• sticky neck syndrome

    Man muss offensiv damit umgehen, es nützt niemandem, wenn solche Symptome totgeschwiegen werden: meine tolle Gibson J-45 hat das sticky neck syndrome (SNS). Von Anfang an gehabt, ich wollte es nur nicht wahrnehmen. Wahrscheinlich war ich durch den betörenden Sound geblendet, als ich sie unter einem halben Dutzend anderer J-45 ausgesucht habe.

    SNS manifestiert sich durch einen stumpfen, leicht klebrigen Belag, der sich nach wenigen Minuten des Spielens auf der Rückseite des Halses bildet und der ein wirklich komfortables Spielen unmöglich macht. Die Bewegung der Hand wird manchmal regelrecht gebremst. Fühlt sich scheisse an und sieht auch scheisse aus, um es zusammenzufassen.

    Amerikanische Foren sind sich noch uneinig über die korrekte Behandlung des SNS. Die Empfehlungen gehen von diversen Tinkturen, Öl- oder Silikonhaltig, über Feuerzeugbenzin, Naphtalin und Carnaubawachs bis hin zu drastischeren Maßnahmen wie das Abreiben mit 0000er Stahlwolle. Die “Krönung” ist dann das komplette Entlacken des Halses.

    Meine eigenen Behandlungsversuche bisher bestanden in einfachem Abwischen mit Microfasertuch sowie dem Auftragen von bzw. Abwischen mit “X4-OXI” Instrumenten-Reiniger. All to no avail, wie der Angelsachse sagt.

    Mein nächster Schritt wird nun das Behandeln des Halses mit Micro-Mesh® sein, einem Schleifleinen mit sehr feiner Körnung (1500 bis 12000), das in einem widerum amerikanischen Forum als “ultimate cure” angepriesen wird. Das Zeug gibt’s über amazon zu kaufen.

    Ich habe also den Hals meiner J-45 einer Behandlung mit Micro-mesh unterzogen. Zuerst mit 1.800er, dann 2.400, 3.200, 3.600, 4.000, 6.000, 8.000 und schließlich 12.000er "Körnung". Zwischendurch immer wieder den Hals mit einem feuchten Tusch abwischen, um den Schleifstaub zu entfernen. Ergebnis: Rückgang der Klebrigkeit des Halses um ca. 80-90%. Ganz weg ist es nicht, wäre es aber vielleicht, wenn ich, wie empfohlen wird, mit 1500er angefangen hätte. Erwähnenswert ist noch, dass der Hals mindestens genauso glänzt wie vorher. Klar, nach dem 1.800er ist er erstmal stumpf, aber nach dem 8.000er glänzt er wie vorher, das 12.000er bringt m. E. sogar noch ein bisschen mehr Glanz.

    Nach zwei Tagen: SNS is back. Das Ganze hat nicht lange gehalten. Inzwischen habe ich die Behandlung wiederholt, diesmal mit 1500er Papier am Anfang und nur bis 4000. Schon am nächsten Tag war der positive Effekt verschwunden.

    Ein weiterer unangenehmer Nebeneffekt von SNS: der Daumen auf der Halsrückseite wird nicht nur gestoppt, sondern erzeugt dabei auch lästige Quietsch-Geräusche. Beim lauten Strumming kein Problem, subtileres Material aber wird gestört dadurch.

    Es gibt jetzt noch drei Optionen, dem Problem Herr zu werden:

    1. warten, bis es von alleine weggeht (kann wohl bis zu mehreren Jahren dauern)
    2. dem Lack mit 0000er Stahlwolle zu Leibe rücken
    3. die Halsrückseite komplett entlacken

    Die letzten beiden Optionen sind halt auch optisch nicht so erstrebenswert. Gibson hat das Mahagoni von Hals und Korpus nicht einfach klar lackiert, sondern einen fast deckenden braunen Lack genommen. Man müsste also wirklich die ganze Halsrückseite inkl. Halsfuß und Kopfplattenrückseite behandeln, damit kein störender Übergang entsteht und es einigermaßen aussieht.

    Mich würde mal interessieren, wie weit verbreitet dieses Problem wirklich ist. Haben das alle Besitzer einer (neueren) Gibson-Gitarre? Hat das mit der Zusammensetzung des Handschweißes zu tun?

    • #1
    • 01.07.2012 14:01

    Hi,

    ich glaube, es hat tasächlich mit dem oder der Zusammensetzung des Handschweißes zutun. Ich habe kaum Handschweiß, hatte verschiedene Gibson Gitarren und nie ein Problem mit dem Nitrolack bzw. "SNS".

    Ich glaube, wer das Problem hat, der hat einfach Pech und muss warten, bis der Nitrolack so aushärtet, das sich das Problem von selbst löst, was anscheinend wohl Jahre dauert.

