientenempfänger immer einen Nahbesprechungseffekt aufweisen. Wenn ich aber aus zweien durch Addition eine Kugel baue, dann hebt sich der Nahbesprechungseffekt der beiden Kapselhälften weitestgehend auf, und zwar in dem Maß, in dem die beiden eine (perfekte) Kugel bilden. Da Großmembranmikros keine besonders perfekten Richtcharakteristiken ausbilden können und die beiden Hälften auch nie 100% identisch sind, kann wie eben erwähnt ein ganz leichter Nahbesprechungseffekt erhalten bleiben. 

    "

    praxis vs. theorie

    manchmal, aber nur manchmal, würde ein kleines bischen hinhören soviel klarheit bringen