Wie die wohl gesetzten Akupunktur-Nadelstiche eines chinesischen Arztes – diese Trommelschlagsalven lassen einen tatsächlich zusammenzucken. Fast wie bei Gewehrfeuerattacken, nur mit dem feinen Unterscheid, dass man bei Trilok Gurtus Trommelfeuer anstelle von einer Schreckensmiene ein Lächeln im Gesicht verspürt. Tief verwurzelt in der klassischen indischen Musik, aber halt doch verschmolzen mit diversen globalen musikkulturellen Einflüssen. Sein höchst eigenständiges Trommelspiel ist unglaublich vielseitig, aber doch immer unverkennbar „Trilok Gurtu“. Dieser 1951 in Bombay geborene Rhythmiker ist schon früh ein Bündnis mit Zeit und Pulsierung eingegangen. Das erste Stück „Seven Notes To Heaven“ der neuesten Solo-CD „Massical“ fällt im Vergleich zu den anderen Stücken – was Präzision und Klarheit des musikalischen Ausdrucks angeht – zwar ein klein wenig ab. Dafür erlebt man beim chronologischen Hören der zehn Tracks äußerst eindrucksvoll, was eine individuell eigenwillige Rhythmusinterpretation bedeutet! Wie auch bei Vorgängerwerken spielt Trilok Gurtu auf „Massical“, das zwischen Sommer und Herbst 2008 in unterschiedlichen Studios in Italien, Deutschland und Indien aufgenommen wurde, ein Riesenarsenal an Percussion-Instrumenten und natürlich sein ureigenes Trilok Gurtu Schlagzeug/Percussion- Set mit den so charakteristisch-trockenen Basstrommel-Sounds. Immer wenn der Meister dieses Set bedient, dann geht so richtig die Post ab! Die Pattern und auch das Timing, die oft an Double-Bassdrum-Salven erinnernden, Attackstrotzenden Basstrommel-Figuren sind ein „Alleinstellungsmerkmal“ Gurtuscher Trommelkunst (um mal einen abgedroschenen Begriff außerhalb des Musikkontextes zu bemühen). Alles ist hier im Fluss. Fließen kann sprichwörtlich genommen werden. Bei einigen Stücken wie dem großartigen „Kuruksetra“ hört/sieht man nahezu den indischen Meistertrommler mit seinen Armen und Händen vertikal und horizontal über seine multi-perkussive Trommelburg gleiten. „Massical“ bewegt sich stilistisch in einem weiten Feld. Von folkloristisch und meditativ-spirituell bis hin zu peitschend-treibender harter Fusion-Power. Auch musikkulturell gehört „Massical“ zu den Aufnahmen, die unterschiedlichste Einflüsse von ost- und zentralasiatisch, indisch, europäisch, amerikanisch und afrikanisch verschmelzen. Dieses gelingt überzeugend, denn man spürt, dass Trilok Gurtu in all den zitierten Stilen tatsächlich zu Hause ist, ohne seine eigene Handschrift zu verlieren. Nein, hier scheint es eher so, als wenn jeder musikkulturelle Einfluss eine weitere Facette offenbart, die sonst unentdeckt bliebe. Trilok Gurtu spielt auf „Massical“ u. a. so unterschiedliche Instrumente wie Tabla, Synthesizer, Keyboard, Frame Drums, Kalimba, Talking Drums, Cajon, Udu, Madal, Repenique und High Tambourines. Auf einigen Stücken steuert der Meister auch die Vocals bzw. Backing-Vocals bei. Unterstützt wird Trilok Gurtu hierbei von fantastischen Musikern wie u. a. Roland Cabezas (Gitarre), Phil Drummy (Flöten, Saxohone, Duduk, Santur), Kai Eckhardt (Bass), Ravi Chari (Hamonium), Nitin Shankar (Keyboard, Percussion), Devki Pandit (Gesang) und Jan Garbarek (Saxophon). „Massical“ ist ein sehr dicht produziertes, vor Atmosphäre nur so sprühendes Album – und ein Zeugnis wahrer Trommelkunst!
BHM/ZYX
BHM 1037-2
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