    Oder entlacken oder Gibson meiden. Ist wohl leider so.

    Warum sich die Firma Gibson selbst sich nicht mit dem Problem näher auseinandersetzt, weiß ich auch nicht. Es scheint ja doch recht verbreitet ist. Die haben es scheinbar wohl einfach nicht nötig

    Gruß Diet

    • #2 Antwort auf #1
    • 01.07.2012 14:03

    "Es scheint ja recht verbreitet zu sein" soll es natürlich heißen.

    Jeder möchte eine Editierfunktion hier! Aber leider gibt es keine.

     

    Gruß Diet

    • #3
    • 01.07.2012 14:41

    Bisher hatte ich bei keiner meiner Gitarren Probleme dieser Art, auch nicht bei Nitro-Lackierungen. Ich habe auch keine besonders schweißigen Hände.

    • #4
    • 01.07.2012 15:38

    Ich hab mal von einem englischen Gitarristen gelesen, der alle seine neu gekauften Gitarren mit Nitrolackierung für ein paar Tage in einen Sack mit Katzenstreu steckt.

    Das Klebrige im Lack sei dann ganz weg.

    • #5
    • 01.07.2012 17:42

    Ich hatte früher schöne Fender USA Vintage Reissues, Strats und Teles. Musste ich leider wegen der klebrigen Nitro-Lackierung alle verkaufen. Jetzt spiele schon lange Gitarren mit normaler Lackierung und habe keinerlei Probleme mehr. Die "agen" zwar nicht so schön als die Nitro lackierten, aber die Bespielbarkeit ist mir wichtiger.

    Gruß

    Pit

    • #6
    • 02.07.2012 16:47

    Zitat von jazzizm:

    "

    ... sticky neck syndrome ... All to no avail ... “ultimate cure” ... SNS is back ...

    Die letzten beiden Optionen sind halt auch optisch nicht so erstrebenswert. Gibson hat das Mahagoni von Hals und Korpus nicht einfach klar lackiert, sondern einen fast deckenden braunen Lack genommen. Man müsste also wirklich die ganze Halsrückseite inkl. Halsfuß und Kopfplattenrückseite behandeln, damit kein störender Übergang entsteht und es einigermaßen aussieht.

    Mich würde mal interessieren, wie weit verbreitet dieses Problem wirklich ist. Haben das alle Besitzer einer (neueren) Gibson-Gitarre? Hat das mit der Zusammensetzung des Handschweißes zu tun?

    "

    Hallo Jazzizm,

    so viele Fremdwörter, wow, mir ist jetzt noch schwindlig beim durchlesen. In letzter Zeit scheint diese Unsitte immer schlimmer zu werden, gerade so, als ob durch das Lesen durch amerikanische Foren der deutsche Sprachgebrauch zumindest zeitweise komplett abhanden zu kommen scheint ...

     

    Doch zum Thema:

    Gibson lackiert seine Gitarren nach wie vor mit einkomponentigem (Nitro-) Lack. D.h. dieses Zeugs trocknet durch Verdunstung der im Lack enthaltenen Lösungsmittel. Vor "hart" ist eben "feucht" und danach kommt "klebrig". Wurde der Lack mit wenigen Schichten sehr dick auflackiert, können die Lösungsmittel aus den tieferen Lackschichten nur sehr schlecht durch die darüber liegenden Lackschichten ausdünsten. In diesen Fällen bleibt der Lack für viele Jahre klebrig. Bei besserer Lackierung mit dünneren Schichten, die genug Zeit zwischendurch zum austrocknen haben, dauert das nur noch wenige Jahre, bis der Lack tatsächlich "hart" wird.

    Irgendwie sind heutige Gitarristen etwas ungeduldig - und nicht alle möchten auf "(fernöstliche, dick und zweikomponentenlackierte Massenware) ausweichen. Dazu kommt noch, daß moderne einkomponentige (Nitro-)Lacke nicht mehr mit einem hohen Anteil von schnell-flüchtigen Lösungsmitteln hergestellt werden, wie in den 1950er - 1970er Jahre. Das alte Zeug ist einfach viel zu giftig und daher per Gesetzgeber verboten. Die Grenzen werden auch laufend nach oben angehoben. Tatsächlich scheint es aber auch von (Lack-)Hersteller zu (Lack-)Hersteller gewisse Unterschiede in Sachen "Klebrigkeit" zu geben.

    Schwierig wird es mit Handschweiß. Je nach Gitarristen-Typ ist dieser in der Zusammensetzung, aber auch der Menge unterschiedlich. Auf jeden Fall reagiert der Lack damit und bildet mehr oder weniger schnell eine ziemlich klebrige Schmutzschicht welche im Laufe der Jahre schon auch mal auf 0,5mm und mehr anwachsen kann, wie manch eine "Vintage"- Gitarre zeigt.

    Poliert man diese Schicht herunter, wird alles wieder schön glänzend und rutschig - bis zum nächsten Schlutzklebebefall.

    Zum Polieren kann man jetzt das Micromesh (gibt's auch in einem Münchner Musikladen zu kaufen) nehmen. Das Zeug ist leider schnell verklebt und schleift dann gar nichts mehr runter, besser poliert man damit matte Bünde. Oder man nimmt eine Lackpolitur. Nigrin Autolack für alte, verwittere Lacke (aus dem Baumarkt - aber NUR mit dieser Bezeichnung!) wäre die billigste Variante. Etwas kräftiger polierend/reinigend ist das im Musikgeschäft erhältliche Polish von Planet Waves, welches man zum Abschluss noch mit dem Dunlop 65 "Cream of Carnauba) nachbehandeln kann. Anstelle dessen hat sich aber gerade bei Klebrigkeit das Gibson "Hi Gloss Guitar Polish" bewährt. Also zuerst den Hals "reinigen" (Polish oder MicroMesh), dann das Gibson Zeug drauf und das Ding flutscht wie nie zuvor.

    Nach dem spielen nicht vergessen: Den Hals (Saiten und den Korpus) mit einem feinen Mikrofasertuch abreiben (gibt's auch im besagten Münchner Musikgeschäft für ziemlich kleines Geld) und das Gibson Zeug immer mal wieder auftragen. Nach Auskunft von Gibson soll nur dieses Mittel helfen - und ich muß bestätigen, daß mir selbst noch nichts besseres untergekommen ist. Irgendwie erinnert mich der Geruch an Mutters uralten Möbelpolitur (mindestens 50 Jahre alt), mit welcher sie zu meiner Jugendzeit die damals üblicherweise in Nitro lackierten Möbel einmal wöchentlich bearbeitet hat.

    Ansonsten muß halt der Lack ab und der Hals geölt werden, was freilich eine optische Beeinträchtigung ist! Man könnte den auch im Griffbereich anschleifen und matt überlackieren (matter Nitro-Einkomponentenlack rutscht aufgrund seiner matt machenen Plastikbestandteilchen super gut). Optisch ist diese Variante deutlich besser. Aber mit Hochglanz geht nichts und mit einem hartem Zweikomponentenlacke (sind meist glatt und so gut wie niemals klebrig) ist es auf weichem Nitrolack schwierig, spätere Reaktionen nicht ausgeschlossen).

    Viele Grüße

    André

    • #7
    • 02.07.2012 16:54

    Zitat von jazzizm:

    "

    ... Gibson hat das Mahagoni von Hals und Korpus nicht einfach klar lackiert, sondern einen fast deckenden braunen Lack genommen. Man müsste also wirklich die ganze Halsrückseite inkl. Halsfuß und Kopfplattenrückseite behandeln, damit kein störender Übergang entsteht und es einigermaßen aussieht.

    Mich würde mal interessieren, wie weit verbreitet dieses Problem wirklich ist. Haben das alle Besitzer einer (neueren) Gibson-Gitarre? Hat das mit der Zusammensetzung des Handschweißes zu tun?

    "

    Ach ja - den zweiten Teil noch vergessen, zu beantworten:

    bei Gibson wird zuerst Porenfüller aufgetragen, dann braun gefärbt, dann kommt Klarlack drauf. Es wurde also kein dicker, brauner Lack verwendet, sondern dicker, transparenter Lack mit einer dünnen Schicht braun darunter.

    Zum letzten Satz:

    Ja, alles was von Gibson hochglanzlackiert kommt, klebt. Dasselbe gilt auch für Fender's American Vintage Serie, Collings und was weiß ich noch für Marken, die mit Nitro lackieren. Bei Martin kennt man dieses Problem ebenfalls. Nur lackiert man dort seit einigen Jahrzehnten bereits die Hälse in aller Regel matt ...

    Viele Grüße

    André

    • #8
    • 12.07.2012 09:52

    Hi,

    ich weiß nicht, ob man das verallgemeinern kann, aber ich hab es bei meiner Gibson Les Paul Studio in den Griff gekriegt, nachdem ich mich schon ein, zwei Jahre darüber geärgert hatte und es einfach nicht verschwinden wollte. Irgendwann hab ich den Hals auf der  Rückseite mit einem nassen Tuch mit Spüli abgerieben, als er klebrig wurde, und dann mit einem nassen Tuch (nur mit Wasser) nachgewischt und schließlich abgetrocknet. Das war dann erstmal gut und ich hab das dann immer wiederholt, wenn es wieder klebte.

    Nach ein paar Monaten hat sichs dann gegeben und seither wische ich nur noch trocken drüber.

    Gruß, bagotrix